VII Die Überraschung (1)

Noch eine Nacht und einen halben Tag, länger wird Elle nicht in Vierweg bleiben. Sie hat so weit alles geregelt, ist beim Makler gewesen, bei der Bank, bei dem Händler, der den Haushalt auflösen wird. Sie hat mit dem Bestatter und mit dem Pfarrer gesprochen, gemeinsam haben sie gestern Madlen unter die Erde gebracht. Ein paar Kollegen ihrer Mutter waren dabei und wenige Freunde. Elles Vater hatte keinen Nerv für diese traurige Veranstaltung, ihre Halbschwester Alice war da und bedankte sich, dass Elle „das alles übernommen“ habe. Sie sind sich fremd geworden; immerhin reichte die Nähe noch, um sich in die Arme zu fallen und eine Minute gemeinsam zu heulen.

Leonora ruft „Mama!“, die Gießkanne, die ihr zu schwer geworden ist, neigt sich immer stärker dem Boden zu. Bevor sich das Wasser auf seine Füße ergießt, eilt Elle hinzu und hilft dem Mädchen.

Obwohl so wenige Leute bei der Beerdigung waren, ist der Grabhügel mit Kränzen und Blumen vollständig bedeckt. Es ist nicht das einzige frische Grab, aber das einzige mit gänzlich frischen Blumen. Gleich nebenan ist eine Stelle schon abgeräumt und der nackte lehmbraune Boden zeigt Risse. Das sieht nach Erosion und unfruchtbarem Boden aus. Elle versucht sich vorzustellen, wie Madlens Grab aussehen wird, wenn es fertig ist. Weiße Kieselsteine sollen es bedecken, die von einer schlichten Einfassung aus Basalt zusammengehalten werden. Sie hat einen kreisrunden Grabstein in Auftrag gegeben. Dieser wird in der Form eines Jin-und-Jang-Zeichens halb matt und halb poliert sein; sie hätte auch eine Variante aus weißem und schwarzem Naturstein wählen können, aber sie wollte zwei nicht zusammengesetzte Steine.

VII Die Überraschung (1) weiterlesen

Ein aufgegebenes Kapitel: Die Scheidelinie

Am Weiher ist Elle was Komisches passiert.

Sie ist wieder hingegangen, weil sie als Schülerin so oft da war. Auch dieser Ort hat sich verändert. Zwischen hier und der Schule stehen keine Bäume mehr oder besser gesagt: nicht mehr ihre Bäume. Ein paar junge, zahme, erst vor ein paar Jahren gepflanzte stehen da nett arrangiert mit Ziersträuchern. Das Ufer ist auf dieser Seite abgeflacht und gekiest worden, als sollte es eine Badestelle werden. Man hat versucht, es nett zu machen, etwas bloß Übriggebliebenes in einen Ort zu verwandeln, einen kleinen Park oder etwas in der Art.

Im hinteren Teil des Teiches wuchs Schilf. Es war also ein Märchen, dass es dort so weit hinunterginge. Nicht verändert hat sich das Wasser, es ist immer noch voller Schwebstoffe, anders gesagt: braun. Da hilft auch die Pumpe nicht, die unweit von Elles Standort eine mini kleine Säule aufstehen lässt. Nah beim Ufer steht eine Bank, gestiftet von, aua, der Volksbank. So ist das immer noch in der Provinz. Davor liegen ins Gras getretene Kippen, dahinter im Gebüsch verbeulte Bier- und Energiegetränke-Dosen. Auch wenn sie zwei Mark Pfand bringen, hier hebt sie niemand auf. Die heutigen Schüler fassen nichts mehr an, was einmal auf dem Boden lag.

Wie Elle so dastand und aufs Wasser schaute und an ihre Clique dachte, den alten Mist (das alles war weit weg), hat sie auf einmal einen Stoß in den Rücken gekriegt. Sie ist nach vorn getaumelt, auf den Teich zu. Keine Gefahr, dass sie reingefallen wäre oder so. Als sie sich umdreht, ist da keiner. Kein Halm bewegt sich, kein Vogel hat zu singen aufgehört – es sind eh keine da. Das ist noch nicht das Komische. Elle erschreckt gar nicht, irgendwie fühlt es sich normal an, richtig, zu erwarten. Das ist seltsam. Als hätte sie gewusst, dass es passiert, als wüsste sie, warum und wer. Als rechnete sie mit was Schlimmen.

Sie hat den Stoß noch eine ganze Weile lang gespürt, wie eine Faust, die zwischen den Schulterblättern liegt. Da war sie war bereits auf dem Rückweg in die Stadt. Die alte Krankheit hat sich mittlerweile durch ganz Vierweg gefressen. Das Aufhübschen mit bunten Wimpeln über der Straße, frisch bepflanzten Blumenkübeln und glattrasierten Grünflächen hilft nicht. Die hohen Zäune vor den Häusern sind verwittert oder verrostet, die Häuser selbst wirken unfrisch und beinah wie leer. Der riesen Parkplatz vor der Mess-Ste-Te zeigt lange Risse, aus dem Asphalt wächst Gras, und kleine, halb verhungerte Bäume schlagen mühsam Wurzeln. Schon ist sie auch an der Fabrik vorbei, über das Gleis, das immer noch auf Wiederanschluss wartet. Es ist ihr klar gewesen, dass Vierweg kleiner wirken würde, aber gleich so klein?

Ein aufgegebenes Kapitel: Die Scheidelinie weiterlesen

V Die Nudel (2)

Ein Turm aus Kartons mit ferngesteuerten Fahr- und Flugzeugen brachte Junis im Spielzeugladen schon nah beim Eingang zum Stehen. Er fuhr Modellautos, seit er sechs war, und hatte vor zwei Jahren mit dem Heli-Fliegen begonnen, es aber nicht weit damit gebracht, weil er irgendwie zu faul zum Üben war. Jetzt juckte es ihn in den Fingern, aber eine Fernbedienung war nirgends zu sehen. Dafür pirschte sich eine Verkäuferin an, ends alt, mit Hautfalten unterm Kinn und stumpfen, schulterlangen Haaren, die wie schlecht gefärbt wirkten. Junis war auch hier der einzige Kunde, die Leute schienen alles, besonders Sport- und Spielsachen, nur noch beim Discounter einzukaufen. Freute sich diese Alte deshalb so? Sie war kurz davor, ihm die Hand zu schütteln.

„Tolle, äh, Modelle“, sagte er auf die Frage, ob sie ihm helfen könne.

„Ja, die sind wirklich schön. Wir haben sie im Angebot.“

Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass es jedenfalls den Turnator online um einiges billiger gab. Aber warum eine Diskussion anfangen, sie würde es sowieso abstreiten. Er nahm den Heli vom Stapel und flog ihn mit hochgereckter Hand zwischen ihren Köpfen rum. Sie hatte auch so ein Namensschild – auf einem grauen Pullover mit V-Ausschnitt. Ihre Augen bekamen einen leichten Glanz, sie wirkte, als wollte sie auch gleich die Hände bewegen.

V Die Nudel (2) weiterlesen

VI Das Tier (2)

Draußen mussten sie einen Bogen machen um eine tiefe, lange Treckerspur, die voll Wasser stand. Es war ein bisschen trüb, so eine Farbe wie frische grüne Kacke, aber vollkommen glatt – der graue Himmel spiegelte sich drin.

„Weißte was? Ich hab Elle erschreck‘ vorgessern. Bevor wir losgezo‘n sin, war ich beim Weiher. Da stand sie mit Junis und hat geknutscht. Ich hab mich im Wald versteckt und da hab ich so einen hohlen Stamm entdeckt. Da hab ich dann reingerufen“, er formte mit den Händen eine Art Röhre, „E-eeelle! – Eee-eelle! Die wuss‘n nich mal, aus welcher Richtung ‘s kam.“

„Sie hat immer Angst am Weiher. Haste das schon mal gemerkt? Ich glaub, sie wär fas’ mal reingefallen.“

Dennis’ Augen wurden schmal, er sagte aber nichts.

Valle ging mit ihm an dem ganzen langen Stall vorbei, in dem irgendwie über hundert Kühe standen. Das heißt, die latschten da rum, das war so ein Laufstall. Hundert Meter lang, ein Meter für jede Kuh. Und ein Melkstand, wo das Vieh selber reinging, um die Milch abzuliefern. Weil ihnen sonst die Euter wehtaten. Die Zitzen wurden von einer Maschine gewaschen, dann kamen so Becher dran, die sich festsaugten. Es gab eine Menge zu staunen für einen Jungen, der mit so was nicht groß wurde.

Entlang der Stallwand lag ein Haufen Zeug, halb verrottete, in aufgerissene Folie gewickelte Heuballen, Gitterboxen mit grau gewordenen Holzresten. Ein altes Mähwerk stand da mit schlapp runterhängender Antriebswelle und super verrostetem Blech, dann Rollen mit Schafsdraht und durcheinandergekommene Holzpfähle. Wieder eine Palette mit einer ollen Hundehütte drauf. Der Kälte zum Trotz schoben sich die ersten Brennnesseln aus dem Boden. Und immer wieder gab es Fahrspuren, die voll Wasser standen, zu tief, um einfach reinzutreten. Valle zog an einem Band seine Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete ein altes Vorhängeschloss. Der Riegel kratzte matt, als er ihn zurückschob.

VI Das Tier (2) weiterlesen

VI Das Tier (1)

 

„Heiß’ das, du has‘ nichts mitgebrach’?“

„Hell! Ich bin erwischt wor’n, wie soll ich n da was mitbring’?“

„Mann, Valle, ich kapier das nich. Wir ham es zehnmal geübt, oder?“

„Und ich hab alles so gemacht, okay? Die müssen’s gewussd’ ham. Dieser Typ hat mir richtig aufgelauert.“

„Nicht eine Flasche, Loser. Da muss Onkel Hell selbs noch mal ran.“

Dennis ließ die flache Hand über Valles Hinterkopf schrammen.

„So mach’ man das.“

Er zog den Reißverschluss an seinem Rucksack auf. Es klirrte leise, als er den Wodka rausholte, drei Flaschen mit blauen Labeln auf dem flachen Bauch.

„Das reich’ mal gerade für mich.“

„Die Polizei is hier gewesen.“

Dennis zuckte. Es sah aus, als würde er die Flaschen wieder in den Rucksack stecken wollen. Voll gefährlich, wenn die Bullen sich hier umschauten.

„Im Erns?“

„Ja, sie ha’ mich nach Hause gefahren. So ham sie ’s genannt.“

„Wenn sie’n gansen Kram hier fin‘, sin wir im Arsch.“

„Die wür’n ne Hundertschaft brauchen, um hier was zu fin‘. Der Hof is riesig.“

„Glaub nich, dass die vollkomm’ blöd sind.“

„Die wür’n eine Woche brauchen.“

„Sie wür’n denken: n altes Haus, das leer steht, ist doch n perfektes Versteck. Sie wür’n deine Fußspuren im Staub sehen.“

„‘s war derart daneben, Hell. Ich mein: Sie konnten ja nichts machen. Nur mich hier abliefern und mit mein’ Eltern sprechen.“

„Was ham die gesagt?“

„Streng! Ich muss ein’ Monat lang voll mithelfen. Und darf nicht weg außer zur Schule.“ Valle lachte. „Das mach’ aber nichts. Die krie‘n eh nichts mit.“

„Ehrlich, Valle, ‘s gefällt mir nicht. Wenn dein Vater jetz anfängt, dir hinterher zu schnüffeln –“

„Tut er nich. Dafür hat er gar keine Zeit.“

„Deine Mutter?“

„Die ers’ recht nich.“

VI Das Tier (1) weiterlesen