VI Das Tier (1)

 

„Heiß’ das, du has‘ nichts mitgebrach’?“

„Hell! Ich bin erwischt wor’n, wie soll ich n da was mitbring’?“

„Mann, Valle, ich kapier das nich. Wir ham es zehnmal geübt, oder?“

„Und ich hab alles so gemacht, okay? Die müssen’s gewussd’ ham. Dieser Typ hat mir richtig aufgelauert.“

„Nicht eine Flasche, Loser. Da muss Onkel Hell selbs noch mal ran.“

Dennis ließ die flache Hand über Valles Hinterkopf schrammen.

„So mach’ man das.“

Er zog den Reißverschluss an seinem Rucksack auf. Es klirrte leise, als er den Wodka rausholte, drei Flaschen mit blauen Labeln auf dem flachen Bauch.

„Das reich’ mal gerade für mich.“

„Die Polizei is hier gewesen.“

Dennis zuckte. Es sah aus, als würde er die Flaschen wieder in den Rucksack stecken wollen. Voll gefährlich, wenn die Bullen sich hier umschauten.

„Im Erns?“

„Ja, sie ha’ mich nach Hause gefahren. So ham sie ’s genannt.“

„Wenn sie’n gansen Kram hier fin‘, sin wir im Arsch.“

„Die wür’n ne Hundertschaft brauchen, um hier was zu fin‘. Der Hof is riesig.“

„Glaub nich, dass die vollkomm’ blöd sind.“

„Die wür’n eine Woche brauchen.“

„Sie wür’n denken: n altes Haus, das leer steht, ist doch n perfektes Versteck. Sie wür’n deine Fußspuren im Staub sehen.“

„‘s war derart daneben, Hell. Ich mein: Sie konnten ja nichts machen. Nur mich hier abliefern und mit mein’ Eltern sprechen.“

„Was ham die gesagt?“

„Streng! Ich muss ein’ Monat lang voll mithelfen. Und darf nicht weg außer zur Schule.“ Valle lachte. „Das mach’ aber nichts. Die krie‘n eh nichts mit.“

„Ehrlich, Valle, ‘s gefällt mir nicht. Wenn dein Vater jetz anfängt, dir hinterher zu schnüffeln –“

„Tut er nich. Dafür hat er gar keine Zeit.“

„Deine Mutter?“

„Die ers’ recht nich.“

Draußen fuhr der Trecker vorbei. Mega große Reifen, fast so hoch wie die Decke in dem alten Haus. Nicht dass sie zu sehen gewesen wären, dazu waren die Fenster viel zu dreckig. Es wurde nur dunkler. Noch dunkler. Und die Scheiben klirrten. Da war zum Teil schon der Kitt rausgefallen. Wie lang stand das alte Haus jetzt leer? Valle wusste es gar nicht genau. Seine Großeltern hatten neu gebaut. Vor vierzig Jahren oder so, irgendwann im Mittelalter eben.

„Has du die Uhr auch hier?“

„Klar.“ Valle zeigte auf ein altes Radio, so ein riesen Teil mit einem magischen Auge. Das stand auf einer noch älteren Eckbank. „Da drin.“

„Man sieht auf hunnert Meter, dass du’s angefasst hast.“

„Hier komm’ nie jemand rein außer mir.“

„Mein Vater sagt, das kann man nur von eim Grab behau‘m.“

„Kapier ich nicht.“

„Hol die Uhr einfach raus, Valle!“

„Aber das is ‘s beste Versteck, Mann. In dem Radio könns’ du ne halbe Leiche unterbringen, ohne dass man’s merkt.“

Er holte einen Schraubenzieher aus der Tasche, als gäb es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Ein paar Sekunden, und der Deckel hinten klappte weg.

„Kuck! Da is riesen Platz drin.“

Dennis kuckte nicht. Er streckte die Hand aus, ließ sich von Valle die Uhr geben. Ihr Armband war aus genietetem Leder, abgefahren breit. Das Edelstahlgehäuse trug eine schwarze Keramiklünette mit eingraviertem Namen. Valle dachte zuerst, das wäre der Name des Besitzers, aber es war natürlich der Name des Herstellers. Vier römische Ziffern auf dem Blatt und das Quadrat mit Kreuzen wie von einem Kartenspiel waren nicht so schön. Außer dem Rädchen zum Einstellen der Zeit hatte sie zwei Knöpfe zum Drücken, die hätte er gern ausprobiert, aber er traute sich nicht. Dennis hatte behauptet, er könnte hundert Euro für die Uhr kriegen, Valles Anteil wären dann zwanzig. Shit, er hätte sie am liebsten behalten.

„Wir müssen den gansn Kram auf verschie‘ne Stellen verteilen“, sagte Valle. „So is ‘s zu gefährlich.“

„Ich dachte eh, du würdst das Zeug mal verhökern.“

Dennis erklärte Valle, dass das gerade nicht ging. Sein Kontakt war beinah erwischt worden, wie er einen Flat Screen losschlagen wollte. Ein scheiß Junkie hatte ihn verraten. Die waren einfach total unberechenbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.