VI Das Tier (2)

Draußen mussten sie einen Bogen machen um eine tiefe, lange Treckerspur, die voll Wasser stand. Es war ein bisschen trüb, so eine Farbe wie frische grüne Kacke, aber vollkommen glatt – der graue Himmel spiegelte sich drin.

„Weißte was? Ich hab Elle erschreck‘ vorgessern. Bevor wir losgezo‘n sin, war ich beim Weiher. Da stand sie mit Junis und hat geknutscht. Ich hab mich im Wald versteckt und da hab ich so einen hohlen Stamm entdeckt. Da hab ich dann reingerufen“, er formte mit den Händen eine Art Röhre, „E-eeelle! – Eee-eelle! Die wuss‘n nich mal, aus welcher Richtung ‘s kam.“

„Sie hat immer Angst am Weiher. Haste das schon mal gemerkt? Ich glaub, sie wär fas’ mal reingefallen.“

Dennis’ Augen wurden schmal, er sagte aber nichts.

Valle ging mit ihm an dem ganzen langen Stall vorbei, in dem irgendwie über hundert Kühe standen. Das heißt, die latschten da rum, das war so ein Laufstall. Hundert Meter lang, ein Meter für jede Kuh. Und ein Melkstand, wo das Vieh selber reinging, um die Milch abzuliefern. Weil ihnen sonst die Euter wehtaten. Die Zitzen wurden von einer Maschine gewaschen, dann kamen so Becher dran, die sich festsaugten. Es gab eine Menge zu staunen für einen Jungen, der mit so was nicht groß wurde.

Entlang der Stallwand lag ein Haufen Zeug, halb verrottete, in aufgerissene Folie gewickelte Heuballen, Gitterboxen mit grau gewordenen Holzresten. Ein altes Mähwerk stand da mit schlapp runterhängender Antriebswelle und super verrostetem Blech, dann Rollen mit Schafsdraht und durcheinandergekommene Holzpfähle. Wieder eine Palette mit einer ollen Hundehütte drauf. Der Kälte zum Trotz schoben sich die ersten Brennnesseln aus dem Boden. Und immer wieder gab es Fahrspuren, die voll Wasser standen, zu tief, um einfach reinzutreten. Valle zog an einem Band seine Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete ein altes Vorhängeschloss. Der Riegel kratzte matt, als er ihn zurückschob.

Die ganze Hütte, die sie nun betraten, stand bedrohlich schief da. Im hinteren Teil waren eingeknickte Balken zu sehen, von oben drang Licht ein. Altes Heu oder Stroh muffelte vor sich hin. Vorne war es ziemlich dunkel. Aber Valle hatte da eine Taschenlampe deponiert. Er knipste sie an, ihr Strahl richtete sich auf einen oben offenen Käfig aus Dachlatten und Draht. Verschissene Streu bedeckte den Boden, in einer Schüssel aus grauem Ton stand allerdings frisches Wasser neben einem Teller voll Körner. Nach einer Weile traten die Umrisse eines kleinen Verschlags aus dem Zwielicht hervor. Voll Film Noir. Valle stieg mit einem großen Schritt über die Seitenwand mitten in den Käfig rein. Er steckte die Hände in den Verschlag. Ein eher gequältes als ängstliches Gackern wurde hörbar.

Als er sich umdrehte, blitzte ein gelber Schnabel im Lampenlicht auf, ein starres Auge, ein roter Kamm. Die gelben Füße waren an den Körper gezogen, die Federn wirkten in dem trüben Schein feucht und angeschmutzt.

Dennis war vor dem Verhau stehen geblieben. Er drehte sich halb weg, als Valle ihm das Huhn entgegenstreckte.

„Was soll ‘n das wer‘n? Voodoo?“

„Es ist von ei‘m Bussard angefallen wor‘n. Ich habs unter nem Strauch gefun‘n.“ Er ging mit dem Tier noch mal besser ins Licht. „Kuck!“

Valle hatte das Tier mit den Händen umfasst, jetzt kippte er es ein Stück weit auf die Seite, sodass es in seiner linken Hand lag. Mit der rechten zog er einen Flügel vom Körper des Huhns weg, das nun wieder ein klagendes „Booaak“ hören ließ und sich freizumachen versuchte – ziemlich kraftlos. Es hatte vorn an der Brust nur wenige Federn, die pickelige Haut war sichtbar. Zum Flügel hin klaffte ein Loch, das in düsteren Farben schillerte. Schwarzrot, lila, außen rosa und feucht.

„Da hat er n Stück rausgerissen. Ich hab die Wunde mit Jod behan‘lt. Ich versuch es wieder hinzukrie‘n.“

„Warum zeigs‘n mir das? Das interessiert mich nich‘.“

„Meine Eltern denken, ‘s wär tot. Was meins’ du, wie die kucken, wenn es auf einmal wieder übern Hof spaziert?“

„Mir doch egal, Mann.“

„Pass auf. Da drü’m sin‘ so alte Plastikboxen, wo mal Eis drin war. Davon nehm’ wir eine und tun die Uhr rein. Wenn ich die hier in dem Verschlag versteck, den ich dem Huhn gebaut hab, komm‘ da keiner drauf. Garantiert nich‘.“

„Un‘ warum nich‘?“

„Ers’ns: der Schuppen kracht bald zusamm’, sagt mein Vater. Es geht nie jeman’ rein, ich dürfte auch nich‘. Zwei: Wenn jeman’ reinkommt, sucht er nie bei dem Huhn. Nich‘ mal du traus’ dich hin.“

„Ich will mir nur nich‘ die Schuhe versiffen.“

„Eben. Gib mir mal so ’ne Box. Da auf dem Brett. Nein, da, ja.“

Dennis holte die Box, legte die Uhr rein und machte den Deckel drauf.

„Nich‘ dass die schwitz’ da drin.“

„‘ch pass auf“, versprach Valle.

Er setzte das verwundete Huhn vor den Wassertrog und versteckte umständlich die Box.

„Ey, was liegt ‘n da?“, rief Dennis. „Is das ne Drohne?“

„Hab ich im Wald gefun‘n. Is kaputt, glaub ich.“

„Die ist ja groß!“

Valle stieg wieder aus dem Verhau. Er nahm die Taschenlampe in die Hand und stellte sich neben Dennis. Zusammen besahen sie das gelb-schwarze Fluggerät. Es hatte vier Schrauben, die über ein Kreuz verbunden waren. In der Mitte war die Batterie fest, ein ziemlich dicker Klotz.

„Da sind nur ein paar Drähte los“, meinte Dennis.

Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle. Valle leuchtete.

„Das läss‘ sich problemlos löten. Aber was is mit der Fernsteuerung?“

„Ich frag mein Bruder“, sagte Dennis. „Der kennt sich mit so was aus. Vom Bund her.“

„Vielleicht kann er ne Hellfire-Rakete dranbau‘n.“

„Ja, und dann lass’n wir das Ding über die Schule flie‘n und Bam, Bäng, ja‘n wir sie in die Luft.“

„Un‘ die Sporthalle hinterher.“

„Wieso ’n die Sporthalle? Ich weiß was Besseres“, sagte Dennis.

Draußen fuhr wieder was vorbei. Diesmal ein Auto, mit V6-Motor, das konnte man hören. Dennis und Vale schauten sich an. Sie machten schnell jetzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.