Wann ist einer eigentlich tot I

Zu Tod und Toten habe ich eine Reihe Bücher gelesen, um das Thema kulturell, sozial, historisch einordnen zu können. So kam ich über einen Aufsatz zum „sozialen Tod“ auf den Schweizer Ethnologen Felix Speiser. Der beschreibt in seinem Buch Südsee, urwald, kannibalen (1913) unter anderem die Insel Vao (gehört heute zu Vanuato, Melanesien) und ihre Bewohner. Dabei schildert er folgende gesellschaftliche Praxis: „Alte, die sich nicht mehr selbst helfen können, und die, weil nicht bei hoher Kraft, kein Ansehen genießen, sind leicht des Lebens müde und bitten sogar oft die Verwandten, ihrem mühseligen Dasein ein sanftes Ende zu bereiten. Blutenden Herzens tun es diese, indem sie die Alten nach einem letzten guten Mahle erdrosseln oder begraben.“

Der dortige Pfarrer habe einmal einen so lebendig Begrabenen „errettet und in einem Schiebekarren nach Hause gestoßen“. Der Mann, schreibt Speiser, „war durchaus gegen seinen Willen beerdigt worden, und zweimal war es ihm gelungen, sich aus der nur lose und oberflächlich aufgeworfenen Erde herauszuwühlen und zu den Seinen zurückzukehren. Die behandelten ihn aber einfach als Luft, ja als ein Gespenst, denn er sei ja begraben worden und habe durchaus kein Recht mehr, sich unter die Lebenden zu begeben. Man erklärte dem Unglückseligen, er sei eben tot, gab ihm nichts zu essen und begrub ihn das dritte Mal etwas nachhaltiger, so daß der Arme wohl wirklich gestorben wäre, wenn der Pater ihn nicht aus seinem Grabe erlöst hätte.“

Er verbrachte den Rest seiner Tage in der Missionsstation. Seine Landsleute ignorierten ihn weiterhin.

Eine Stadt unter Schock

Auch der ARD report berichtet 2006 im Internet über die Tat. Der Bericht enthält weitere Details. Ein Beamter der örtlichen Polizei wird wie folgt zitiert: „Man hat nicht erkennen können, an was der Mann gestorben ist, man hat ihn nicht identifizieren können. Nicht weil er verwest wäre, sondern durch die massiven Kopfverletzungen. Es sind Knochenteile weggesplittert, das Schädeldach war zertrümmert. Da war schon eine erheblich Gewalteinwirkung, gegen den Kopf und den übrigen Körper.“

Interessant sind auch Stimmen von Lehrern und Eltern. Ein Schulleiter habe gesagt: „Von einem Kind haben wir schon gesprochen, dem geht es sehr schlecht, es übergibt sich. Das zeigt schon, dass die nicht so abgebrüht sind, wie man sie gerne abstempeln würde, nach dem Motto, da ist eine Verrohung da.“

Die Eltern erscheinen in diesem Bericht ratlos, beschwichtigend, auch verständnislos. Befragte Jugendliche vom Ort hätten sich eher angewidert und abwehrend geäußert, Wörter wie „behindert“ oder „krank“ scheinen benutzt worden zu sein. Einer wird wie folgt zitiert: „Tote Leiche schänden, ich kenn den, hätt es nicht gedacht, find ich Scheiße.“

Auch ist hier zu erfahren, dass zwei (in einem anderen Artikel heißt es drei) der beteiligten Jugendlichen in Trostberg zur Schule gehen. report resümiert, was bleibe, sei das „Entsetzen über eine unverständliche Tat“.

Frage an die Leser III

Wie ist das Geschehen moralisch zu bewerten?

Mir gehen zu diesen Forumsbeiträgen eine Menge Fragen durch den Kopf. Der  Wunsch nach deftigen Strafen und der Absonderung der Jugendlichen (Wegsperren) scheint mit einem Ekel verknüpft zu sein, den die Vorstellung der Tat auslöst. Jugendliche, die in am S-Bahnhof einzelne Erwachsene attackieren, schwer verletzen oder töten, scheinen nicht so heftige Reaktionen auszulösen. – Wie ist die Tat moralisch zu bewerten?

„Ich denke, es sei weit ärgere Barbarei dabei, einen Menschen lebendig zu fressen als tot zu fressen“, schrieb Montaigne vor über 400 Jahren, „einen Körper durch Qualen und Martern zu zerfleischen, der noch all seine Gefühle hat … als ihn zu braten und zu verzehren, wenn er des Lebens beraubt ist.“ (Montaigne reagierte damit auf Berichte von Kannibalismus bei den Einwohnern der „neuen Welt“.) – Ist es ketzerisch, diesen Gedanken auf den vorliegenden Fall zu übertragen?

Wo bleibt das Manuskript?

Liebe User, Leser, Mitdenker,

wo ist der „eigentliche“ Text? Gelegentlich hat es Irritationen gegeben, weil noch kein „aktuelles Manuskript“ da ist. Deshalb schreibe ich euch und erkläre mein Vorgehen. Ich möchte den Prozess, wie ich zu einem Manuskript komme, mit abbilden. Also habe ich mit der Dokumentation des Ausgangsmaterials („Wahre Begebenheit“) begonnen und möchte mit den Überlegungen zu Figuren und Orten weitermachen. Auch Ideen und Entwürfe für die Geschichte, die schon vorhanden sind, sollen dokumentiert werden. Nur nicht alles auf einmal, sondern Stück für Stück. Also dauert es noch, bis das „richtige“ Schreiben anfängt. Ich hoffe, ihr interessiert euch auch für die Vorarbeiten und das ganze Drumrum und bleibt dabei, wenn Elle und ihre Welt Gestalt annehmen!

Nachricht an die Leser II

Liebe Kommentatoren,

ich hatte euch nach Örtlichkeit und Milieu für das Geschehen gefragt. Hätte überall stattfinden können, hätte jeder beteiligt sein können? Die Frage nach dem Ort beschäftigt euch nicht so sehr wie die nach der psychologischen, sozialen und kulturellen Dimension.

Julia fragt nach der Gruppendynamik. Wäre so etwas in einem Ferienlager denkbar gewesen, wo die Jugendlichen sich nicht gut kennen? Das ist ein interessanter Aspekt, über den ich so noch nicht nachgedacht habe. In meiner Vorstellung für die Geschichte bilden die Jugendlichen, jedenfalls der Kern der Beteiligten, eine Art Clique. Die hängen immer zusammen ab und sehen sich ein bisschen „draußen“, es sind nicht die Streber und die Braven der Schule oder der Stadt.

Anselm meint, dass die Psychologie die entscheidende Rolle spiele, Milieu oder soziale Schicht dagegen zweitrangig seien. Er kann sich gut vorstellen, dass so etwas auch in „besseren“ Gegenden passiert. Und Elisa bringt die kulturelle Komponente ins Spiel. Unser Verhältnis zum Tod und zu Toten ist angelernt. Vielleicht fanden die Jugendlichen gar nicht so schlimm, was sie gemacht haben, weil ihr moralischer Kompass anders tickte?

Das bringt mich auf einen weiteren Gedanken: Manchmal machen Kinder und Jugendliche etwas sichtbar, das sonst gesellschaftlich oder familiär unter den Teppich gekehrt wird. Vielleicht haben sie mit ihren Handlungen deutlich gemacht, dass hier einer alle Achtung seiner Mitwelt verloren hatte. Aber damit rühren wir schon an die Frage nach dem „Opfer“. Dazu werde ich demnächst etwas posten.

Ich danke allen, die sich so konstruktiv beteiligen!

Nachtrag

L!nda hat zur Frage nach Örtlichkeit und Milieu noch angemerkt, dass auch sie andere Milieus, etwa ein reiches, für möglich hält. In einer großen Stadt wäre die Geschichte schlechter denkbar, weil es dort mehr Öffentlichkeit gibt. Ich frage mich, wie es die Geschichte verändern würde, wenn ich sie unter reichen Jugendlichen spielen lassen würde. Ganz andere Assoziationen kämen da auf, andere Klischees vielleicht auch. L!nda spricht das schon an. Vielleicht wäre es für den Text gut, ein ziemlich durchschnittliches Milieu zu wählen, um Stereotypen zu vermeiden. Interessant ist auch die Erwägung einer „gemischten“ Gruppe von Jugendlichen, die sich zum Teil schon lange kennen, während andere sich noch bemühen, richtig dazuzugehören.