V Die Nudel (2)

Ein Turm aus Kartons mit ferngesteuerten Fahr- und Flugzeugen brachte Junis im Spielzeugladen schon nah beim Eingang zum Stehen. Er fuhr Modellautos, seit er sechs war, und hatte vor zwei Jahren mit dem Heli-Fliegen begonnen, es aber nicht weit damit gebracht, weil er irgendwie zu faul zum Üben war. Jetzt juckte es ihn in den Fingern, aber eine Fernbedienung war nirgends zu sehen. Dafür pirschte sich eine Verkäuferin an, ends alt, mit Hautfalten unterm Kinn und stumpfen, schulterlangen Haaren, die wie schlecht gefärbt wirkten. Junis war auch hier der einzige Kunde, die Leute schienen alles, besonders Sport- und Spielsachen, nur noch beim Discounter einzukaufen. Freute sich diese Alte deshalb so? Sie war kurz davor, ihm die Hand zu schütteln.

„Tolle, äh, Modelle“, sagte er auf die Frage, ob sie ihm helfen könne.

„Ja, die sind wirklich schön. Wir haben sie im Angebot.“

Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass es jedenfalls den Turnator online um einiges billiger gab. Aber warum eine Diskussion anfangen, sie würde es sowieso abstreiten. Er nahm den Heli vom Stapel und flog ihn mit hochgereckter Hand zwischen ihren Köpfen rum. Sie hatte auch so ein Namensschild – auf einem grauen Pullover mit V-Ausschnitt. Ihre Augen bekamen einen leichten Glanz, sie wirkte, als wollte sie auch gleich die Hände bewegen.

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VI Das Tier (2)

Draußen mussten sie einen Bogen machen um eine tiefe, lange Treckerspur, die voll Wasser stand. Es war ein bisschen trüb, so eine Farbe wie frische grüne Kacke, aber vollkommen glatt – der graue Himmel spiegelte sich drin.

„Weißte was? Ich hab Elle erschreck‘ vorgessern. Bevor wir losgezo‘n sin, war ich beim Weiher. Da stand sie mit Junis und hat geknutscht. Ich hab mich im Wald versteckt und da hab ich so einen hohlen Stamm entdeckt. Da hab ich dann reingerufen“, er formte mit den Händen eine Art Röhre, „E-eeelle! – Eee-eelle! Die wuss‘n nich mal, aus welcher Richtung ‘s kam.“

„Sie hat immer Angst am Weiher. Haste das schon mal gemerkt? Ich glaub, sie wär fas’ mal reingefallen.“

Dennis’ Augen wurden schmal, er sagte aber nichts.

Valle ging mit ihm an dem ganzen langen Stall vorbei, in dem irgendwie über hundert Kühe standen. Das heißt, die latschten da rum, das war so ein Laufstall. Hundert Meter lang, ein Meter für jede Kuh. Und ein Melkstand, wo das Vieh selber reinging, um die Milch abzuliefern. Weil ihnen sonst die Euter wehtaten. Die Zitzen wurden von einer Maschine gewaschen, dann kamen so Becher dran, die sich festsaugten. Es gab eine Menge zu staunen für einen Jungen, der mit so was nicht groß wurde.

Entlang der Stallwand lag ein Haufen Zeug, halb verrottete, in aufgerissene Folie gewickelte Heuballen, Gitterboxen mit grau gewordenen Holzresten. Ein altes Mähwerk stand da mit schlapp runterhängender Antriebswelle und super verrostetem Blech, dann Rollen mit Schafsdraht und durcheinandergekommene Holzpfähle. Wieder eine Palette mit einer ollen Hundehütte drauf. Der Kälte zum Trotz schoben sich die ersten Brennnesseln aus dem Boden. Und immer wieder gab es Fahrspuren, die voll Wasser standen, zu tief, um einfach reinzutreten. Valle zog an einem Band seine Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete ein altes Vorhängeschloss. Der Riegel kratzte matt, als er ihn zurückschob.

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VI Das Tier (1)

 

„Heiß’ das, du has‘ nichts mitgebrach’?“

„Hell! Ich bin erwischt wor’n, wie soll ich n da was mitbring’?“

„Mann, Valle, ich kapier das nich. Wir ham es zehnmal geübt, oder?“

„Und ich hab alles so gemacht, okay? Die müssen’s gewussd’ ham. Dieser Typ hat mir richtig aufgelauert.“

„Nicht eine Flasche, Loser. Da muss Onkel Hell selbs noch mal ran.“

Dennis ließ die flache Hand über Valles Hinterkopf schrammen.

„So mach’ man das.“

Er zog den Reißverschluss an seinem Rucksack auf. Es klirrte leise, als er den Wodka rausholte, drei Flaschen mit blauen Labeln auf dem flachen Bauch.

„Das reich’ mal gerade für mich.“

„Die Polizei is hier gewesen.“

Dennis zuckte. Es sah aus, als würde er die Flaschen wieder in den Rucksack stecken wollen. Voll gefährlich, wenn die Bullen sich hier umschauten.

„Im Erns?“

„Ja, sie ha’ mich nach Hause gefahren. So ham sie ’s genannt.“

„Wenn sie’n gansen Kram hier fin‘, sin wir im Arsch.“

„Die wür’n ne Hundertschaft brauchen, um hier was zu fin‘. Der Hof is riesig.“

„Glaub nich, dass die vollkomm’ blöd sind.“

„Die wür’n eine Woche brauchen.“

„Sie wür’n denken: n altes Haus, das leer steht, ist doch n perfektes Versteck. Sie wür’n deine Fußspuren im Staub sehen.“

„‘s war derart daneben, Hell. Ich mein: Sie konnten ja nichts machen. Nur mich hier abliefern und mit mein’ Eltern sprechen.“

„Was ham die gesagt?“

„Streng! Ich muss ein’ Monat lang voll mithelfen. Und darf nicht weg außer zur Schule.“ Valle lachte. „Das mach’ aber nichts. Die krie‘n eh nichts mit.“

„Ehrlich, Valle, ‘s gefällt mir nicht. Wenn dein Vater jetz anfängt, dir hinterher zu schnüffeln –“

„Tut er nich. Dafür hat er gar keine Zeit.“

„Deine Mutter?“

„Die ers’ recht nich.“

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V Die Nudel (1)

Die Down Spirit GTX-Handschuhe, die Junis zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, waren echt warm. Dafür sorgte der clever aufeinander abgestimmte Materialmix aus einer wasser- und winddichten Gore-Tex-Membran, einem feuchtigkeitsleitenden, weichen Innenfutter und einer sehr warmen Daunenfüllung. Er hatte sie anfangs nicht getragen, weil beim Ausprobieren die langen, doppelten Manschetten gegen die Säume seiner Jackenärmel gestoßen waren und er das Gefühl bekommen hatte, jemand wolle ihm andauernd die Handschuhe ausziehen. Erst an einem super miesen Schneetag Anfang Februar hatte er die Dinger mit in die Schule genommen, und da hatte Dennis ihm erklärt, wie geil und schweineteuer die waren. Jedem anderen hätte er sie sofort geklaut. Anschließend hatte Junis sie gegoogelt, wow, ja, das waren noch lange nicht die teuersten Handschuhe, aber schon ziemlich abgefahren, Freerider-Outfit.

Heute brauchte er sie. Dieser Winter hörte einfach nicht auf. Nach den drei Tagen Tauwetter, die gerade ausgereicht hatten, um den Boden in eine Matschrutschbahn zu verwandeln, herrschte nun schon wieder ein scheiß Frost. Nicht dass Junis über die Wiese gegangen wäre oder so. Aber der Parkplatz des Einkaufszentrums war voll mit gefrorenen, sogar festgefrorenen kleinen Klümpchen Dreck. Schon die Fahrt mit dem Roller hierher war kein Spaß gewesen. Junis wusste einfach nicht, warum er sich den Arsch abfrieren sollte, und hatte den Roller über den Winter eigentlich stehen lassen wollen. Das Problem war: hier kam man anders kaum hin. Zum Laufen war es zu weit und der Bus, shit, wer fuhr denn mit dem Bus, bitte!

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IV Septum, Helix, Nabel (2)

Der Hausflur sah tiptop aus, frisch gewischt, alle Klamotten an der Garderobe, die Schuhe in einer Reihe. Das Licht war funzelig, man sah es trotzdem. Madlen löste sich gerade aus Elles linkischer Umarmung, sie stützte sich auf dem Unterarm ihrer Tochter ab. Konnte es sein, dass Elle wieder einen Zentimeter gewachsen war? Sie hatte nicht mal Schuhe an, aber da fehlte höchstens noch eine Fingerbreite … Dabei war Madlen selbst nicht besonders groß. Diese omamäßige feingestrickte Weste, die sie trug, ein uni beiges Teil, war absolut ungewöhnlich. Sie nahm die Krücken und entlastete das rechte Bein.

„Was meinst du, ob ich so in den Club gehen kann?“

„Ma-ma!“

„Ha, Scherz. Aber sie haben gesagt, dass ich dieses Ding definitiv bald weglassen kann. Die Krücken brauch ich längst nicht mehr. Aber die gehören jetzt mir, was?“

„Wie heißt es noch mal?“

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