Über den Schreibprozess (III)

Liebe User,

der Blogger Josh Cook begann seinen Artikel über das Publizieren von Büchern („Does Publishing Have a 1% Problem?“) auf inorderofimportance.blogspot.de im August 2016 über das Schreiben online:

„Ich habe irgendwo in einem Artikel gelesen, wie sich jemand über das Internet beschwerte. Es sei generell, besonders aber auf Blogs eine Welt des ersten Entwurfs (‚first draft world‘). Ich verstand, was er meinte. Aber ich mag das gerade am Internet, allgemein und besonders an Blogs. Perfekte Essays, Geschichten, Gedichte haben ihren Wert, aber in diesen ersten Entwürfen, diesen ersten Takes, diesen jungen Ideen steckt eine anderer Wert, und das Internet generell und insbesondere die Blogs geben uns die Chance, ausgehend von den ersten Ideen, längere Unterhaltungen zu führen.“

Was denkt ihr: Liegt darin ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Schreiben auf (oder fürs) Papier und dem digitalen Publizieren? Ist es vielleicht sogar ein Widerspruch, funktionieren „fertige“ oder „perfekte“ Texte online gar nicht? Wie wirken die Abschnitte von Der gefundene Tod in diesem Zusammenhang auf euch? Sind sie zu „papieren“ fürs Netz?

Mein Wunsch an die Wirkung des Netzromans kann ich ebenfalls mit Worten Cooks beschreiben: „Also hier ist meine Idee, möglicherweise der Beginn einer Unterhaltung, etwas, das mir so lange im Kopf herumging und das ich raushaben wollte, in der Welt, um zu sehen, ob es irgendwohin führt.“

Über den Schreibprozess (II)

Liebe User,

Ray Bradbury wird den meisten von euch bekannt sein als der Autor berühmter Science Fiction, etwa von „Fahrenheit 451“ oder der „Mars-Chroniken“. In den 1970er-Jahren schrieb er ein kleines Buch: Zen in der Kunst des Schreibens. Bradbury hält darin ein Plädoyer für eine leidenschaftliche Art des Schreibens, die auf lebendigen Figuren aufbaut, also Figuren, die den Autor etwas angehen, und in der er seinen Leidenschaften, Liebe oder Hass, nachgibt.

Bradbury schreibt, dass man vom Schreibprozess eine Art Wetterbericht anfertigen können sollte: „Heute heiß, morgen kühl. Heute nachmittag: Haus niederbrennen. Morgen: kaltes kritisches Wasser auf schwelende Balken.“

Der erste Entwurf kann ruhig explosiv sein, man solle sich bloß nicht bremsen. „Die folgenden sechs oder sieben Fassungen werden die reine Tortur sein. Warum also nicht die erste Fassung genießen ..?“

Das scheint mir gar nicht so weit weg zu sein von dem, was Murakami schreibt, auch wenn dieser in seinen Ausführungen etwas pedantischer oder, wie ihr bemerkt habt, mechanisch wirkt.

(Teil III folgt.)

Über den Schreibprozess (I)

Liebe User,

es ist für mich eine neue, manchmal auch irritierende Erfahrung, Texte in einem derart frühen Stadium zu veröffentlichen. Eure Kommentare und Ideen beflügeln mich, manchmal verunsichern sie mich auch. Anhand einiger Bücher über das Schreiben, in denen ich zur Zeit lese, versuche ich über diesen Prozess nachzudenken.

Haruki Murakami (Von Beruf Schriftsteller) sagt, dass er im ersten Stadium eines Romans jeden Tag „2,5 Bildschirmseiten auf dem PC“ schreibe, egal ob ihm genug einfalle oder nicht. Auch in der zweiten Runde macht er keinen Plan. Er verändert die erste Fassung „stark und umfangreich“, improvisiert, beseitigt Widersprüche und logische Mängel, ordnet um, schreibt neue Episoden. Das dauere ein bis zwei Monate.

Anschließend folgt ein dritter Durchgang, in dem Beschreibungen detailliert und Dialoge gestaltet werden. Schwierige Passagen vereinfacht er, die Geschichte soll „reibungslos“ fließen. In einem vierten Durchgang, schreibt Murakami, repariere und rhythmisiere er den Text – nicht überall soll er gleich dicht sein.

Damit ist er aber noch nicht am Ende. Er lässt sein Manuskript nun ein halbes oder sogar ein Jahr liegen. Jetzt erst holt er die Meinung dritter ein: zuerst die seiner Frau, dann die seines Lektors. Den Ratschlägen dieser ersten Leser folge er nicht immer, manchmal spornten sie ihn auch an, das Gegenteil von dem zu tun, was ihm geraten wurde. Für Murakami ist klar, dass es kein perfektes Manuskript gibt.

(Teil II folgt.)