V Die Nudel (1)

Die Down Spirit GTX-Handschuhe, die Junis zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, waren echt warm. Dafür sorgte der clever aufeinander abgestimmte Materialmix aus einer wasser- und winddichten Gore-Tex-Membran, einem feuchtigkeitsleitenden, weichen Innenfutter und einer sehr warmen Daunenfüllung. Er hatte sie anfangs nicht getragen, weil beim Ausprobieren die langen, doppelten Manschetten gegen die Säume seiner Jackenärmel gestoßen waren und er das Gefühl bekommen hatte, jemand wolle ihm andauernd die Handschuhe ausziehen. Erst an einem super miesen Schneetag Anfang Februar hatte er die Dinger mit in die Schule genommen, und da hatte Dennis ihm erklärt, wie geil und schweineteuer die waren. Jedem anderen hätte er sie sofort geklaut. Anschließend hatte Junis sie gegoogelt, wow, ja, das waren noch lange nicht die teuersten Handschuhe, aber schon ziemlich abgefahren, Freerider-Outfit.

Heute brauchte er sie. Dieser Winter hörte einfach nicht auf. Nach den drei Tagen Tauwetter, die gerade ausgereicht hatten, um den Boden in eine Matschrutschbahn zu verwandeln, herrschte nun schon wieder ein scheiß Frost. Nicht dass Junis über die Wiese gegangen wäre oder so. Aber der Parkplatz des Einkaufszentrums war voll mit gefrorenen, sogar festgefrorenen kleinen Klümpchen Dreck. Schon die Fahrt mit dem Roller hierher war kein Spaß gewesen. Junis wusste einfach nicht, warum er sich den Arsch abfrieren sollte, und hatte den Roller über den Winter eigentlich stehen lassen wollen. Das Problem war: hier kam man anders kaum hin. Zum Laufen war es zu weit und der Bus, shit, wer fuhr denn mit dem Bus, bitte!

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IV Septum, Helix, Nabel (2)

Der Hausflur sah tiptop aus, frisch gewischt, alle Klamotten an der Garderobe, die Schuhe in einer Reihe. Das Licht war funzelig, man sah es trotzdem. Madlen löste sich gerade aus Elles linkischer Umarmung, sie stützte sich auf dem Unterarm ihrer Tochter ab. Konnte es sein, dass Elle wieder einen Zentimeter gewachsen war? Sie hatte nicht mal Schuhe an, aber da fehlte höchstens noch eine Fingerbreite … Dabei war Madlen selbst nicht besonders groß. Diese omamäßige feingestrickte Weste, die sie trug, ein uni beiges Teil, war absolut ungewöhnlich. Sie nahm die Krücken und entlastete das rechte Bein.

„Was meinst du, ob ich so in den Club gehen kann?“

„Ma-ma!“

„Ha, Scherz. Aber sie haben gesagt, dass ich dieses Ding definitiv bald weglassen kann. Die Krücken brauch ich längst nicht mehr. Aber die gehören jetzt mir, was?“

„Wie heißt es noch mal?“

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IV Septum, Helix, Nabel (1)

Das Wohnzimmer war schon lange Elles Zimmer. Sie erinnerte sich kaum an die Zeit davor.

„Lass uns das Haus aufteilen“, hatte ihre Mutter Madlen gesagt, nachdem ihr Vater verschwunden war. Sie zog in den ersten Stock, Elle bekam das Erdgeschoss. Ein riesen Zimmer, um das alle sie beneideten. In dem riesen Zimmer war ein riesen Fenster, aus dem sie direkt in den Garten sehen konnte, die Fensterbank nicht höher als ein Stuhl. Es gab nicht nur das Fenster, es gab auch eine Tür. Die ließ sich seit irgendeinem super nassen Herbst nicht mehr öffnen. Laut Schreiner würde es einen Tausi kosten, das zu richten, eigentlich müsste man eine neue Tür einbauen. So viel Geld war nicht übrig, weil Madlen den Kredit für die Haushälfte seit zehn Jahren allein abstotterte. Elle störte das nicht. Sie spazierte bei Bedarf einfach durchs Fenster. Außer dem früheren Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss nur noch die Küche und Alice’ kleines Zimmer. Aber Alice war bloß in den Ferien mal da. Elle hatte ihre eigene Zone, sogar ihr eigenes Bad. Allerdings musste sie es selbst putzen.

Sie wohnten in der nördlichen Hälfte eines Doppelhauses. Jemand sagte mal, er habe noch nie eine dämlichere Aufteilung für ein Doppelhaus gesehen. Die eine Seite nach Norden, die andere nach Süden. Der Nachbar kriegte die ganze Sonne ab, sie selbst nur ein bisschen. Der Nachbar mähte jede Woche den Rasen und schnitt die Sträucher zurück. Madlen ließ alles wachsen.

Wenn sie aus dem Fenster kuckte, sah Elle einen Urwald. Dass es ein nördlicher war, kühl, dunkel, nass, machte ihr nichts. Sie hockte auf der Fensterbank, eine Teetasse zwischen den Beinen, und tippte etwas auf ihrem Phone. Ihr Gesicht wirkte angespannt, das kam, weil sie über die Salis schrieb. Nach einer Minute hörte sie auf. Zarte Schwaden stiegen aus der Tasse und zogen durchs gekippte Fenster ins Freie. Urwald, Regenwald, draußen pfiffen die Vögel. Das Tageslicht schwand dahin.

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III Die Einladung (2)

Als der Unterricht endlich vorbei war, ging Elle zur Bushaltestelle. Es waren nur zwei oder drei andere da, die meisten wurden nachmittags von ihren Mamas abgeholt. Das fühlte sich immer komisch an, so quasi allein da rumzustehen. Als wäre man verletzlicher. Oder leichter angreifbar. Sophie kam mit dem Fahrrad an. Das war gar nicht ihr Heimweg. Sie hielt neben Elle, die auf dem Bordstein stand und so ein bisschen größer war als ihre Freundin. Sophie behielt das Rad zwischen den Beinen.

„Ich habe nachgedacht, Elle. Ich werde nicht zu deiner Party kommen.“

„Wieso denn nicht?“

„Ich meine, ich würde total gern kommen. Aber ich finde es nicht gut, dass du auf dem Bahngelände feiern willst. Es ist nicht erlaubt und es ist auch gefährlich.“

Bla, bla, bla, bla, bla.

„Du hast überhaupt keine Ahnung. Es ist voll schön da. Hell will ein’ Ofen besorgen, dann können wir den Schuppen sogar heizen. Da liegt überall Holz rum.“

Wer besorgt den Ofen?“

„Dennis, meine ich.“

„Wieso lädst du den denn ein? Der ist doch doof.“

Sophie, gleich, langweilig. Es war leider wahr, es blieb wahr, es war nichts zu machen.

„Warum feierst du nicht im Jugendclub?“

„Der ist zu!“

„Nicht wenn man eine Party machen will. Man kann ihn mieten, es kostet gar nicht viel.“

Kostet gar nicht viel, äffte Elle sie innerlich nach. Schau, mein Desigual-Pullover. Kostet gar nicht viel. Schau, meine Nikes, kosten gar nicht viel.

Sie regte sich richtig auf.

„Ich feier nicht in einem langweiligen Jugendclub, egal ob er geschlossen ist oder nicht. Ich bin das tougheste Mädchen an der Schule, ich – “

„Ich muss los“, sagte Sophie, „ciao!“

Vielleicht hatte sie auch schade gesagt. Sophie stieg in die Pedale. Im Wegfahren wandte sie noch mal den Kopf: „Sag mir Bescheid, falls du deine Pläne änderst. Dann will ich sehen, was ich machen kann.“

Was du machen kannst? Ga’ nix kannst du machen, verstehs’ du das? Zu meim Gebur’stag wirst du bestimmt nie wieder eingela’n.

Es tat ihr weh, dass Sophie so blöd war.

III Die Einladung (1)

Niemüller hatte sie wegen Rauchens drangekriegt, voll gemein. Wie blöd von ihr, nicht mit Junis zu gehen! Nachmittags hatte sie Sport. Sie zog sich gar nicht erst um. Sophie wechselte die Schuhe, natürlich, die war immer so ordentlich. Als sie sich aufrichtete, sah Elle, die dicht hinter ihr saß, wieder Sophies X-Beine. Man merkte es kaum, aber sie hatte welche. In der Grundschule hatte Elle es heimlich nachgemacht, laufen wie Sophie. Sie hatte dabei immer ordentlich übertrieben.

Man konnte gleich sehen, dass Denner keinen guten Tag hatte. Es waren vier Schülerinnen ohne Sportklamotten da, alle mit der gleichen Entschuldigung, „Es kann gar nicht sein, dass ihr schon wieder alle eure Tage habt“, murrte er, als er von Mona den Zettel bekam. Elle schaute er bloß prüfend an, milde prüfend. Sie schenkte ihm ein Unschuldslächeln, gerade an der Grenze zur Künstlichkeit. Das mochte er. Elle hockte sich neben die anderen auf die niedrige Turnbank. Sie saßen so schräg wie möglich, den Rücken an die Wand gelehnt, das Becken vorgeschoben, die Knie ragten in einer Reihe in die Luft. Es sah nicht wirklich chillig aus. Wie Babys lutschten sie an ihren Stiften. Das Protokoll würde drei Sätze lang werden. Wenn es hochkam.

Die Turnhalle war durch einen beweglichen Vorhang in zwei Felder unterteilt. Nebenan rannte eine fünfte oder sechste Klasse rum, die johlten noch alle und freuten sich, dass sie springen durften. Denner blies in seine Trillerpfeife. Sie hatten Volleyball. Der Henker wusste, wie er das machte, aber es klang ironisch, wenn er pfiff. Er war vielleicht der einzige Mensch auf der ganzen Erde, der das konnte.

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