X Der Fund (8 neu)

[mit kleinen Änderungen]

Vale ging langsam die Laderampe auf und ab. Mit seinen dreizehn Jahren vertrug er noch nicht ganz so viel wie die anderen, umso mehr tat ihm die frische Luft wohl. Wenn der Schwindel sich gelegt hatte, wollte er zum Waldweg laufen, wo er idiotischerweise sein Fahrrad gelassen hatte. Eigentlich wäre das kein Problem gewesen, aber in dieser Nacht konnte man nicht wissen. Da wurde alles Mögliche geklaut oder versteckt. Vale fiel seine Drohne ein. Er fand es ziemlich mies von Hell, dass er sie einfach Elle schenkte, obwohl Vale sie gefunden hatte. Er hätte wenigstens fragen können! Abgesehen davon konnte Vale schon ziemlich froh sein, mit den Großen abhängen zu dürfen. Die nahmen ihn richtig ernst. Sie redeten auch nicht blöd, weil er von einem Bauernhof kam. Manchmal nannten sie ihn Kälbchen, das ging in Ordnung. Aber sie hielten sich nicht die Nase zu oder behaupteten, er hätte Heu oder Mist an den Kleidern.

Vale hatte für Elle eine gecrackte Konsole, die hatte er nicht extra hier rausgeschleppt. Er konnte sie ihr genauso gut morgen noch geben. Ein Game hatte er ihr überreicht, und sie voll nichtsahnend die Augen verdreht und gesagt, ich hab doch gar nix, um das zu spielen. Hehehe. Sie würde garantiert ziemlich glücklich sein. Er überlegte, sich hinzusetzen, aber jede größere Veränderung der Lage konnte dazu führen, dass ihm übel wurde. Heute morgen hatte er nach dem Huhn geschaut; es war tot. Zu viele Wunden, schätzte er. Es machte ihn jetzt noch ganz traurig. Morgen würde er es feierlich begraben, tief genug, dass der Fuchs es nicht wieder ausbuddeln konnte. Seine Mutter hatte gleich gesagt, das wird nichts mehr. Aber er war verdammt nah dran gewesen, es –

„Vale! Vale!“

„Hell?“

Achja, der war nach draußen gegangen. Warum senkte er die Stimme so?

„Gut dass du grade draußen bist. Du muss’ mir bei was helfen.“

„Bei was?“

„Siehs’ du dann.“

„Voll geile Lampe. Sieht aus wie’n Migränestab.“

„Funzt auch so.“

„Au, probier sie doch nich auf mir aus, Mann.“

„Leichte Schläge aufs Schädeldach erhöh’n das Denkvermögen. Wir brauchen n Seil oder so was. Irgendwo muss noch das Kabel liegen, mit dem ich vorhin Holz aus dem Wald geschleppt habe.“

„Zwischen den Lagerschuppen hab ich n Drahtseil gesehen. Das Ende kam irgendwo ausm Boden. Ich weiß aba nich, ob’s lang genug ist.“

Es lag gleich unter der Oberfläche. Als sie daran zogen, sahen sie im Lampenschein, wie kleine Erdplatten sich aufwölbten und zur Seite wegbrachen, als öffnete sich der San-Andreas-Graben. Hell knipste rund drei Meter des Seils mit dem Multitool ab. Es war sauharte Arbeit.

„Jetz komm mit.“

„Wohin’n?“

„Schiss?“

„Im Dunkeln? Hab ich noch nie Schiss gehabt.“

Hell fand die Stelle beinah sofort wieder.

„Was’n das? N Teppich?“

„Hab des auch z’erst gedacht. Nee, Mann. Ku’ma genau hin! Jacke, Hose, Schuh.“

„Ok?“

„Was meinste wohl, was drin is?“

„N Freund von dir?“

Vale fürchtete, dass Hell ihm die Bemerkung übel nehmen könnte.

„N Freund? Hahaha. Bis’n gutes Kälbchen. Ja-ha, das ist mein neuster Freund. Ham uns gerad kennen gelernt. Die annern sin’ alle Dödeln. Wie du.“

„Wie heißt er denn?“

„Wie? Keine Ahnung.“

„Ich glaub, er hat zu viel getrunken. Sollte nich hier lie’n bleim. Zu kalt.“

„Ge-nau, ge-nau. Aber der … kann nich lauf’n oder so. Wir müssen ihn wegbring’ von hier. Der liegt noch vom Krieg da, weißte?“

Sie nahmen das Drahtseil und versuchten, es dem Toten um den Oberkörper zu binden. Das war nicht so einfach, der Körper war sperrig und schwer. Als Dennis an der Jacke zog, um ihn auf den Rücken zu drehen, machte es Ratsch. Der Stoff zerriss entlang der Reißverschlussnaht, und Dennis fiel um ein Haar auf den Hintern. Nach einigem Hin und Her hatten sie das Seil zweimal um den Körper gewickelt und zwischen den Schulterblättern einen Knoten geschürzt. Mühevoll schleiften sie den Toten durch die Büsche. Mal zogen sie beide an dem Seil, mal bog Vale kleine Bäumchen weg oder untersuchte die Strecke nach unsichtbaren Hindernissen. Sein Schwindel ließ nach, schon dachte er wieder daran, sich mit einer Flasche Bier für die Schufterei zu belohnen.

Als sie endlich in der Nähe des Schuppens angekommen waren, sage Dennis, er wolle ihn Elle zum Geburtstag schenken. Um einen besseren Effekt zu erzielen, sollte der Tote an einem Baumstamm aufgerichtet werden. Es gelang ihnen aber nicht, ihn auch nur ansatzweise zum Stehen zu bringen. Also lehnten sie seinen Oberkörper gegen den Stamm einer Birke. Dabei glitt ihm die ohnehin schon zerrissene Jacke vom Arm und weil das irgendwie panne wirkte, zogen sie ihm das Kleidungsstück ganz aus. Vale las den verwaschenen Schriftzug auf dem Shirt: Las Vegas. Er dachte an Palmen und Wüstensand, eine von Millionen Lichtern funkelnde Stadt voller Automaten und Spieltische. Verdammt, er wäre gern mal zum Zocken dahin gefahren! Aber er durfte froh sein, wenn er im kommenden Sommer überhaupt mal ohne seine Eltern wegdurfte. Das wünschte er sich zum vierzehnten.

Dennis war einen Schritt zurückgetreten, um das Werk zu betrachten. Etwas fehlte ihm noch für einen tollen Effekt.

„Wir bin’n die Hand an den Ast da. Dann sieht es aus, als ob er winkt.“

Vale hob den Arm des Toten an, Dennis band ihn mit dem Kabel fest. Dabei entdeckte er eine goldene Gliederkette um dessen Hals. Ohne viel rumzumachen, nahm er sie ab. Vorn hingen Buchstaben dran.

Nun kannten sie seinen Namen.

2 Gedanken zu „X Der Fund (8 neu)“

  1. 1
    passenger says:

    das ist sehr eindringlich und bedrückend geschrieben. Wie lange ungefähr ist Frank schon tot? Ich frage mich, warum sie die „physischen Besonderheiten“ der Leiche, um das mal so zu sagen, so wenig wahrzunehmen scheinen, während sie so vehement mit ihr hantieren. Kommt das später, wenn Elle dazukommt?  Fällt es ihnen dann erst auf?

  2. 2
    Thomas says:

    Es folgen noch zwei Abschnitte, heute und ca. übermorgen. Aber ich stelle mir vor, dass die Jugendlichen es eher verdrängen in dem Moment der Handlung. Sie befinden sich auf einer anderen Ebene, da spielen die üblichen Details, Erhaltungszustand der Leiche usw., nicht diese Rolle, sie lösen spontan nicht den Ekel aus, den wir uns vorstellen. Die genaue Beobachtung und damit einhergehend Schilderung soll nach meiner Idee später (oder  vielleicht zu Beginn?) von außen erfolgen – wie in der Pressemeldung: Ein Radfahrer entdeckt nach der Partynacht die Leiche …

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