Spielfigur Wunsiedel: Schulszene (5)

Jeden Montag das Gleiche in unserer Klasse: Die angesagten Leute von …s Clique schwärmen, auf welchen coolen Partys sie am Wochenende waren, erzählen wer mit wem was hatte, und besprechen anderen neuen Klatsch. Die Unbeliebteren trauern dem nach, was sie angeblich verpassten haben könnten, und die Streber verdrehen die Augen, wie irrational das Verhalten der anderen doch ist. Jeden Montag das Gleiche!

Dann gibt es noch mich. Ich sitze unbeeindruckt in der Klasse und lasse meine Gedanken schweifen. Wie schön das Wochenende doch war, ohne das ganze oberflächliche Getue: Wer ist besser? Wer ist schöner? Wer hat das schon gesehen? Darauf kann ich sehr gerne verzichten. Ich konnte noch nie verstehen, was die Clique so toll an dem ganzen Zeug findet, womit sie den ganzen Tag prahlen.

Der Lehrer steht vorne und versucht – vergebens – die Klasse zu beruhigen, doch das schafft keiner außer …, die Anführerin der Clique. Da diese aber wie immer keine Lust hat, etwas für ihre Zukunft zu lernen, machen wir halt nichts. Mich stört das Nichtstun nicht so sehr wie ihr Einfluss in unserer Klasse. Jeder macht, was sie möchte und wann sie es möchte, nur um einen Funken Anerkennung von ihr zu bekommen. Ich verstehe nicht, warum alle zwanghaft versuchen, ihr zu gefallen. Ok, sie ist schön, dünn, groß, hat lange Beine und ist immer gestylt. Aber nur weil sie ihr gehorchen, bekommen sie nicht ihren Körper. Bei mir hat sie es schon vor langer Zeit aufgeben, mich zu etwas bringen. Ich glaube, das liegt einfach daran, dass mein dummer Cousin, mit dem ich eigentlich überhaupt nichts zu tun haben möchte, zufällig einer der beliebtesten Jungen der Schule ist. Ich denke, sie befürchtet, dass, wenn sie sich mir gegenüber abschätzig verhält, ich etwas zu ihm sagen würde. Was natürlich vollkommener Blödsinn ist, mich aber vor ihren Sticheleien bewahrt.

Der Lehrer versucht jetzt mit stark gerötetem Kopf, die Klasse endlich unter Kontrolle zu bringen. Ich sehe auf die Uhr und denke mir: „In den fünf Minuten wird er es wohl kaum noch schaffen, die Klasse zu beruhigen und die verlorene Zeit aufzuholen.“

Schon bricht die zweite Stunde an. Eigentlich ist es eine von den gleichen langweiligen nichtstuerischen Stunden, wäre da nicht der neue Geo-Lehrer. Er ist erst seit diesem Schuljahr da, aber jetzt schon der Lieblingslehrer der Schule. Selbst in unserer Klasse schafft er es – aber auch als Einziger –, die Schüler unter Kontrolle zu bringen. Das liegt aber auch nur daran, dass die Anführerin der Clique den Lehrer attraktiv findet und an dem Glauben festhält, dass das jemals etwas werden könnte. Meiner Meinung nach ist das totaler Schwachsinn: Welcher Lehrer riskiert seine berufliche Karriere für eine Schülerin – vor allem für so eine oberflächliche Zicke, die sich nur für sich selber interessiert? Soll sie nur in dem Glauben bleiben, dass sie eine Chance bei ihm hat, denn so machen wir wenigstens ein paar Stunden Unterricht in der Woche. Das sind aber wirklich auch die einzigen Stunden, wo sie sich mustergültig verhält, um ihm zu gefallen. – Vergeblich.

Spielfigur Wunsiedel: Schulszene (4)

Ein dumpfer Gong ertönt und die Gänge leeren sich. Die Klasse von Elle sammelt sich im Biosaal, ein trister, dreckiger und kahler Raum, an den Wänden hängen überall ausgestopfte Tiere und Poster von ihnen, zu Lebzeiten. Richtig eklig. Denner steht vor dem Pult, versucht vergebens, etwas Ruhe in die Klasse zu bringen. Die Clique übernimmt wie so oft das Kommando und beginnt, die Außenseiter zu mobben. Eine von ihnen ist Elle. Die Gruppe beleidigt das Mädchen, wirft mit angespuckten Papierkügelchen nach ihr. Elle lässt sich das alles gefallen, denn sie möchte irgendwann dazugehören. Jetzt unterbricht Denner das Ganze, er hat genug gesehen. Die Gang ist davon aber wenig beeindruckt, steht auf und verlässt ohne ein Wort zu sagen den Raum. Aufgrund des fehlenden Durchsetzungsvermögens des Lehrers bleibt diese Handlung unbestraft. Sobald die Türe geschlossen wird, dreht Denner so richtig durch, man kann ihn bestimmt über den ganzen Gang hören, er schreit jeden an, alle außer Elle, denn sie ist seine Lieblingsschülerin. Der Lehrer weiß, dass keiner auf ihn sauer sein wird, die Mädchen himmeln ihn total an und die Jungs kommen auch gut mit ihm klar. Also kein Problem.

Zur gleichem Zeit am Weiher, an dem sich die Clique eingefunden hat: Es geht sofort wieder mit den Sticheleien los, gegen Denner, Elle und alles, was sich in ihrem Umfeld befindet. Gegen Denner, weil alle Mädchen auf ihn stehen und er das schamlos ausnutzt (die Mädchen in der Clique übrigens auch). Gegen Elle, weil sie seine Lieblingsschülerin ist und alles tun kann, was sie möchte.

Spielfigur Wunsiedel: Schulszene (3)

„Und meine neue Jacke ist von Prada“, erzählt Corinna soeben ihrer Clique. Jeden Montagmorgen dasselbe. Ihre Gefolgschaft himmelt sie an. Da sieht man mal wieder, dass Geld doch die Welt regiert. Corinna hat Geld, mehr als genug, und wird in unserer Klasse, sogar in der ganzen Schule beachtet und alle reden über sie. Was sie anhat, wo sie am Wochenende war und, das Wichtigste, mit wem. Wenn sie etwas haben möchte, bekommt sie es auch. Auch wenn ihre Eltern nachhelfen müssen.

Die Streberfraktion hockt schon auf ihren Plätzen und alle sind in ein Buch vertieft. Herr Denner kommt gerade in das Klassenzimmer, das für unsere Klassengröße eigentlich viel zu klein ist. So gut wie niemand beachtet ihn. Die Wenigen, die gemerkt haben, dass er das Klassenzimmer betreten hat, setzten sich auf ihren Platz. Die Streber auf die ersten zwei Reihen verteilt, dahinter die Clique von Corinna und ganz hinten die „coolen“ Kids der Klasse, Klassenclowns und die, die sich herzlich wenig für Schule interessieren.

Da steht er nun in seinem dunkelblauen Adidas-Trainingsanzug, die blonden Haare verwuschelt, als wäre er eben erst aus dem Bett aufgestanden, und wartet, bis die Klasse ruhiger wird – vergebens. „Guten Morgen, Klasse“, sagt er mit sehr lauter Stimme. Nun haben auch die Letzten bemerkt, dass der Lehrer anwesend ist, und werden etwas ruhiger. „Wo sind Tim, Jonas und Marc?“, fragt er, als er in die Runde schaut, um die Anwesenheit zu kontrollieren. „Ich glaube, Jonas und Marc haben verschlafen und Tim kommt später, weil er bei seiner Freundin übernachtet hat.“, antwortet Dominik, der vierte der „Boys“. „Sie wissen schon. Kann dann morgens etwas länger dauern“, fügte er grinsend hinzu. „Das bezweifle ich“, lachte Corinna. – „Ehm ja. Na gut. Wir beginnen mit dem Unterricht. Schlagt bitte eure Bücher auf Seite 58 auf“, fährt Denner fort.

Spielfigur Wunsiedel: Schulszene (2)

8:00 Uhr. Alle Schüler machen sich auf den Weg in ihre Klassenzimmer. Grüppchenbildung in der Masse ist schon deutlich zu erkennen und nicht nur zwischen den Klassen selbst, sondern auch in jeder Klasse. Die Gänge leeren sich und es wird ruhiger.

Da Elles Mutter heute schon frühzeitig in die Arbeit musste, kommt sie zu spät in den Biologieunterricht. Jedoch hat sie Glück, dass der Lehrer sie am liebsten von allen hat und niemals sauer auf sie wäre.

Elle betritt das Klassenzimmer, ein düsterer und kalter Raum, da die Wände durch den Altbau kaum isoliert sind und es nur kleine Fenster gibt, durch die das Licht durchdringen kann.  Neben der Tür hängen die bunt verzierten Steckbriefe der Schüler. Ein kleiner Versuch, das Zimmer zu verschönern und gemütlicher zu machen. Dies gelingt nur überhaupt nicht. Die dreckigen und dunklen Wände, die schmutzigen Vorhänge, die schwarzen Tafeln und die vollgeschmierten Tische stechen zu sehr heraus.

Als alle Augen auf sie gerichtet sind, entschuldigt sie sich bei Herrn Denner für ihre Unpünktlichkeit und setzt sich auf ihren Platz, der sich in der hintersten Ecke des riesigen Klassenzimmers befindet.

Die Schüler sind auch bei ihrer Platzwahl nach ihren „Cliquen“ aufgeteilt. Ganz vorne befinden sich die Streber der Klasse, die jedes Mal versuchen, den Unterricht zu retten, indem sie die einzigen Antworten auf die Fragen der Lehrer geben.

Weiter hinten, auf den unauffälligen Plätzen, befinden sich die Außenseiter der Klasse, die immer wieder von der Peer-Group-Clique genervt werden. Zum Beispiel mit dummen Sprüchen zu ihrem Aussehen, ihren Unterrichtsbeiträgen, ihrem Verhalten oder weil sie einfach Lust haben, jemanden fertigzumachen.

Die Beliebteste der Klasse und auch Anführerin der angesehenen Clique ist Corinna, eine Freundin oder eher ehemalige Freundin von Elle. Corinna ist besonders eifersüchtig auf sie, da Elle die größte Aufmerksamkeit des hübschen Lehrers bekommt.

Und der Unterricht beginnt. Elle ist tief in ihren Gedanken versunken und starrt aus dem Fenster, zu dem Teich, wo sie jetzt gerne wäre. Alleine, um nicht in Probleme verwickelt zu werden und ganz für sich zu sein. Um sie herum beginnen schon die Sticheleinen der Clique. Immer wieder kommen Kommentare zu den Beiträgen der Mitschüler, die pure Unsicherheiten auslösten.

Denner versucht verzweifelt, Ruhe in den Unterricht zu bringen, da er empfindet, dass das so nicht weitergehen kann. Er kann nicht verstehen, wie pausenlos jemand schwätzen kann, bei einem Fach wie Biologie, das nach seiner Meinung interessanteste Fach. Es ist nicht bloße Theorie, sondern auch Praxis und ein Fach fürs Leben.

Spielfigur Wunsiedel: Schulstunde mit Denner

Pünktlich zum Schulgong stürmte Elle ins Klassenzimmer. In der ersten Stunde hatten sie Herrn Denner und der konnte es nicht leiden, wenn man zu spät kam. Entweder man kam pünktlich oder gar nicht. Elle ließ sich auf ihren Platz fallen. Eigentlich müsste Junis neben ihr sitzen, doch er hatte sich offensichtlich dazu entschieden nicht aufzutauchen. Herr Denner, der wie immer Sportklamotten trug, wünschte ihnen mit übertrieben guter Laune einen guten Morgen und schenkte der Klasse ein breites Lächeln. Die „Clique“, allen voran Corinna, die Anführerin, von allen aber nur das „Klischee“ genannt, fing an zu Kichern.

Die „Clique“, das sind die reichsten und beliebtesten Kinder der Schule. Sie hatten hier das Sagen, sogar die Lehrer kuschten vor ihnen. Jeder wäre gern bei ihnen dabei, auch Elle. Sie würde das aber niemals zugeben.

Als die Unruhe einmal ausgebrochen war, verbreitete sie sich wie ein Lauffeuer durchs ganze Klassenzimmer. Der Geräuschpegel schoss in Sekundenschnelle in die Höhe. Sie waren über 30 Leute in der Klasse, da wurde es schon mal richtig laut. Herr Denner versuchte, die Klasse wieder zur Ruhe zu bringen, doch ohne Erfolg, niemand schien ihm zuzuhören. Schließlich musste er dann doch etwas lauter werden, um das Geschrei im Zimmer zu übertönen.

„Ruuuhe! Könnt ihr nicht einmal leise sein! Anscheinend ja nicht, dann werden wir heute eben nicht an unserem Projekt weiterarbeiten, sondern in Einzelarbeit Übungen machen. Nehmt euch mal ein Beispiel an Elle, sie ist die Einzige, die hier leise ist.“

Na toll! Elle konnte die bösen Blicke auf sich spüren.