Abschlusslesung im Münchner Künstlerhaus

Am Freitag, 23. Juni 2017, fand im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz die Abschlusslesung der Onlinephase des Netzromans und damit auch die erste öffentliche Lesung aus dem Manuskript Der gefundene Tod statt.

Mit dabei als Vortragende und Diskussionspartnerinnen waren die junge Autorin Sophie Stroux, die aus der Sicht einer Userin und als Blogbetreiberin über den Netzroman und das Schreiben im Internet berichtete, und die Poetry Slammerin Fee, die das Publikum mal mit nachdenklichen Texten und mal mit Witz und Ironie in das Gefühlschaos der Pubertät zurückversetzte. Die Moderation des Abends übernahm der Schriftsteller Fridolin Schley.

Veranstalter des Abends waren der Münchner Seerosenkreis und das Literaturportal Bayern, das mit diesem Abend auch sein fünfjähriges Bestehen feierte.

 

To be Frank

von Sophie Stroux

Der Montagmorgen danach begann wie so viele Montagmorgende – zu früh und mit dem Geschmack von Pfefferminzzahnpasta, die auf dem Zahnfleisch brannte. Elle war noch übel, ihr Magen erinnerte sich an die Nacht, die sie nur noch die Nacht nannte, denn das Wort Geburtstag klang so falsch, dass sie lieber so tat, als hätte sie nie Geburtstag gehabt.

Später Sportstunde bei Denner, diesmal mit den Jungs zusammen. 50 Minuten laufen, einfach nur laufen und durchhalten, durchpusten in der ersten warmen Sonne des Jahres. Elle setzte einen Fuß vor den anderen, langsam, bedacht, während die Jungs, Junis und Hell, zu zweit joggten. Der Rest der Klasse in Grüppchen schwatzend auf dem Sportplatz trabend. Wenn sie die beiden sah, wie sie gemütlich redeten, so als wäre nichts gewesen, wurde ihr wieder schlecht und bei jedem Schritt zog sich der Knoten in ihrem Magen enger, wurde der Atmen kürzer und die Gedanken endlos. Also blickte sie stur auf den Boden und wich den beiden aus, betrachtete den roten Boden des Sportplatzes und ihre neonfarbenen Schuhe auf dem dunklen Rot. Die Spitzen ihrer Sportschuhe trugen kleine Löcher über den Zehen, Schaufenster quasi, die sie sich gegraben hatten, um ihr zuzuschauen.

Denner, unnatürlich braungebrannt in seinem Niketop, blickte zur Stoppuhr. „15 geschafft. Vergesst nicht zu trinken, wenn euch schwindelig wird“, schrie er zurück und joggte kurz mit einer Gruppe Mädchen mit, um ein bisschen ins Schwitzen zu kommen. Das sah einfach besser aus, so als Sportlehrer.

Elle lenkte sich ab mit Schuhlöchern zählen und den Löchern Namen geben, aber ihr fiel immer nur ein Name ein. Frank.

Frank heißt auf Englisch offen, ehrlich. To be frank, um ehrlich zu sein. Aber Frank war nicht ehrlich, sonst wäre er nicht zu Elles Party gekommen.

Plötzlich ein Blitz aus dem Grün, Elle zuckte, war wieder in dem Moment der Party, als Junis ihr den Tag des Mannes unter die Nase hielt. „Er heißt übrigens Frank.“

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Ihr seid herzlich eingeladen!

Liebe User,

der Netzroman verlässt nun bald die virtuelle Welt bzw. er repliziert sich und wird von mir in der berühmten stillen Kammer beendet. Seinen Cyber-Körper möchte ich euch zur freien Manipulation überlassen. Bevor es dazu kommt, will ich das Projekt noch der realen Welt vorstellen:

Am 23. Juni, 19.30 Uhr, im Münchener Künstlerhaus am Lenbachplatz lese und diskutiere ich mit Sophie Stroux über Den gefundenen Tod. Sophie ist Autorin und eine Userin (ich weiß aber nicht, welche). Vielleicht haben ja weitere von euch Lust dabei zu sein? Ich würde mich freuen!

An diesem Abend über die Jugend (und die Literatur) performt außerdem die großartige Poetry-Slammerin Fee.

Der Schriftsteller und Mitinitiator des Netzromans Fridolin Schley moderiert.

Den Link zur Veranstaltung findet ihr >> hier.

X Der Fund (10)

Dennis kam mit einem Gegenstand zurück. Bald wurde klar, dass es sich um ein Stück Rohr handelte, wie sie neben dem Schuppen lagen. Am vorderen Ende saß eine T-Muffe. Er nahm Vale die Taschenlampe ab und steckte sie in eine Seitentasche seiner Cargo-Hose. Er nahm kurz Maß. Weit ausholend schwang er das Rohrstück wie einen Hammer auf den Schädel oder, wer weiß, in das Gesicht des Toten. Es knackte, ganz als würde etwas brechen. All die anderen Geräusche, gab es die? Das beredte Schmatzen, das Sausen der Rohrs in der Luft – womöglich entstand das in den Köpfen, jeder hatte da seinen Film. Von außen kam nichts dazu. Kein Flugzeug, kein Zug, kein Tier in der Nacht, das durchs Laub raschelte, bellte oder schrie, keine Stimmen von Menschen, nicht mal das Surren eines Drohnenpropellers ertönte. Man hätte sich wünschen mögen, dass das verdammte Licht aus Junis’ Lampe ein Geräusch verursacht hätte. Doch es gab keinen Laut. „Der Tod ist still“, hatte Franz Helmar gesagt, der ihm mit fünfzehn der Krieg begegnet war, „ich wünsche keinem, diese Stille kennen zu lernen.“

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