X Der Fund (6)

Hell hatte sich derweil die Drohne geschnappt. Wie vorher Elle flog er sie mit der Hand, er hätte sie gern über den Köpfen der anderen kreisen lassen. Vale traute sich nach wie vor nicht, ihn zur Rede zu stellen, weil er sie einfach mitgenommen hatte, ohne auch nur zu fragen. Man hätte auch sagen können: Dennis hatte sie geklaut. Er schoss diverse Hellfire-Raketen ab; die Explosionen und deren Folgen konnte er sich gut vorstellen.

„Der Predator steht überm Fluss gans nah bei unsrer Schule. Von un’n sieht ihn nieman’. Die Kam’ras erfas’n ’n Pausenhof.“

„Welcher Fluss ’n?“, fragte Vale.

„Wieso? Der Fluss.“

„Ich bin vorhin schon die ganse Zeit da drüber geflo’n. Bis zum Meer.“

Einer der älteren Jungen schnappte das auf.

„Bist du nicht von hier, oder was?“, frage er. „In Vierweg gibt’s keinen Fluss, Kleiner.“

„Nenn mich nich Kleina!“, rief Dennis und sprang auf die Füße. Mehr traute er sich nicht.

„Naja, vielleicht habe ich was verpasst. Leute, kennt einer von euch einen Fluss in der Gegend?“

„Einen Fluss? Klar, Mann, die Viere.“

„Die Wege.“

„Der Weg ist der Fluss.“

„Es gibt hier vier Flüsse.“

„Eigentlich müsste unser Ort Vierfluss heißen.“

Dennis warf einen sehr bösen Blick auf Junis, der so tat, als würde er von der ganzen Sache nichts mitbekommen. Vale tippte Dennis auf den Oberarm.

„Lass uns verschwin’n!“

Vale blieb sitzen.

„Was füa Aschlöcha“, murmelte Dennis im Rausgehen. Der Fluss war aus seinem Kopf verschwunden, er hätte nicht sagen können, wie er es geschafft hatte, da durchzufließen. Während er in die Dunkelheit stapfte, stellte er sich vor, die Predator wäre über ihm. Sie war mit einer Wärmebildkamera ausgestattet, und die Rakete hatte einen Wärmesensor in ihrem Kopf. Paou, es krachte und blitzte. Sein Kopf explodierte. Seine Eingeweide verteilten sich über den angefrorenen Boden. Sie schimmerten feucht im Sternenlicht.

Kurz vor Mitternacht hatte Elle einen kleinen Stimmungseinbruch. Es lag nicht daran, dass Holger und seine Leute wieder abzogen, übrigens ohne das Gleisstück, das sie angeblich hatten mitnehmen wollen, auch nur einmal noch zu erwähnen. Im Gegenteil: Die Gymnasiasten hatten einen bedeutenden Teil des Biers und des Wodkas getrunken, die Bull-Dosen waren gänzlich aufgebraucht. Außerdem hatte Elle Holgers Playlist nicht gefallen, irgendwie war das alles so arty und ein bisschen langweilig.

Nein, es lag am Altern. Ihr Vater sagte, ab fünfzehn würden alle Menschen degenerieren. Sie befand sich auf direktem Weg ins Altersheim! Und er hatte sich mal wieder nicht gemeldet. Madlens Ankündigung, Elle solle einen Roller bekommen, war das einzige Lebenszeichen von ihm. Sie vermisste auch andere Mädchen auf ihrem Fest. Sophie hätte wenigstens kurz vorbeischauen können, Betse hätte mit ihnen abhängen können, wenn Elle sonst schon keine Freundin auf der Welt hatte! Allerdings dachte Betse, Elle würde im ehemaligen Jugendzentrum feiern. Sie hätte sonst garantiert versucht, ihr das Bahngelände auszureden.

Im Endeffekt war nur Junis ein echter Freund. Den kleinen Vale mochte sie auch, nur war er eben noch ein halbes Baby und klebte viel zu sehr an Dennis. Sie hätte es ok gefunden, wenn die beiden vorhin zusammen verschwunden wären, um erst in zwei oder drei Tagen wieder in Elles Leben aufzutauchen.

I checked my head, but no one’s home. The mood is right, the party is on. Looks like tonight, I’ll be drinking alone.

Der Ofen verbreitete eine sozusagen sauerstoffarme Wärme, trotz der Zugluft im Raum.

„Was habt ihr ei’ntlich gesagt, wo ihr heut nach’ bleib’?“, wollte Vale plötzlich wissen.

„Ach, Kälbchen“, sagte Junis, „wir sind schon aus dem Stall heraus und in der weiten Welt, da muss man so was nicht mehr – sa’n.“ Er machte immer diesen speziellen Nuscheleffekt nach, den Vale von Dennis übernommen hatte. „Davon abgesehen: Meine Mutter ist bis nächste Woche an der Uni, und mein Alter kriegt gar nicht mit, ob ich daheim bin oder nicht.“

„E’m. Meine Ald’n merken auch nix. Aber mor’n halb sie’m gehd mein Ald’r in’ Stall, da muss ich dem helfen.“

Er würde um sechs aufs Radl steigen müssen, um es rechtzeitig zu schaffen. Voll gemein! Voll zum Geiern!

„Ich bin sowieso allein“, sagte Elle, „es ist ganz gleich, wo ich heute Nacht bin. Oder in irgendeiner Nacht.“

„Ich rette dich heute Nacht“, sagte Junis. Wirklich fürsorglich klang es aber nicht, eher ein bisschen abwesend.

„Jeder will für immer leben“, sagte Elle, „aber wer bin ich, zu sagen, ich möchte einfach ein Leben, an das wir uns erinnern werden – wir leben für heute.“

„Auf heute, Elle! Es ist zwölf!“

Junis hatte die Gnade sich von den Pappen zu erheben, auf denen er seit mindestens einer Stunde lungerte. Er umarmte sie mit beinah ausgestreckten Armen, er wünschte ihr Glück, er ließ sie nicht los. Sie tanzten auf der Stelle, es war mehr ein Wiegen als ein Tanz, aber durch die Musik kehrte die Unbegrenztheit zurück, die Sterne, das All, das alles. Da wollte Elle für immer bleiben, in keinem anderen Raum auf oder außerhalb der Welt.

„Ein Bier auf ex“, rief sie. Vale sprang zum Kasten und öffnete drei Flaschen.

„Auf Elle!“

„Auf Elle!“

„Auf euch! Auf mich! Auf alle, die heute Nacht hier sind!“

Sie hatte ihre Flasche beinah gefinisht, als sie von draußen ein lautes Rufen hörten:

„E-eeelle! – Eee-eelle!“

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