VIII Die Blessur (2)

Betse hatte noch Festnetz! Sie kramte es unter ein paar kopierten Aufsätzen hervor. Beim Blick aufs Display zogen sich kurz ihre Brauen zusammen, sie ging aber ran. Hallo, ja, nö, jetzt nicht bitte – das war beinah schon alles, was sie hören ließ, abgesehen von einem recht weich gehauchten Ciao am Schluss. Elle konnte sich leicht ausrechnen, wer da angerufen hatte.

„Wird der Alex so eine gestreifte Hose anziehen?“

„Was für eine Hose?“

„Wie in dem Heft da.“

Sie zeigte es Betse.

„Einen Stresemann? Ich find’s ja schick. Aber so einen Anzug ziehst du nur einmal im Leben an. Bei Alex muss man außerdem froh sein, wenn er nicht in Jeans und T-Shirt zur Hochzeit kommt.“

„Ein Brautkleid zieht man doch auch nur einmal an.“

„Ich bin gar nicht sicher, ob ich ein spezielles Hochzeitskleid tragen will. Vielleicht nehme ich lieber etwas Praktisches.“

„Du sollst einen Zylinder aufsetzen. Aber einen echten, so einen schwarzen!“

Betse lachte und versuchte Elle durch die Haare zu wuscheln. Die warf den Kopf zur Seite.

„Habt ihr Streit? Du hast so gekuckt beim Telefonieren.“

Sie machte es nach.

„Ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen soll“, seufzte Betse. Dann erzählte sie es.

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VIII Die Blessur (1)

Nie zuvor hatte in Betses Wohnzimmer eine solche Unordnung geherrscht. Der Schreib- und der Esstisch waren gleichermaßen mit Büchern, Zeitschriften und Fotokopien übersät, aus den Stapeln leuchteten bunte Einmerker hervor, vieles lag aufgeschlagen da. Auf dem Bildschirm ihres Notebooks hafteten beschriebene Zettel, die Tastatur war unter einem großen blassgelb und -blauen Polsterumschlag verschwunden, der etwas Größeres enthalten haben musste, denn er bildete eine schiefmäulig offenstehende Höhle, wirkte dabei jedoch, als würde sich in ihm schwerlich anderes finden lassen als dunkle Luft. Elle räumte einen Katalog für Babykleidung von einem Stuhl und setzte sich an den Esstisch.

Nach und nach bemerkte sie die Ordnung im Chaos. Auf der linken Tischseite schien sich alles zu stapeln, was irgendwie mit Babys zu tun hatte. Rechts, auf der Wandseite, lagen die Brautmodenkataloge, die Hochzeitsplaner und Catering-Angebote. Sogar eine handgeschriebene Mindmap war zu sehen. Im Übrigen war alles so ordentlich wie immer. Die vier Stühle standen gerade und im gleichen Abstand vom Tisch, das Chromrohr blitzte wie vor fünf Minuten geputzt. Auf dem mit blauem Velours überzogenen Sofa war keine Kuhle, nicht mal eine Falte zu sehen und die Kissen standen in regelmäßigen Abständen mit dem üblichen Kniff in der Mitte da. Auf der glänzenden Oberfläche des Sideboards lag kein Staub, die Türen waren wie immer alle geschlossen. Und immer noch hing nur ein einziges Bild an den Wänden, abstrakt, farblich und mit dem ebenfalls verchromten Rahmen exakt auf die Möbel, die zartgrauen Wände, den dunklen Laminatboden abgestimmt.

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VII Die Überraschung (2)

Zwischen den beiden Urnenwänden läuft ein Mann über den Weg. Komisch dass man auf einem Friedhof nie allein ist. Immer hat da jemand was zu tun. Zuerst glaubt sie, dass der Mann auf die Ecke mit den etwas älteren Gräbern zuhält, in der auch Frank begraben ist. Sie hat ihn nicht vergessen, wie sollte sie. Gestern dachte sie sogar, sie könnte ihn hören. Er scheint jedenfalls da sein – kein Spuk, kein kalter Hauch, kein Schemen oder Schatten, mehr eine Präsenz, die sich in sich spürt und die doch mehr ist als eine Fantasie.

Leo hat einen kreidigen Stein gefunden und malt damit auf den asphaltierten Hauptweg. Elle wäre bereit, sich in ihr Spüren zu vertiefen. Doch da taucht hinter einer Baumgruppe hervor der Mann wieder auf, gar nicht weit von ihr weg. Er ist nicht besonders groß, drahtig, das Haar auf seinem Kopf ist hochgegelt, das wirkt beinah pubertär. Außerdem grinst er und kommt, jetzt eindeutig, auf Elle zugelaufen. Der Mann trägt einen seidig glänzenden, knittrigen Anzug zu einem weißen Hemd, bei dem die zwei oberen Knöpfe offenstehen. Die kühle Aprilluft scheint ihm nichts anhaben zu können. In kurzen Abständen zieht er an einer fetten E-Zigarre, wie sie gerade in Mode sind, und pafft gewaltige Mengen an Dampf aus. Elle spürt einen Stich im Bauch, beinah macht sie eine Bewegung, doch ihre Knie sind weich. Eine Zeitlang hat sie gezweifelt, nun ist sie gewiss. „Hell!“

„Dennis“, korrigiert er mit einem winzigen Kopfnicken und hört für den Moment zu grinsen auf.

Sie fragt sich, wie ausgerechnet er hierherkommt. Sie wundert sich nicht mehr, warum sie keine Wiedersehensfreude spürt.

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VII Die Überraschung (1)

Noch eine Nacht und einen halben Tag, länger wird Elle nicht in Vierweg bleiben. Sie hat so weit alles geregelt, ist beim Makler gewesen, bei der Bank, bei dem Händler, der den Haushalt auflösen wird. Sie hat mit dem Bestatter und mit dem Pfarrer gesprochen, gemeinsam haben sie gestern Madlen unter die Erde gebracht. Ein paar Kollegen ihrer Mutter waren dabei und wenige Freunde. Elles Vater hatte keinen Nerv für diese traurige Veranstaltung, ihre Halbschwester Alice war da und bedankte sich, dass Elle „das alles übernommen“ habe. Sie sind sich fremd geworden; immerhin reichte die Nähe noch, um sich in die Arme zu fallen und eine Minute gemeinsam zu heulen.

Leonora ruft „Mama!“, die Gießkanne, die ihr zu schwer geworden ist, neigt sich immer stärker dem Boden zu. Bevor sich das Wasser auf seine Füße ergießt, eilt Elle hinzu und hilft dem Mädchen.

Obwohl so wenige Leute bei der Beerdigung waren, ist der Grabhügel mit Kränzen und Blumen vollständig bedeckt. Es ist nicht das einzige frische Grab, aber das einzige mit gänzlich frischen Blumen. Gleich nebenan ist eine Stelle schon abgeräumt und der nackte lehmbraune Boden zeigt Risse. Das sieht nach Erosion und unfruchtbarem Boden aus. Elle versucht sich vorzustellen, wie Madlens Grab aussehen wird, wenn es fertig ist. Weiße Kieselsteine sollen es bedecken, die von einer schlichten Einfassung aus Basalt zusammengehalten werden. Sie hat einen kreisrunden Grabstein in Auftrag gegeben. Dieser wird in der Form eines Jin-und-Jang-Zeichens halb matt und halb poliert sein; sie hätte auch eine Variante aus weißem und schwarzem Naturstein wählen können, aber sie wollte zwei nicht zusammengesetzte Steine.

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Ein aufgegebenes Kapitel: Die Scheidelinie

Am Weiher ist Elle was Komisches passiert.

Sie ist wieder hingegangen, weil sie als Schülerin so oft da war. Auch dieser Ort hat sich verändert. Zwischen hier und der Schule stehen keine Bäume mehr oder besser gesagt: nicht mehr ihre Bäume. Ein paar junge, zahme, erst vor ein paar Jahren gepflanzte stehen da nett arrangiert mit Ziersträuchern. Das Ufer ist auf dieser Seite abgeflacht und gekiest worden, als sollte es eine Badestelle werden. Man hat versucht, es nett zu machen, etwas bloß Übriggebliebenes in einen Ort zu verwandeln, einen kleinen Park oder etwas in der Art.

Im hinteren Teil des Teiches wuchs Schilf. Es war also ein Märchen, dass es dort so weit hinunterginge. Nicht verändert hat sich das Wasser, es ist immer noch voller Schwebstoffe, anders gesagt: braun. Da hilft auch die Pumpe nicht, die unweit von Elles Standort eine mini kleine Säule aufstehen lässt. Nah beim Ufer steht eine Bank, gestiftet von, aua, der Volksbank. So ist das immer noch in der Provinz. Davor liegen ins Gras getretene Kippen, dahinter im Gebüsch verbeulte Bier- und Energiegetränke-Dosen. Auch wenn sie zwei Mark Pfand bringen, hier hebt sie niemand auf. Die heutigen Schüler fassen nichts mehr an, was einmal auf dem Boden lag.

Wie Elle so dastand und aufs Wasser schaute und an ihre Clique dachte, den alten Mist (das alles war weit weg), hat sie auf einmal einen Stoß in den Rücken gekriegt. Sie ist nach vorn getaumelt, auf den Teich zu. Keine Gefahr, dass sie reingefallen wäre oder so. Als sie sich umdreht, ist da keiner. Kein Halm bewegt sich, kein Vogel hat zu singen aufgehört – es sind eh keine da. Das ist noch nicht das Komische. Elle erschreckt gar nicht, irgendwie fühlt es sich normal an, richtig, zu erwarten. Das ist seltsam. Als hätte sie gewusst, dass es passiert, als wüsste sie, warum und wer. Als rechnete sie mit was Schlimmen.

Sie hat den Stoß noch eine ganze Weile lang gespürt, wie eine Faust, die zwischen den Schulterblättern liegt. Da war sie war bereits auf dem Rückweg in die Stadt. Die alte Krankheit hat sich mittlerweile durch ganz Vierweg gefressen. Das Aufhübschen mit bunten Wimpeln über der Straße, frisch bepflanzten Blumenkübeln und glattrasierten Grünflächen hilft nicht. Die hohen Zäune vor den Häusern sind verwittert oder verrostet, die Häuser selbst wirken unfrisch und beinah wie leer. Der riesen Parkplatz vor der Mess-Ste-Te zeigt lange Risse, aus dem Asphalt wächst Gras, und kleine, halb verhungerte Bäume schlagen mühsam Wurzeln. Schon ist sie auch an der Fabrik vorbei, über das Gleis, das immer noch auf Wiederanschluss wartet. Es ist ihr klar gewesen, dass Vierweg kleiner wirken würde, aber gleich so klein?

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