Wann ist einer eigentlich tot II

In einer der hier geposteten Pressemeldungen der Polizei hieß es zum Toten von Traunreut: „Am Dienstag wurde der Tote als der seit 12.02.06 aus Traunreut vermisste Joachim Schulze identifiziert. Aufgrund eines in der Wohnung gefundenen Abschiedsbriefes musste von einem möglichen Suizid ausgegangen werden. Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Die Ermittlungen haben ergeben, dass der 49-jährige Mann entsprechend seiner Ankündigung nach intensivem Alkoholgenusses in der unmittelbaren Nähe des Fundortes verstorben und bewusst aus dem Leben geschieden war. Dies dürfte in zeitlicher Nähe mit seinem Verschwinden am 12.02.06 gewesen sein. Zusätzliche Abschiedsbriefe wurden bei der kriminalpolizeilichen Arbeit am Fundort aufgefunden.“

Vielleicht habe ich damals an einer anderen Stelle gelesen, dass es sich um einen Arbeitslosen gehandelt hätte. Jedenfalls hatte ich beim Gedanken an den Toten die Vorstellung von einem Mann, der aus allen Bindungen rausgefallen und alkoholkrank ist. Als ich den Bericht von Felix Speiser las, dachte ich: Wow, dieser lebendig Begrabene ist wie der Mann von Traunreut. Beide haben in ihrer Umwelt keinen anerkannten Platz mehr gefunden. Man hat sie ignoriert, wie tot behandelt. So streifen ja auch Obdachlose durch unsere Straßen, ohne dass wir sie wahrnehmen. (Dazu könnt ihr hier etwas lesen.) Sie haben keine Bedeutung für uns. So stelle ich mir diesen Mann vor. Er geistert durch die kleine Stadt und merkt, dass es keinen Unterschied macht, ob er lebt oder stirbt. Er übernimmt es selbst, sich aus dem Weg zu räumen, verbirgt sich im Wald und lässt sich erfrieren. Wochenlang bleibt er unbeerdigt liegen.

Wann ist einer eigentlich tot I

Zu Tod und Toten habe ich eine Reihe Bücher gelesen, um das Thema kulturell, sozial, historisch einordnen zu können. So kam ich über einen Aufsatz zum „sozialen Tod“ auf den Schweizer Ethnologen Felix Speiser. Der beschreibt in seinem Buch Südsee, urwald, kannibalen (1913) unter anderem die Insel Vao (gehört heute zu Vanuato, Melanesien) und ihre Bewohner. Dabei schildert er folgende gesellschaftliche Praxis: „Alte, die sich nicht mehr selbst helfen können, und die, weil nicht bei hoher Kraft, kein Ansehen genießen, sind leicht des Lebens müde und bitten sogar oft die Verwandten, ihrem mühseligen Dasein ein sanftes Ende zu bereiten. Blutenden Herzens tun es diese, indem sie die Alten nach einem letzten guten Mahle erdrosseln oder begraben.“

Der dortige Pfarrer habe einmal einen so lebendig Begrabenen „errettet und in einem Schiebekarren nach Hause gestoßen“. Der Mann, schreibt Speiser, „war durchaus gegen seinen Willen beerdigt worden, und zweimal war es ihm gelungen, sich aus der nur lose und oberflächlich aufgeworfenen Erde herauszuwühlen und zu den Seinen zurückzukehren. Die behandelten ihn aber einfach als Luft, ja als ein Gespenst, denn er sei ja begraben worden und habe durchaus kein Recht mehr, sich unter die Lebenden zu begeben. Man erklärte dem Unglückseligen, er sei eben tot, gab ihm nichts zu essen und begrub ihn das dritte Mal etwas nachhaltiger, so daß der Arme wohl wirklich gestorben wäre, wenn der Pater ihn nicht aus seinem Grabe erlöst hätte.“

Er verbrachte den Rest seiner Tage in der Missionsstation. Seine Landsleute ignorierten ihn weiterhin.

Eine Stadt unter Schock

Auch der ARD report berichtet 2006 im Internet über die Tat. Der Bericht enthält weitere Details. Ein Beamter der örtlichen Polizei wird wie folgt zitiert: „Man hat nicht erkennen können, an was der Mann gestorben ist, man hat ihn nicht identifizieren können. Nicht weil er verwest wäre, sondern durch die massiven Kopfverletzungen. Es sind Knochenteile weggesplittert, das Schädeldach war zertrümmert. Da war schon eine erheblich Gewalteinwirkung, gegen den Kopf und den übrigen Körper.“

Interessant sind auch Stimmen von Lehrern und Eltern. Ein Schulleiter habe gesagt: „Von einem Kind haben wir schon gesprochen, dem geht es sehr schlecht, es übergibt sich. Das zeigt schon, dass die nicht so abgebrüht sind, wie man sie gerne abstempeln würde, nach dem Motto, da ist eine Verrohung da.“

Die Eltern erscheinen in diesem Bericht ratlos, beschwichtigend, auch verständnislos. Befragte Jugendliche vom Ort hätten sich eher angewidert und abwehrend geäußert, Wörter wie „behindert“ oder „krank“ scheinen benutzt worden zu sein. Einer wird wie folgt zitiert: „Tote Leiche schänden, ich kenn den, hätt es nicht gedacht, find ich Scheiße.“

Auch ist hier zu erfahren, dass zwei (in einem anderen Artikel heißt es drei) der beteiligten Jugendlichen in Trostberg zur Schule gehen. report resümiert, was bleibe, sei das „Entsetzen über eine unverständliche Tat“.

Die Reaktionen II

Diskussion des Geschehens von Traunreut in Foren

In einem anderen Thread eines anderen Forums nennen sich die User eher nach Kinderbuchfiguren oder besonderen Gebäckstücken, einer nach der Hauptfigur aus einer Fernseh-Kultserie der 1990er. Das Thema als solches wollen nicht alle haben, es setzt sich aber zunächst durch. Besonderes Erstaunen erregt, dass die Tat von den Tätern gefilmt wurde. Die Reaktionen sind auch hier weitgehend verständnislos: „Kann man eigentlich nur noch vor Ekel den Kopf schütteln.“ Ein Traunreuter hat gemeint: „wenn die so etwas machen, wovor schrecken die eigentlich noch zurück?“ – „die kinder gehören am nächsten baum aufgeknüpft und die eltern in knast“, fordert jemand, wird aber als „bescheuert“ eingestuft.

Dem eigenen Sohn würde man in einem ähnlichen Fall „vor die Füße kotzen“. Und die Frage stellt sich: „Können Kinder eigentlich so entgleisen, wenn sich die Eltern ‚gescheit‘ um sie kümmern? Mit ‚gescheit‘ meine ich ein halbwegs intaktes Familienleben…“ – „Ich finde es einfach nur wiederlich und absolut erschreckend, zu was einige Kids so fähig sein können“, heißt es auch hier.

Ein neuer Aspekt: „Die Kids, die das gemacht haben, können einem eigentlich nur leid tun! So ganz ehrlich! Da muss so viel schief gegangen sein!“ Dieser Beitrag bleibt unerwidert.

Der Pädagogik gilt inzwischen das Hauptaugenmerk. „vertrimmen“, hat jemand als Maßnahme vorgeschlagen und damit der Diskussion eine neue Richtung gegeben, die immer mehr vom Anlass wegführt. Der Nutzen von Prügeln wird ausführlich und kontrovers diskutiert.

„eine intakte oder halbswegsintakte familie (was immer der einzelne darunter versteht) ist kein garant dafür dass ein kind nicht an eine gruppe gerät in der nicht nur sozial erwünschte werte und verhaltensweisen vertreten werden“, schreibt ein User, „man kann auch vermuten dass die meisten unbeteiligte zuschauer waren die zu wenig zivilcourage hatten um das geschehen zu stoppen. zivilcourage lernt man vom umfeld – bemängeln wir nicht auch unter den erwachsenen mangelnde zivilcourage?“

Die Reaktionen I

Diskussion des Geschehens von Traunreut in Foren

Die „Leichenschändung“ wurde seinerzeit in verschiedenen Foren diskutiert. Bei meiner Google-Recherche stieß ich auf öffentlich einsehbare Beiträge von Foren-Seiten – etwa auf muenchner-singles.de oder BMW-Syndikat.de. Die Dokumentation der Original-Beiträge wurde mir vonseiten der Betreiber nicht  gestattet, deshalb fasse ich sie hier zusammen, ohne näher zu bezeichnen, welcher User auf welchem Forum gepostet hat.

„Nicht mal mehr vor dem Tod haben manche Respekt. Ich hoffe sehr das diese Jugendlichen sehr hart bestraft werden … Bin darüber zutiefst erschüttert“, schrieb etwa jemand und auch, dass die Eltern sich „gehörig für ihre Kinder schämen“ sollten.

Ein anderer schrieb: „Meiner Meinung nach gehören die Kiddys sofort inne geschlossene!“ Einsperren bringe nichts, widersprach einer, Folter und Arbeitslager seien nicht drin. Mehrere sind sich einig, dass es wohl nur eine kleine Strafe für die Jugendlichen geben werde, einer findet das „krank“. Eine geschlossen Anstalt solle in Erwägung gezogen werden. „Normale Menschen in dem Alter“, weiß ein User, „bekommen beim Anblick einer Leiche nen Schock oder Brechreiz oder rufen sofort die Grünen.“ Wieder eine andere Stimme: „Ich weiß ja nicht was man da schlucken muss um sowas zu machen!“

Was könnte man tun, wenn das eigene Kind so etwas angestellt hätte? „Nen Psychater für mich und lebenslang Hausarrest fürs Kind“, schreibt einer und kommt zu dem Schluss: „Da wurden anscheinend von haus aus in der Erziehung grundlegende Werte nicht vermittelt.“

Ein User weist auf Filme hin, die manche „kranke Jugendliche“ zur Nachahmung animieren könnten. Als Titel nennt er Hostel, The Hills Have Eyes („alles Filme, die hier schon bersprochen wurden“) und Jackass. Ein anderer widerspricht: „Ich bin aber nicht der Meinung, dass man das an Filmen oder sowas fest machen kann.“

Zu den erwähnten Filmen habe ich mal bei Wikipedia nachgeschaut:

Zu Hostel heißt es da: „ein US-amerikanischer Torture Porn von Eli Roth“. (Die Wiedergabe der Handlung spare ich mir.) Der Regisseur wolle „ein realitätsnahes Bild unserer Gesellschaft entwerfen, da es durchaus vorstellbar sei, dass reiche, gelangweilte Geschäftsleute, die sonst alles haben, andere Menschen zu Tode foltern und dafür Geld bezahlen.“

Zu The Hills Have Eyes: „Drastisches Remake des gleichnamigen Horrorfilms aus dem Jahr 1977, der in die Gegenwart verlegt wurde, wobei die Geschichte mit abstoßenden Brutalitäten gespickt wird.“ (Lexikon des internationalen Films, zitiert nach Wikipedia) Zur Handlung heißt es: „Im nun [von einer vierköpfigen Familie mit zwei Schäferhunden] zu durchquerenden und verlassenen Wüstengebiet [in New Mexico] leben jedoch Bergarbeiter, deren Körper durch die atomaren Tests der US-Regierung in den 1950ern … entstellt sind … Die Mutanten überfallen ihre Opfer und fressen sie …“

Zu Jackass: „eine US-amerikanische Fernsehsendung des Musiksenders MTV … In jeder Folge wurden von den Protagonisten gefährliche oder selbstverletzende Stunts und Mutproben durchgeführt.“

Ein Forumsmitglied hat sich nach einer Science-Fiction-Serie benannt, ein anderer verweist auf Figuren aus berühmten SF-Kinofilmen in der Unterzeile zu seinen Beiträgen. Die Identifikation mit oder die starke Bezugnahme auf Fiktionen scheint hier (im Umkehrschluss) „gesund“ zu sein.