X Der Fund (2)

Klar, es war Hell.

Er nuschelte etwas wie einen Glückwunsch, dass sie noch keinen Geburtstag hatte, war ihm egal. Hell hielt eine Plastiktüte hoch und schüttelte sie. Im Innern klackten Flaschen aneinander.

„Vale, der Versager, hat sich erwischen lassen. Deshalb bring ich nur drei Flaschen. Exklusiv geklaut bei Uwe’s.“ So hieß der kleine, unabhängige Supermarkt, der sich gegen alle Wahrscheinlichkeit in Vierweg hielt. Uwe hatte keine Sicherungskappen auf den teuren Flaschen, er schloss sie auch nicht weg. Selbst schuld, dachte Elle. Doch im Grunde war ihr nicht wohl. Warum jemand schaden, der vielleicht gar nicht so ein Kapitalistenarsch war und dessen Sohn womöglich heute Abend bei ihrer Party auftauchte? Sie bedankte sich trotzdem.

„Ich hab auch den Ofen“, sagte Hell und grinste noch breiter als breit. „Also ’n Zeltofen. Von meim Bruder. Dafür könn’st du mir minnestens die Eier kraulen.“

Es war ein Fehler, sich bei ihm zu bedanken.

„Du nervst“, sagte Elle.

„Feiers’ du in dem Schuppen da?“ Er deutete mit dem Kopf in die Richtung. „Ich bau ihn so auf, dass es drinn’ nich raucht. Du solltest Holz sammeln gehen.“

Das tat Elle. Es kam sowieso noch keiner. Zwischen all dem knospenden Grün lagerte doch viel altes Laub, das ganz schön glitschig war. An den Ästen, die sie aufhob, klebten braune Blätter und feuchter schwarzer Mutterboden. In einer Mulde unterm Fichtendickicht lag sogar noch etwas Schnee. Ein Stückchen weiter sah sie zwei Wodkaflaschen am Boden, dieselbe Marke hatte Hell mitgebracht. Sie war also nicht die Erste, die auf die Idee gekommen war, hier eine Party zu machen.

Im Dickicht war es ihr etwas zu dunkel. Sie machte kehrt, sie hatte schon einige Äste zusammengerafft, und beim Rest würde ihr bestimmt jemand helfen. Als sie zurückkam, war endlich Junis da. Was der ihr wohl schenken würde? Vielleicht eine Rube-Goldberg-Installation, wenn er sie endlich fertiggebracht hatte? Sie liebte diese sinnlos verketteten Mechanismen.

Junis erfasste mit einem Blick, dass Elles letzte, panische Whatsapp an ihre B-day-Gruppe berechtigt gewesen war. Wenn bis jetzt außer Hell wirklich niemand erschienen war, würde auch später kaum jemand kommen. Das tat ihm leid und er nahm sich vor, sie ein bisschen aufzuheitern. So begrüßte er sie mit einer leichten Umarmung, das taten sie sonst nur, wenn andere zusahen (Hell zählte in diesem Fall nicht zu den anderen). Sie schmiegte sich voll an ihn. Er zog ein in Alu eingewickeltes Piece aus der Jackentasche und zeigte es ihr kurz. Elle hielt den Daumen hoch. Sie wirkte gar nicht nervös, eher so busy.

„Hast du die Boom mitgebracht?“

„Was denkst du denn!“ Er zog sie aus dem Rucksack. „Außerdem habe ich noch ein paar Power Bars, damit uns nicht die Energie ausgeht.“

Hell hatte es natürlich mitgekriegt, er sprang neben Junis und wollte die Bluetooth-Box gleich anfassen. Aber Junis passte auf, er zog das Teil weg. Hell fummelte sein Phone aus der Hosentasche.

„Komm, schalt sie ma’ an, dann kann i’ mich verbinden. Wir stellen sie auf die Rampe. Da könn’ wir das ganze Gelände beschallen.“

„Erstens“, erwiderte Junis, „kommt die Box rein. Ich will nicht, dass sie versaut wird. Zweitens bestimmt Elle die Musik heute. Wenn sie das nicht will, habe ich ein Set für sie vorbereitet.“

„Die hört bestimmt nur Scheißmusik“, murrte Hell, „Shawn Mendes oder sowas.“

Ohne darauf einzugehen, wandte Junis sich dem Lagerschuppen zu. Dieses aus roten Ziegeln errichtete Gebäude wirkte auf ihn irgendwie verrottet und stabil zugleich. Das Schiebetor aus teergetränktem Holz war an den Ecken stark angenagt, die Beschläge rosteten, an einer Stelle klaffte ein ellenlanger Spalt. Vom Dach hing in Fetzen Teerpappe, die Pfette oder wie der Balken da oben hieß, der die Sparren trug, war an zwei oder drei Stellen gebrochen. Der Raum selbst war kahl, am Boden lagen Müll und lose Steine, von den Wänden schuppte ein uralter Kalkanstrich. Nach hinten raus hatte es früher ein Fenster gegeben, so hoch, dass man nicht rauskucken konnte. Davon war nur das Gerippe aus Eisenstegen übrig. Ein bisschen sah es aus wie im Knast. Durch eines der Löcher stak ein Ofenrohr, unten hing es in der Luft, ein sinnraubender Anblick. Aber Junis wusste Bescheid, er hatte den alten Ofen auf der Rampe gesehen und nahm sich nun noch einmal vor, Hell für die Schlepperei zu danken. Ohne Ofen würden sie es keine drei Stunden hier aushalten.

So lange Junis den Ort kannte, stand dort ein abgerocktes Sofa. Früher hatten sie sich bedenkenlos darauf gefläzt. Heute dachte er, dass es vielleicht gesünder wäre zu stehen oder auf einer Pappe zu hocken. Zum überwiegenden Teil war das Dach ja noch dicht und der Boden trocken. Junis’ Blick fiel auf das Rohr für die elektrische Leitung, das am unteren Ende von der Wand abgerissen war und in den Raum ragte. Er nahm an, dass es aus Blei wäre. Weit oben hing sogar noch eine Porzellanfassung für eine Glühbirne, aber Strom gab es auf dem Gelände nicht mehr. Hatte eigentlich jemand an das Licht gedacht? Er glaubte nicht. Wie uncool! Hier zu sitzen, wenn es draußen richtig dunkel war, konnte keinen Spaß machen. Arme Elle. Der sechzehnte war doch ein richtig wichtiger Geburtstag, fast schon wie achtzehn.

In einer Ecke lag immer noch ein gutes Dutzend Ziegelsteine. Junis schichtete sie sorgfältig zu einem Turm auf. Die obere Lage wischte er mit einem Papiertaschentuch ab, ein weiteres breitete er anschließend als Deckchen darauf aus. Nun erst platzierte er dort seine Box. Er wollte sie schon einschalten, als er draußen Stimmen hörte.

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