Frage an die Leser III

Wie ist das Geschehen moralisch zu bewerten?

Mir gehen zu diesen Forumsbeiträgen eine Menge Fragen durch den Kopf. Der  Wunsch nach deftigen Strafen und der Absonderung der Jugendlichen (Wegsperren) scheint mit einem Ekel verknüpft zu sein, den die Vorstellung der Tat auslöst. Jugendliche, die in am S-Bahnhof einzelne Erwachsene attackieren, schwer verletzen oder töten, scheinen nicht so heftige Reaktionen auszulösen. – Wie ist die Tat moralisch zu bewerten?

„Ich denke, es sei weit ärgere Barbarei dabei, einen Menschen lebendig zu fressen als tot zu fressen“, schrieb Montaigne vor über 400 Jahren, „einen Körper durch Qualen und Martern zu zerfleischen, der noch all seine Gefühle hat … als ihn zu braten und zu verzehren, wenn er des Lebens beraubt ist.“ (Montaigne reagierte damit auf Berichte von Kannibalismus bei den Einwohnern der „neuen Welt“.) – Ist es ketzerisch, diesen Gedanken auf den vorliegenden Fall zu übertragen?

Nachricht an die Leser II

Liebe Kommentatoren,

ich hatte euch nach Örtlichkeit und Milieu für das Geschehen gefragt. Hätte überall stattfinden können, hätte jeder beteiligt sein können? Die Frage nach dem Ort beschäftigt euch nicht so sehr wie die nach der psychologischen, sozialen und kulturellen Dimension.

Julia fragt nach der Gruppendynamik. Wäre so etwas in einem Ferienlager denkbar gewesen, wo die Jugendlichen sich nicht gut kennen? Das ist ein interessanter Aspekt, über den ich so noch nicht nachgedacht habe. In meiner Vorstellung für die Geschichte bilden die Jugendlichen, jedenfalls der Kern der Beteiligten, eine Art Clique. Die hängen immer zusammen ab und sehen sich ein bisschen „draußen“, es sind nicht die Streber und die Braven der Schule oder der Stadt.

Anselm meint, dass die Psychologie die entscheidende Rolle spiele, Milieu oder soziale Schicht dagegen zweitrangig seien. Er kann sich gut vorstellen, dass so etwas auch in „besseren“ Gegenden passiert. Und Elisa bringt die kulturelle Komponente ins Spiel. Unser Verhältnis zum Tod und zu Toten ist angelernt. Vielleicht fanden die Jugendlichen gar nicht so schlimm, was sie gemacht haben, weil ihr moralischer Kompass anders tickte?

Das bringt mich auf einen weiteren Gedanken: Manchmal machen Kinder und Jugendliche etwas sichtbar, das sonst gesellschaftlich oder familiär unter den Teppich gekehrt wird. Vielleicht haben sie mit ihren Handlungen deutlich gemacht, dass hier einer alle Achtung seiner Mitwelt verloren hatte. Aber damit rühren wir schon an die Frage nach dem „Opfer“. Dazu werde ich demnächst etwas posten.

Ich danke allen, die sich so konstruktiv beteiligen!

Nachtrag

L!nda hat zur Frage nach Örtlichkeit und Milieu noch angemerkt, dass auch sie andere Milieus, etwa ein reiches, für möglich hält. In einer großen Stadt wäre die Geschichte schlechter denkbar, weil es dort mehr Öffentlichkeit gibt. Ich frage mich, wie es die Geschichte verändern würde, wenn ich sie unter reichen Jugendlichen spielen lassen würde. Ganz andere Assoziationen kämen da auf, andere Klischees vielleicht auch. L!nda spricht das schon an. Vielleicht wäre es für den Text gut, ein ziemlich durchschnittliches Milieu zu wählen, um Stereotypen zu vermeiden. Interessant ist auch die Erwägung einer „gemischten“ Gruppe von Jugendlichen, die sich zum Teil schon lange kennen, während andere sich noch bemühen, richtig dazuzugehören.

Frage an die Leser II

Welchen Einfluss haben Örtlichkeit und Milieu? – Neben der Diskussion um Gewaltvideos und Werteverlust wurde in der Presse, manchmal indirekt, noch eine andere Deutungsmöglichkeit angeboten: Es gab für Jugendliche nichts zu tun in der Gegend. Immer wieder, abgewehrt als etwas, das „die Leute sagen“, wurde auch Traunreut als Vertriebenenstadt thematisiert, die ohnehin ein Problem-Image habe. Arbeitslosigkeit und fehlende Lebensperspektiven wurden wenigstens angedeutet. Die SZ etwa schrieb: „Der Dance Club 99 ist jetzt dicht … Tagsüber rumzuhängen, das sind Anton, 17, und Mike, 18, beide arbeitslos, gewöhnt.“ – Wäre eine Tat wie dieser Leichenfrevel auch in einer Stadt wie München denkbar? In einem, sagen wir, Gymnasiasten-Milieu? Oder gehören Trost- und Perspektivlosigkeit untrennbar dazu?

Nachricht an die Leser I

Liebe Kommentatoren,

zunächst mal: ganz herzlichen Dank für eure Beiträge! Ich bin bewegt von euren Schilderungen der Erfahrung, die ihr mit Sterben und Tod gemacht habt.

Ihr fragt, warum ich ein Mädchen zu Hauptfigur machen will. Zunächst zum Hintergrund: Bei den Traunreuter Ereignissen waren viele Jugendliche beteiligt, soweit ich mich erinnere, über zehn. Mindestens ein Mädchen war Zeugin der Tat, dazu kommt bald noch ein Post, in dem ich einen alten Bericht von „report“ zusammenfasse. Nun will ich mich von diesem „Fall“ ja abstoßen und eine Geschichte erzählen, in der mir Freiräume bleiben und ich nicht mehr oder weniger dokumentarisch arbeite.

Die Entscheidung für Elle habe ich intuitiv getroffen. Ich denke aber, sie hat damit zu tun, mich von diesen realen Ereignissen literarisch zu distanzieren. Sie hat auch den Vorteil, nicht zu sehr mit eigenen pubertären Befindlichkeiten zu arbeiten und eben mehr auf eine Figur zu schauen.

Mit der Psychologie des Traunreuter Geschehens bin ich vorsichtig, weil ich keinen der Beteiligten kenne, auch nicht ihr Umfeld oder Ähnliches. Auch da möchte ich lieber meine eigenen Figuren mit ihrer Psychologie entwickeln.

Sehr spannend finde ich den Hinweis auf die Geschlechterrollen, diese Zuschreibung auch, welches Geschlecht welche Art von Verhalten zeigen soll. In diesem Zusammenhang erschiene es noch krasser, wenn es ein Mädchen ist, das „so was“ macht. Dass Elle die Hauptfigur ist, heißt aber nicht, dass sie auch beim Geschehen eine führende Rolle hatte. Daran arbeite ich als Nächstes, die Figuren mehr zu konturieren.

Frage an die Leser I

Liebe User, Mitleser und -schreiber,

in dieser Geschichte geht es (unter anderem) um die Begegnung mit einem Toten. Ich habe als Zivi mal geholfen, einen Leichnam zu waschen und zurechtzumachen. Ich erinnere mich vor allem, wie „unrichtig“ die Kälte dieses Körpers auf mich wirkte. Habt Ihr schon mal Berührung mit einem Toten gehabt? Was habt Ihr dabei empfunden?