IX Gossip (2)

Nach der Pause hatte die 9c Mathe bei Lehrer Denner. Eine Hälfte der Schüler hing im Halbschlaf auf den Stühlen, Dennis’ Kopf war gar auf die Tischplatte gesunken. Die Streber meldeten sich wie verrückt, sie überboten sich mit dem Zerlegen und Berechnen von Potenzen, solchen mit positiver und solchen mit negativer Basis. Marc Anton, der absolute Beste der Klasse, fing von sich aus an, etwas von Rechnungen mit negativem Exponenten zu faseln, während Elle nicht mal sicher wusste, ob die kleine Zahl oben nun Exponent oder Basis genannt wurde. Vielleicht hätte sie die letzten beiden Mathestunden doch nicht sausen lassen sollen. Nur war die Orga für so ein Fest komplizierter, als sie gedacht hatte. Und jetzt sah es fast so aus, als würde der Aufwand sich gar nicht lohnen.

Noch etwas anderes fiel ihr auf: Die Klasse wirkte insgesamt aufgekratzt. Die Mädchen um Corinna tippten fleißig auf ihren Phones. Das war natürlich verboten, aber Denner war entweder kurzzeitig erblindet und, gab es das Wort, ertaubet, oder er hatte sein pädagogisches Konzept geändert. Jedenfalls sagte er nichts. Mikel war schon ein paar Mal aufgestanden, um mit Stabilo zu tuscheln. Auch das scherte Denner nicht. Elle wusste längst den Grund. Sie hatte noch in der Pause erfahren, was gerade wieder die Runde machte. Es war ja praktisch jede Woche jemand dran. Und es bedeutete eigentlich nichts. Trotzdem hatte sie Junis angeboten, Arm in Arm mit ihm in die Klasse zu gehen. Aber das war nicht nötig. Junis hatte geheimnisvoll gelächelt und war vom Schulhof verschwunden.

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IX Gossip (1)

Wie hatte sie sich nur so erniedrigen können!

Elle wollte am liebsten alle Facebook-Pinnwände mit Hass-Posts über Sophie zupflastern! Bestimmt war sie dort mit all ihren Urgroßeltern befreundet, denn kein lebender Mensch nutzte noch FB. Für nichts auf der Welt.

Elle hatte Sophie ein zweites Mal eingeladen, mit einem ihrer totaaal süß gemalten Zettel. Sophie in einer super nahen Einstellung, wie sie über die Schulter kuckt. Ihr Gesicht ist nicht mal ganz zu sehen. Sie hebt die Brauen und die Nase gleich mit, zieht die Schultern hoch, klappt die gehobenen Hände nach außen wie verkehrte Flügel. Erst nach einer Sekunde schüttelt sie den Kopf. Kein Bedauern, eher: Das hab ich dir doch schon gesagt! Ich komme NICHT! Voll doof, echt.

Jetzt standen sie auf der anderen Seite des Pausenhofes, Sophie mit ihren frisch gefärbten silber Haaren neben Corinna-dem-Klischee mit ihren weißen! Haaren und einem Mädchen aus der hundertsten Klasse mit so dark rot schillernden Haaren. Garantiert redeten sie über nichts anderes als irgendwelche Jungs zu klären. Diese Glamour-Ponys sahen exakt gleich aus wie das Spielzeug, das sie mit fünf besessen hatten. Corinna-das-Klischee hatte dieses Jahr angeblich schon zwei Beziehungen hinter sich gebracht. Irgendwie schienen Jungs, jedenfalls solche, die Alexander, Julius oder Maximilian hießen, auf Klischees zu stehen. Genau diese drei in ihren dämlichen Woolrich-Parkas strichen gerade um die Mädels herum. Camouflage-Optik, es war wirklich das Letzte!

Corinna-das-Klischee wandte sich Julius zu. Sie sah ihm in die Augen, ließ den Blick zu seinen Lippen wandern und zurück. Sie legte ihm die Hand auf die Brust, zupfte einen Fussel ab, nein, sie ließ die Finger dort liegen. Er grinste dämlich, aber traute sich nicht mal, sie anzufassen, geschweige denn zu küssen. Sie trat noch etwas näher. Elle sah das alles genau, so weit weg sie auch stand, und was sie nicht sah, das wusste sie. Hinter der Turnhalle gab es Schulklos, die mindestens seit dem Weltkrieg niemand mehr benutzte. Bei einem war die Tür eingetreten – der optimale Ort, um einen Woolrich-Parka-Boy zu klären; heißer Sex lebt vom Kontrast, sagte das Klischee.

Elle kannte Corinna seit der ersten Klasse, als sie noch nicht ihren Spitznamen weg hatte, aber schon genauso blöd drauf gewesen war. Sie hatte immer bloß Pferd spielen wollen, und jedes Mal hatte Elle sich ein Bein brechen müssen – „du weißt, was das bedeutet …“

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VIII Die Blessur (2)

Betse hatte noch Festnetz! Sie kramte es unter ein paar kopierten Aufsätzen hervor. Beim Blick aufs Display zogen sich kurz ihre Brauen zusammen, sie ging aber ran. Hallo, ja, nö, jetzt nicht bitte – das war beinah schon alles, was sie hören ließ, abgesehen von einem recht weich gehauchten Ciao am Schluss. Elle konnte sich leicht ausrechnen, wer da angerufen hatte.

„Wird der Alex so eine gestreifte Hose anziehen?“

„Was für eine Hose?“

„Wie in dem Heft da.“

Sie zeigte es Betse.

„Einen Stresemann? Ich find’s ja schick. Aber so einen Anzug ziehst du nur einmal im Leben an. Bei Alex muss man außerdem froh sein, wenn er nicht in Jeans und T-Shirt zur Hochzeit kommt.“

„Ein Brautkleid zieht man doch auch nur einmal an.“

„Ich bin gar nicht sicher, ob ich ein spezielles Hochzeitskleid tragen will. Vielleicht nehme ich lieber etwas Praktisches.“

„Du sollst einen Zylinder aufsetzen. Aber einen echten, so einen schwarzen!“

Betse lachte und versuchte Elle durch die Haare zu wuscheln. Die warf den Kopf zur Seite.

„Habt ihr Streit? Du hast so gekuckt beim Telefonieren.“

Sie machte es nach.

„Ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen soll“, seufzte Betse. Dann erzählte sie es.

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VIII Die Blessur (1)

Nie zuvor hatte in Betses Wohnzimmer eine solche Unordnung geherrscht. Der Schreib- und der Esstisch waren gleichermaßen mit Büchern, Zeitschriften und Fotokopien übersät, aus den Stapeln leuchteten bunte Einmerker hervor, vieles lag aufgeschlagen da. Auf dem Bildschirm ihres Notebooks hafteten beschriebene Zettel, die Tastatur war unter einem großen blassgelb und -blauen Polsterumschlag verschwunden, der etwas Größeres enthalten haben musste, denn er bildete eine schiefmäulig offenstehende Höhle, wirkte dabei jedoch, als würde sich in ihm schwerlich anderes finden lassen als dunkle Luft. Elle räumte einen Katalog für Babykleidung von einem Stuhl und setzte sich an den Esstisch.

Nach und nach bemerkte sie die Ordnung im Chaos. Auf der linken Tischseite schien sich alles zu stapeln, was irgendwie mit Babys zu tun hatte. Rechts, auf der Wandseite, lagen die Brautmodenkataloge, die Hochzeitsplaner und Catering-Angebote. Sogar eine handgeschriebene Mindmap war zu sehen. Im Übrigen war alles so ordentlich wie immer. Die vier Stühle standen gerade und im gleichen Abstand vom Tisch, das Chromrohr blitzte wie vor fünf Minuten geputzt. Auf dem mit blauem Velours überzogenen Sofa war keine Kuhle, nicht mal eine Falte zu sehen und die Kissen standen in regelmäßigen Abständen mit dem üblichen Kniff in der Mitte da. Auf der glänzenden Oberfläche des Sideboards lag kein Staub, die Türen waren wie immer alle geschlossen. Und immer noch hing nur ein einziges Bild an den Wänden, abstrakt, farblich und mit dem ebenfalls verchromten Rahmen exakt auf die Möbel, die zartgrauen Wände, den dunklen Laminatboden abgestimmt.

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VII Die Überraschung (2)

Zwischen den beiden Urnenwänden läuft ein Mann über den Weg. Komisch dass man auf einem Friedhof nie allein ist. Immer hat da jemand was zu tun. Zuerst glaubt sie, dass der Mann auf die Ecke mit den etwas älteren Gräbern zuhält, in der auch Frank begraben ist. Sie hat ihn nicht vergessen, wie sollte sie. Gestern dachte sie sogar, sie könnte ihn hören. Er scheint jedenfalls da sein – kein Spuk, kein kalter Hauch, kein Schemen oder Schatten, mehr eine Präsenz, die sich in sich spürt und die doch mehr ist als eine Fantasie.

Leo hat einen kreidigen Stein gefunden und malt damit auf den asphaltierten Hauptweg. Elle wäre bereit, sich in ihr Spüren zu vertiefen. Doch da taucht hinter einer Baumgruppe hervor der Mann wieder auf, gar nicht weit von ihr weg. Er ist nicht besonders groß, drahtig, das Haar auf seinem Kopf ist hochgegelt, das wirkt beinah pubertär. Außerdem grinst er und kommt, jetzt eindeutig, auf Elle zugelaufen. Der Mann trägt einen seidig glänzenden, knittrigen Anzug zu einem weißen Hemd, bei dem die zwei oberen Knöpfe offenstehen. Die kühle Aprilluft scheint ihm nichts anhaben zu können. In kurzen Abständen zieht er an einer fetten E-Zigarre, wie sie gerade in Mode sind, und pafft gewaltige Mengen an Dampf aus. Elle spürt einen Stich im Bauch, beinah macht sie eine Bewegung, doch ihre Knie sind weich. Eine Zeitlang hat sie gezweifelt, nun ist sie gewiss. „Hell!“

„Dennis“, korrigiert er mit einem winzigen Kopfnicken und hört für den Moment zu grinsen auf.

Sie fragt sich, wie ausgerechnet er hierherkommt. Sie wundert sich nicht mehr, warum sie keine Wiedersehensfreude spürt.

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