X Der Fund (10)

Dennis kam mit einem Gegenstand zurück. Bald wurde klar, dass es sich um ein Stück Rohr handelte, wie sie neben dem Schuppen lagen. Am vorderen Ende saß eine T-Muffe. Er nahm Vale die Taschenlampe ab und steckte sie in eine Seitentasche seiner Cargo-Hose. Er nahm kurz Maß. Weit ausholend schwang er das Rohrstück wie einen Hammer auf den Schädel oder, wer weiß, in das Gesicht des Toten. Es knackte, ganz als würde etwas brechen. All die anderen Geräusche, gab es die? Das beredte Schmatzen, das Sausen der Rohrs in der Luft – womöglich entstand das in den Köpfen, jeder hatte da seinen Film. Von außen kam nichts dazu. Kein Flugzeug, kein Zug, kein Tier in der Nacht, das durchs Laub raschelte, bellte oder schrie, keine Stimmen von Menschen, nicht mal das Surren eines Drohnenpropellers ertönte. Man hätte sich wünschen mögen, dass das verdammte Licht aus Junis’ Lampe ein Geräusch verursacht hätte. Doch es gab keinen Laut. „Der Tod ist still“, hatte Franz Helmar gesagt, der ihm mit fünfzehn der Krieg begegnet war, „ich wünsche keinem, diese Stille kennen zu lernen.“

DennAis schien nicht wütend, während er zuschlug. Es wirkte eher, als würde er Holz spalten. Konzentriert und ergebnisorientiert, mit der Befriedigung eines arbeitenden Menschen führte er Schlag auf Schlag. Nach einer Weile machte er Pause. Vale blieb außerhalb des Lichts. Es hätte wie ein Standbild gewirkt, wäre da nicht das leise Zittern in dem gleißenden Strahl gewesen. Eine Minute später turnte das Lampenlicht wild durch die Bäume.

Junis war von der Rampe gesprungen. Er sah sich die Sache von Nahem an. Dennis machte ihm Platz.

„Wetten, du schaffst es nicht, ihm den Arm auszureißen?“

Der Bann der Stille war gebrochen.

„Was’n das für ne Wette? Wetten, du schaffs es nicht, ihm n Bein abzuhacken?“

Sie versuchten es. Der Tote war für sie in diesem Moment nicht mehr als eine Kleiderpuppe, die man zerfleddert, um zu sehen, was sie zusammenhält. Junis blieb vollkommen kalt, wie der Tote hob er sich nicht von der Umgebung ab. Vale hatte seine Taschenlampe übernommen, er filmte außerdem mit dem Phone. Der Predator über ihren Köpfen blieb unentdeckt. Langsam stieg er höher in den klaren Nachthimmel, die drei übrigen Jugendlichen mit ihrem armseligen Taschenlampenlicht verloren sich schnell in dem immer größeren Ausschnitt, den die Wärmebildkamera aufnahm.

Elle dachte nicht mehr daran, dass sie Geburtstag hatte. Sie taumelte nach wie vor durch den endlosen Schacht in eine Tiefe, die sich nicht länger anfühlte wie Tiefe. In der frostigen Luft begann sie zu zittern. Warum war Junis weggegangen, warum stand er da unten mit Hell und tat diese Dinge? Hatte Hell nicht gesagt, dieser Mann wäre sein Freund? Sein Prügelknabe. War Freundschaft nichts als das, war Junis ihr Prügelknabe und sie sein Prügelmädchen? Warum war er so kalt? Alle waren so kalt. Sie spürte eine bohrende Sehnsucht, ihrer Clique nah zu sein, sie wollte, dass alle sich umarmten, sogar Hell sollte dabei sein. War es nicht seltsam, dass kein einziges Mädchen zu ihrer Party gekommen war? War sie kein richtiges Mädchen? Aber was war sie dann? Was konnte sie, was wollte sie sein? Sie wollte nichts weiter sein, als dieses unbegreifliche Fluidum, in dem sie sich seit einer Ewigkeit bewegte, sie wollte keine Grenze haben, an der sie begann oder aufhörte, Elle zu sein. Sie stützte die Hände auf die Rampe. Wahrhaftig, sie spürte Widerstand. Sie sprang hinab und kam mit den Füßen auf dem Boden auf. Es gab eine stoffliche Welt, in der sie nicht endlos fallen konnte. Aber das half ihr nicht. Im Gegenteil, sie hasste es. Sie wollte nicht aufkommen, sie wollte nicht gestoppt werden, sie wollte eins sein. Elle ging zu ihren drei Freunden, die sich ihr zuwandten mit Gesichtern voller Erwartung. Sie suchte Junis Hand wie ein Kind. Aber sie war auch tough. Sie verlangte von Hell den Lichtausknipser, der lachte über das Wort. Eine Taschenlampe, die ein Lichtausknipser war, haha. Er reichte sie ihr. Elle holte aus, sie zog dem Schädel, der neben dem Baumstamm herabhing, eins über. Die Haut platzte auf, die Kalotte darunter musste schon zersprungen gewesen sein, ein Teil davon löste sich mit dem Skalp, und der Blick war frei auf das Innere. Wieder fehlte der Boden, wieder fiel sie oder flog oder schwebte und sie tauchte in dieses gewesene Bewusstsein. Sie schauerte, als hätte ein neuartiges Energiefeld sie erfasst. Wo war sie nun, mit wem war sie da verbunden? Sie hörte kaum, wie Dennis maulte, weil sie die Lampe verbeult hatte, es klang wie durch einen Vorhang. Ein leises Wimmern drang an ihr inneres Ohr, gar nicht weinerlich, das nach und nach zur Stimme wurde. Die Stimme hatte etwas zu sagen. Was sagte sie? Eine Zeitlang horchte sie angestrengt auf die Wortschleife. Eure, glaubte sie rauszuhören, eure Welt, klang es in ihrem Kopf, ist … ist … ist … schlecht. Noch einmal. Kein Zweifel. Eure Welt, ist schlecht. Eure Welt, ist schlecht. Eure, Welt, ist schlecht. Wie von außen hörte sie es nun. Und sie wusste, von wem es kam. Noch hatte sie nichts zu erwidern, noch dachte sie bloß: eure Welt, ja. Ich kehre nie zurück. Ich werde fallen in Ewigkeit.

Es war Dennis oder der von ihm ausgehende Wodkadunst, der sie zurückholte. Wie war ihr Arm um seine Schulter gekommen? Auf einmal hielt er ihr ein Kettchen vor die Nase. Es glitzerte golden und fünf kleine fette Buchstaben schaukelten daran.

„Er heißt übrigens Frank.“

Auf einmal musste Elle sich übergeben.

2 Gedanken zu „X Der Fund (10)“

  1. 1
    philo says:

    Vor allem das Ende finde ich super! Wie plötzlich alles erst mit dem Namen des Toten wirklich real wird!!!

  2. 2
    Thomas says:

    Danke, philo! Das freut mich.

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