Über die Neufassung von „Die Scheidelinie“

Liebe User,

ihr fragt, warum ich den Abschnitt „Die Scheidelinie“ gestrichen habe. Er hat mir aus zwei Gründen nicht gefallen. Zum einen steht der mysteriöse Stoß in den Rücken am Anfang des Abschnitts. Dadurch fühlte ich mich genötigt zu erklären, dass Elle gar nicht überrascht ist von dieser Handlung. Das erschien mir später unglaubwürdig. Zum anderen hat sich der Abschnitt vom „Stoß“ aus zu einer Beschreibung Vierwegs in zehn Jahren entwickelt, die ich für sich zwar wichtig finde, die aber kein Momentum hat. Salopp gesagt: Da passiert nichts mehr. Ich hoffe, dass ich diese Schwierigkeiten in dem neuen Abschnitt „Überraschung“ überwinden konnte, indem ich den Stoß ans Ende gestellt und den Abschnitt insgesamt so verändert habe, dass er die Handlung voranbringt. Schließlich habe ich den Friedhof als Ort gewählt, weil ich ihn für die Geschichte weniger beliebig finde.

Ein Wort noch zum Ton: Da fehlt es klar noch an Tuning. In der Neufassung dieses Abschnitts habe ich den Erzähler diesmal keine Faxen machen lassen.

Die „Rahmenhandlung“

Liebe User,

vielleicht erinnert ihr euch an die Posts zu den Nachrichten aus der Provinz. Die Geschichte unserer Jugendlichen geht nicht einfach mit dem Gerichtsurteil zu Ende. Als ich diese Sachen über Traunreut las, dachte ich: Das hat mit den Leuten aus der Clique zu tun, die treffen sich noch mal. Sie haben sich zerstreut, haben zehn Jahre weitergelebt und (bis auf einen) ihren Platz im Erwachsenenleben gefunden. Jetzt treffen sie sich wieder. Elle kommt zurück, weil ihre Mutter gestorben ist. Die anderen sind mehr oder weniger noch da. Sie wollen noch mal zusammen feiern, sich an das frühere Gefühl erinnern. Dieses Wiedersehen eskaliert wieder in so etwas Entgrenztes … die Anregungen dafür findet ihr bei den oben genannten Posts.

Die zweite Ebene nimmt der Hauptebene ein bisschen Spannung, weil sie einen tragischen Ausgang unmöglich macht. Diese Variante (Tod der Hauptfigur) ist für mich aber sowieso ausgeschlossen. Mit der Verurteilung aufzuhören, wäre möglich, aber es befriedigt mich (noch?) nicht. Deshalb will ich mir die Leute aus der Clique noch einmal als Erwachsene anschauen.

Ein aufgegebenes Kapitel: Die Scheidelinie

Am Weiher ist Elle was Komisches passiert.

Sie ist wieder hingegangen, weil sie als Schülerin so oft da war. Auch dieser Ort hat sich verändert. Zwischen hier und der Schule stehen keine Bäume mehr oder besser gesagt: nicht mehr ihre Bäume. Ein paar junge, zahme, erst vor ein paar Jahren gepflanzte stehen da nett arrangiert mit Ziersträuchern. Das Ufer ist auf dieser Seite abgeflacht und gekiest worden, als sollte es eine Badestelle werden. Man hat versucht, es nett zu machen, etwas bloß Übriggebliebenes in einen Ort zu verwandeln, einen kleinen Park oder etwas in der Art.

Im hinteren Teil des Teiches wuchs Schilf. Es war also ein Märchen, dass es dort so weit hinunterginge. Nicht verändert hat sich das Wasser, es ist immer noch voller Schwebstoffe, anders gesagt: braun. Da hilft auch die Pumpe nicht, die unweit von Elles Standort eine mini kleine Säule aufstehen lässt. Nah beim Ufer steht eine Bank, gestiftet von, aua, der Volksbank. So ist das immer noch in der Provinz. Davor liegen ins Gras getretene Kippen, dahinter im Gebüsch verbeulte Bier- und Energiegetränke-Dosen. Auch wenn sie zwei Mark Pfand bringen, hier hebt sie niemand auf. Die heutigen Schüler fassen nichts mehr an, was einmal auf dem Boden lag.

Wie Elle so dastand und aufs Wasser schaute und an ihre Clique dachte, den alten Mist (das alles war weit weg), hat sie auf einmal einen Stoß in den Rücken gekriegt. Sie ist nach vorn getaumelt, auf den Teich zu. Keine Gefahr, dass sie reingefallen wäre oder so. Als sie sich umdreht, ist da keiner. Kein Halm bewegt sich, kein Vogel hat zu singen aufgehört – es sind eh keine da. Das ist noch nicht das Komische. Elle erschreckt gar nicht, irgendwie fühlt es sich normal an, richtig, zu erwarten. Das ist seltsam. Als hätte sie gewusst, dass es passiert, als wüsste sie, warum und wer. Als rechnete sie mit was Schlimmen.

Sie hat den Stoß noch eine ganze Weile lang gespürt, wie eine Faust, die zwischen den Schulterblättern liegt. Da war sie war bereits auf dem Rückweg in die Stadt. Die alte Krankheit hat sich mittlerweile durch ganz Vierweg gefressen. Das Aufhübschen mit bunten Wimpeln über der Straße, frisch bepflanzten Blumenkübeln und glattrasierten Grünflächen hilft nicht. Die hohen Zäune vor den Häusern sind verwittert oder verrostet, die Häuser selbst wirken unfrisch und beinah wie leer. Der riesen Parkplatz vor der Mess-Ste-Te zeigt lange Risse, aus dem Asphalt wächst Gras, und kleine, halb verhungerte Bäume schlagen mühsam Wurzeln. Schon ist sie auch an der Fabrik vorbei, über das Gleis, das immer noch auf Wiederanschluss wartet. Es ist ihr klar gewesen, dass Vierweg kleiner wirken würde, aber gleich so klein?

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Ein aufgegebener Abschnitt

Liebe User,

in der letzten Zeit habe ich an einem Abschnitt gearbeitet, der (wie der erste) auf der Zeitebene etwa zehn Jahre nach der Tat angesiedelt ist. Darin soll Elle weiter verfolgt werden auf ihrem Weg durch die Stadt. Ich bin mit dem, was ich geschrieben habe, nicht zufrieden und will es noch mal anders versuchen. Aber ich will es posten, und ich bin gespannt auf eure Kommentare dazu.

Über den Schreibprozess (IV)

Liebe User,

ihr habt nach meinem Schreibprozess gefragt. Ich spüre häufig erst einmal einer Idee nach, sammle Gedanken oder Notizen, schreibe eine Skizze. Die eigentliche Arbeit an einem langen Text kann unterschiedlich verlaufen. Im Grunde ist es aber eine Suchbewegung. Wenn ich das Gefühl habe, dass eine Geschichte genügend Gewicht für die Romanstrecke hat, setze ich mich eingehender damit auseinander. Zu Figuren, Setting, Motiven sammle ich Ideen und versuche sie stringent zu entwickeln, wie auch hier geschehen. Dennoch halte ich mir den Weg für Änderungen frei. Ich habe gelegentlich auch schon geplottet oder besser gesagt einen Verlauf geplant, aber die guten Ideen habe ich meistens spontan. Ich bewege das Material in mir, das läuft so mit.

Der Text entsteht im Moment, und er überrascht mich oft selbst. Wenn ich etwa an Elle denke, habe ich natürlich bestimmte psychologische Ideen und Erfahrungen, ein Konzept, auf das ich zurückgreife. Aber es gibt da eine Eigendynamik, die Bilder kommen häufig erst beim Schreiben und sie verändern meine meist diffusen Ideen davon, wie es weitergehen soll. Das runde Fenster in Madlens Haus oder das Huhn, das Valentin pflegt, so was kommt spontan und es kann den Textverlauf stark beeinflussen. Andererseits haben wir beim gefundenen Tod ja Vorgaben – dass es auf die Party und den Leichenfund zutreibt und dass es in dieser Geschichte ein Vorher und ein Nachher gibt.

Völlig neu für mich ist, mich anderen Gedanken und Ideen bei der Arbeit zu öffnen und, wie im zweiten Teil der „Nudel“, daraus sogar ganz konkret etwas zu machen. Auch wenn ich nicht glaube, dass ein geschlossener und innerlich kohärenter Text entstehen kann, wenn einfach mehrere Leute Teile davon schreiben, verändert unsere Zusammenarbeit den Prozess, ich denke über andere Dinge nach, werde aufmerksamer und manchmal bescheidener. Aber es ist noch zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Ich kann nur wiederholen, dass beim Netzroman nichts in Stein gemeißelt ist, es ist echte Werkstatt, auch wenn ich schon länger über diese Geschichte nachdenke, und abgesehen von ihrem Kern steht im Grunde alles zur Disposition.