X Der Fund (7)

Allmählich organisierte sich Hells vom Drohnenangriff atomisierter Körper wieder. Mit seiner Selbstverteidigungstaschenlampe in der Form eines Baseballschlägers leuchtete er den Himmel ab. Die angeblich superhellen LEDs reichten indes nicht mal aus, um bis in die Wolken zu leuchten, geschweige denn, versteckte Flugobjekte ausfindig zu machen. Also richtete er den Strahl auf den Boden vor seinen Füßen. Im braunen Gras des Vorjahres glitzerten irre schön die Eiskristalle, da kam kein Sternenhimmel mit, so weiß, so klar, so kalt wirkte das. Er mochte die Kälte, sie durfte ruhig beißen, er biss dagegen an. Alte Fuß- oder Reifenspuren waren gefroren und machten es ihm schwer, sein Tempo beizubehalten. Möglicherweise waren es seine eigenen Fußabdrücke und er lief genau da, wo er schon einmal entlang gelaufen war, und berührte den Boden nur quasi.

Nach wenigen Schritten bereits hörte das offene Gelände auf, es kam eine Zone mit Gestrüpp und kleinen, überwachsenen Müllbergen, meistens Bauschutt und Ähnliches. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Vierweger früher alles Mögliche auf das Gelände gebracht hatten, auch Autobatterien und Kanister voll Altöl. Auf die wilde Kippe folgte ein dichtes Tannenwäldchen, in dem man sich sehr vor dürren Ästen in Acht nehmen musste; dahinter standen, wie er wusste, auf einem Streifen hohe Tannen vor einem Zaun des Schrebergartengeländes. Hielt man sich mehr links, kam man allerdings schnell auf einen frisch gewalzten Weg. Das Ganze einen Wald zu nennen (oder ein „Holz“, was angeblich dasselbe bedeutete), war offen gesagt Quatsch.

Es war voll unfair, wenn die anderen ihn verarschten! Woher sollte er wissen, ob es in Vierweg einen Fluss gab, war etwa hier geboren? Also. Junis allein hätte er es vielleicht verziehen, weil Junis einfach ein super Typ war und immer gern eine Tüte spendierte. Aber dieses Weichei Holger mit seinen Rührei-Freunden – das ging zu weit. Er würde es ihnen heimzahlen. Dennis malte sich aus, wie er mit seiner Basi-Taschenlampe die Scheinwerfer an Holgers Auto zerdepperte. Anschließend wäre die Frontscheibe dran, die Türen, die Haube, das Dach. Viel würde nicht übrig bleiben. Vielleicht bliebe auch von seiner Lampe nicht viel übrig, die aufgrund ihres mangelnden Gewichts an ein richtiges Diskutierholz nicht rankam. Neben dem Schuppen lag ein Haufen alter Eisen-Wasserrohre – bestimmt noch vom Krieg. Mit einer Winkelmuffe vorne dran könnte das eine gute Alternative sein.

Die Taschenlampe leuchtete lange nicht so gut wie behauptet. Der Fokuspunkt der Linse war recht klein. Man konnte mit ihr kaum den Boden ausleuchten und erst recht niemand blenden. Als es in der Nähe knackte, suchte er mit seinem Strahl die Büsche ab und sah eben noch ein Kaninchen wegspringen. Wahrscheinlich schreckte er hier gerade die ganze Tierwelt auf. Macht nichts, was hockten die auch hier rum, wo er pinkeln wollte. Übrigens ging er nicht aus Scham so weit vom Schuppen weg, sondern weil er sich bewegen und die Lampe testen wollte. Hell war nicht der Typ, der sich im Dunkeln die Hosen vollschiss. Es machte auch nichts und schon gar nichts, wenn alle gegen ihn waren. Er kam gut allein klar.

Zwischen diesen kleinen Tannenbäumchen half ihm die Taschenlampe noch weniger. Hie und da schimmerte bleich das tote alte Gras. Es war immer spannend, auf so eine Stelle zu treten, nie wusste man, ob darunter ein Stamm oder Äste lagen, ob gleich der Boden kam, ein fauler Stumpf oder ein Hohlraum. Immer noch tiefer in den Wald drang Hell vor. Die Musik aus dem Schuppen war erstaunlich klar zu hören, mal wieder Hollywood Undead, naja. Als sein Fuß an etwas hängen blieb, wollte Hell zuerst durchziehen. Aber das ging nicht. Er musste die Schuhspitze aus irgendwas herauswursteln, als hätte sie sich in einem aufgerollten Teppich verfangen oder etwas derartigem. Mal leuchten … Teppich schien gar nicht so daneben, jedenfalls war es was Größeres, Dunkles … das sah aber eher wie ein Mantel aus. Oder eine Jacke, ja, es war eine Jacke. Zur Jacke gehörten eine Hose und ein paar Tennisschuhe. Ungelogen: Tennisschuhe. Wer zog denn noch so was an? Lol.

Erst als der Strahl der Lampe eine Hand erfasste, wurde Dennis klar, dass da jemand lag. Im selben Moment dachte er auch, dass der Liegende tot sein müsse. Das war einfach klar. Hammer! Eine echte Leiche! Irgendwie erschrak er darüber nicht richtig; es war etwa, als hätte er einen umgestürzten Baum entdeckt. Nach dem Gesicht leuchten wollte er jedoch nicht. Es reichte, als im Lichtkegel ein paar graue Strähnen auftauchten. Er frage sich, ob er den Mann nun schütteln sollte, um sicherzugehen. Nein, das musste er nicht. Es war ganz und gar eindeutig. Dennis nahm einen kräftigen letzten Schluck aus der Flasche und warf sie im hohen Bogen durch den Wald. Sie stieß an keinem Stamm an, das erschien ihm wie ein Wunder, nicht wie ein Wunder, sondern wie der unübertriebene Ausdruck seiner Geschicklichkeit. Erst weit hinten hörte er sie auf einem Stein zerschellen. Er würde beide Hände brauchen. Er würde Vale brauchen.

2 Gedanken zu „X Der Fund (7)“

  1. 1
    passenger says:

    Großer Applaus für den letzten Absatz!

  2. 2
    Thomas says:

    Danke, passenger!

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