X Der Fund (6)

Hell hatte sich derweil die Drohne geschnappt. Wie vorher Elle flog er sie mit der Hand, er hätte sie gern über den Köpfen der anderen kreisen lassen. Vale traute sich nach wie vor nicht, ihn zur Rede zu stellen, weil er sie einfach mitgenommen hatte, ohne auch nur zu fragen. Man hätte auch sagen können: Dennis hatte sie geklaut. Er schoss diverse Hellfire-Raketen ab; die Explosionen und deren Folgen konnte er sich gut vorstellen.

„Der Predator steht überm Fluss gans nah bei unsrer Schule. Von un’n sieht ihn nieman’. Die Kam’ras erfasn n Pausenhof.“

„Welcher Fluss ’n?“, fragte Vale.

„Wieso? Der Fluss.“

„Ich bin vorhin schon die ganse Zeit da drüber geflo’n. Bis zum Meer.“

Einer der älteren Jungen schnappte das auf.

„Bist du nicht von hier, oder was?“, frage er. „In Vierweg gibt’s keinen Fluss, Kleiner.“

„Nenn mich nich Kleina!“, rief Dennis und sprang auf die Füße. Mehr traute er sich nicht.

„Naja, vielleicht habe ich was verpasst. Leute, kennt einer von euch einen Fluss in der Gegend?“

„Einen Fluss? Klar, Mann, die Viere.“

„Die Wege.“

„Der Weg ist der Fluss.“

„Es gibt hier vier Flüsse.“

„Eigentlich müsste unser Ort Vierfluss heißen.“

Dennis warf einen sehr bösen Blick auf Junis, der so tat, als würde er von der ganzen Sache nichts mitbekommen. Vale tippte Dennis auf den Oberarm.

„Lass uns verschwin’n!“

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X Der Fund (4)

Junis fühlte sich erleichtert, als das Klischee mit seinem Gefolge wieder verschwand. Anders als letztens in der Schule war ihm ihre Hand auf seinem Körper nicht egal gewesen, sondern unangenehm. Wenn es ihm nicht zu anstrengend vorgekommen wäre, hätte er glatt einen Corinna Hate Club gegründet. Hell wäre bestimmt dabei gewesen. Er hatte sich einfach in die Büsche gedrückt, als die vier aufgetaucht waren.

Nun kam er, einen abgestorbenen Baumstamm an einem Stück Elektrokabel hinter sich her schleifend, zurück zum Schuppen. Die Hose mit Camouflage-Muster wirkte etwas zu groß um seine Beine, von den aufgeplatzten Sneakers ganz zu schweigen. Auch der brombeerfarbene Hoodie sah aus wie ein leerer Sack. Junis wusste, dass Hell darunter immer ein hautenges Doppelripp-Unterhemd trug, unter dem sich wiederum der schmale Brustkorb abzeichnete. Hells Arme waren sehnig, die Muskeln nur schwach ausgeprägt. Der ganze Körper hatte diese feste Textur, die sich ziemlich schön anfassen musste. Junis konnte sich schwer vorstellen, dass der Junge einfach jemand umnietete, wie er es angeblich an seiner alten Schule getan hatte. Andererseits wusste Junis, dass die Schlägertypen selten besonders große oder muskulöse Kerle waren. Auch sein kantiges Gesicht gebot Vorsicht. Die Züge waren beinah schon männlich, der Adamsapfel stand vor und es zeigten sich Spuren von Bart. Die Haare waren bis rauf zur Schädelplatte kurz rasiert, oben blieben sie minimal länger. Wie Hell es schaffte, ohne Jacke nicht zu frieren, war Junis ein Rätsel.

„Eee-lle, ku’ ma! Ku’ ma!“

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X Der Fund (3)

Elle blieb kurz der Mund offen stehen, als sie sah, wer sich dem Schuppen näherte. Ausgerechnet das Klischee! Die macht doch ihre eigene Party! In ihrem Gefolge gingen Leon und zwei weiteren Jungs. War einer von denen Holger? Elle hätte ihre linke Hand gegeben, um ihn bei ihrer Party zu haben, aber nicht unter dieser Voraussetzung! Zum Glück war es jemand anderes, der Holgers Style nur nachahmte.

Die Frage blieb, warum das Klischee hier aufkreuzte. Vielleicht waren ja zu ihrer Party keine Leute erschienen und sie hatte sich entschlossen, lieber hier mitzufeiern. Oder sie kam, um Leute von hier zu sich abzuziehen. Oder, das würde am besten zu ihr passen, sie fand den Ort so unschlagbar cool, dass sie ihre eigene Feier hierher verlegt hatte. Es gab schließlich einen weiteren Schuppen auf dem Gelände.

„Jetzt fehlt nur noch eine Matratze“, murmelte Junis neben Elle und verdrehte die Augen.

„E-e-e-lle!“, rief das Klischee, „hast du nun heute Geburtstag oder morgen? Ich möchte dir gratulieren, aber vorher bringt Unglück. Ich habe übrigens heute, Schwester.“

„Morgen“, sagte Elle.

„Nein, heute. Hä?“

„Ich habe morgen.“

„Achso, ja, dann hab ich also vor dir Geburtstag. Ist das lässig?“ Sie hakte sich bei Leon unter. Es sah aus, als wollte sie mit in seine Haut schlüpfen.

„Wir sind schnell mit dem Auto rübergekommen, weißt du, um mal bei deiner Party vorbeizuschauen, bevor bei uns richtig die Post abgeht. Ich starte erst um neun. Feierst du da drin?“

Sie zeigte auf das Schiebetor. „Ab-ge-fahren!“

Schon schlüpfte sie durch den Spalt nach drinnen, Elle und Junis hinterher. Wo war eigentlich Dennis hin?

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X Der Fund (2)

Klar, es war Hell.

Er nuschelte etwas wie einen Glückwunsch, dass sie noch keinen Geburtstag hatte, war ihm egal. Hell hielt eine Plastiktüte hoch und schüttelte sie. Im Innern klackten Flaschen aneinander.

„Vale, der Versager, hat sich erwischen lassen. Deshalb bring ich nur drei Flaschen. Exklusiv geklaut bei Uwe’s.“ So hieß der kleine, unabhängige Supermarkt, der sich gegen alle Wahrscheinlichkeit in Vierweg hielt. Uwe hatte keine Sicherungskappen auf den teuren Flaschen, er schloss sie auch nicht weg. Selbst schuld, dachte Elle. Doch im Grunde war ihr nicht wohl. Warum jemand schaden, der vielleicht gar nicht so ein Kapitalistenarsch war und dessen Sohn womöglich heute Abend bei ihrer Party auftauchte? Sie bedankte sich trotzdem.

„Ich hab auch den Ofen“, sagte Hell und grinste noch breiter als breit. „Also ’n Zeltofen. Von meim Bruder. Dafür könn’st du mir minnestens die Eier kraulen.“

Es war ein Fehler, sich bei ihm zu bedanken.

„Du nervst“, sagte Elle.

„Feiers’ du in dem Schuppen da?“ Er deutete mit dem Kopf in die Richtung. „Ich bau ihn so auf, dass es drinn’ nich raucht. Du solltest Holz sammeln gehen.“

Das tat Elle. Es kam sowieso noch keiner. Zwischen all dem knospenden Grün lagerte doch viel altes Laub, das ganz schön glitschig war. An den Ästen, die sie aufhob, klebten braune Blätter und feuchter schwarzer Mutterboden. In einer Mulde unterm Fichtendickicht lag sogar noch etwas Schnee. Ein Stückchen weiter sah sie zwei Wodkaflaschen am Boden, dieselbe Marke hatte Hell mitgebracht. Sie war also nicht die Erste, die auf die Idee gekommen war, hier eine Party zu machen.

X Der Fund (2) weiterlesen

X Der Fund (1)

Auf das gesperrte Bahngelände zu kommen war nicht schwer. An der Straße befand sich ein Tor mit einem festen Metallrahmen, höchstens eins siebzig hoch. Wer nicht gesehen werden wollte, konnte statt darüber zu klettern einfach ein Stück weit an dem alten, von verwitterten Betonpfählen gestützten Maschendraht entlanglaufen. Zwischen Fichten und Gestrüpp gab es mehrere Lücken, durch die sich kriechen oder klettern ließ. Auf der anderen Seite des Geländes, wo ein totes Gleis vor einem halb verfaulten Prellbock endete, stand ein weiteres Tor so weit offen, dass Elle sich mit etwas Luftanhalten einfach durchquetschen konnte.

Diesen Weg hatte sie am Nachmittag genommen, um zwei Einkaufstüten mit Knabberzeug, Cola und anderen langweiligen Sachen zum Lagerschuppen zu bringen. Wie sie es da mit ihren Freunden eine ganze Nacht lang aushalten sollten, war ihr selbst noch nicht klar. Auch wenn es niemand interessierte, was hier los war, wollte sie lieber kein Lagerfeuer machen. Hell hatte etwas von einem Feldofen gefaselt, den sein Vater noch von der Bundeswehr besaß. Aber sie glaubte nicht, dass es stimmte. Ein Feld zu heizen war schließlich vollkommen sinnlos. Außerdem würde Hell sich niemals die Mühe machen und zu Fuß einen Ofen hierher schleppen!

In dem Krieg, der im vergangenen Jahrhundert ihren Opa und die meisten anderen Bewohner nach Vierweg gebracht hatte, musste auf dem Bahngelände einiges los gewesen sein. Die Stadt gab es damals noch gar nicht, vielmehr stand da eine Munitionsfabrik, schön ab vom Schuss und im Wald versteckt. Die Leute, die hier arbeiteten, waren nicht freiwillig gekommen, es waren meistens Gefangene aus anderen Ländern, hatte man Elle erklärt. Mit der Eisenbahn wurde das Zeug an alle möglichen Fronten gebracht und dort von der Bundeswehr oder wie das hieß verschossen. Die Zwangsarbeiter überlebten nicht lange, weil die Munition giftig war und sie nur wenig zu essen bekamen. Wenn sie zu langsam arbeiteten, wurden sie erschossen. Die Nazis, die an all dem schuld waren, schienen eher ungechillt gewesen zu sein. „Diese Stadt ist auf Knochen errichtet“, hatte ihr Opa immer gesagt. Leider lebte er inzwischen in der Gruft, dem Seniorenzentrum, und litt an etwas, das nicht Alzheimer hieß, aber genauso scheiße war.

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