X Der Fund (9)

Elle wollte zuerst nicht nach draußen kommen. Sie fühlte sich wohl zwischen dem bullernden Ofen und der Boom. Immer noch hatte sie ein Gefühl von Unbegrenztheit, nur hatte es sich auf geheimnisvolle Weise umgekehrt. Sie schwebte nicht mehr unendlich hoch und weit draußen, sie sank durch einen unbestimmten Raum, der ihr keinen Anhaltspunkt gab, wo darin oben und wo unten war. Trotzdem spürte sie eindeutig, dass es hinabging in eine grenzenlose Tiefe, die Ewigkeit. Sie war dunkel, sie war das Nichts, und wenn sie nicht das Nichts war, dann war sie die Verneinung von allem Bestimmten oder Bestimmbaren auf der Welt. Woher kam auf einmal der Hang zum Philosophieren, war es der Wodka oder das Bull? Waren alle Philosophen Säufer gewesen oder Taurin-Addicts? Hatte es Taurin früher überhaupt gegeben? Ach, das spielte überhaupt keine Rolle. Das Leben war kurz, ein bisschen Traum, ein wenig Hoffnung und gute Nacht! Nichts lebte, das ihrer Regungen würdig wäre. Schmerz und Lageweile waren ihr Sein und Kot die Welt – sie durfte sich beruhigen.

Derartige Sprüche kannte sie von ihrem Vater, sonst nicht viel. Für einen kurzen Moment schien es, als würde die neblige Unendlichkeit sich verdichten, als wären die Wände eines Schachtes, durch den sie fiel, zum Greifen nah. Da tauchten Bilder auf von dem Alten mit seinen ewigen schwarzen Klamotten und den Arbeitsstiefeln, die er immer trug, obwohl er gar nicht arbeitete, oder eben mit dem Kopf, wie er es nannte.

Für Momente war in dem Schacht eine Wand erkennbar, die kleine Alice hämmerte von der anderen Seite hindurch. Elle sah die kleinen Fäuste und streckte ihre Hand aus, erreichte sie aber nicht. Madlen lag mit einem viel zu knappen Bikini und viel zu braun am Strand von Malle, sie ließ sich von einem Typen, der völlig unscharf blieb, den kranken Fuß massieren. Da krachte die Wand schon wieder ein oder besser gesagt, sie erwies sich als Täuschung in der Täuschung. Tatsächlich war da nur Raum, Raum, Raum, Leere, Leere, Leere. Ein Licht wie in einem Taucherfilm, jedoch in absolut neutraler Atmosphäre, nichts Nasses, nichts Warmes oder Kaltes, auch keine Dunkelheit.

In einer anderen Dimension schaffte Elle es schließlich, Boden unter ihre Füße zu bekommen. Sie wankte, sie hatte den Eindruck, ihr gesamtes Blut sammele sich in ihrem Unterleib. Im Kopf war jedenfalls kaum etwas davon. Draußen biss sich die Kälte durch ihre Kleider. Die Wolken waren fort, ein äußerst matter Sternenhimmel zeigte sich, an dem der Mond keine Ruhe halten konnte. Ein ADHS-Mond war das, eine silbrige Flipperkugel, die von den Sterne-Bumpern hin und her geschossen wurde. Hell und Vale sah sie erst, als Hell die Taschenlampe anknipste. Auch diese beiden standen nicht still.

„’S gibt neue Gäste“, rief Dennis. „Ehrlich is’ es bloß eina. Tataa!“

Automatisch schwenkte ihr Blick zum Lichtkegel. Wahrhaftig, da saß einer am Baum. Mehr konnte sie kaum erkennen. Wie komisch der seinen Arm hielt. Und irgendwie schien er zu schlafen. Sein Kopf hing so runter.

„Schön hallo sagen“, forderte Hell.

Um ein Haar hätte Elle Hallo gesagt.

Ein zweiter Lichtkegel gesellte sich suchend zu dem ersten. Er traf Dennis im Gesicht und Vale am Bauch, bevor er die alten Tennisschuhe fand, deren seitliche Streifen hell aufleuchteten. In einer Sohle war ein sternförmiges Loch zu erkennen. Auch der Schriftzug Miami oder was davon zu sehen war, leuchtete schwach. Man hätte glauben können, dass da einfach jemand säße, wenn nicht der Körper so völlig ohne Spannung gewesen wäre. Der scheinbar gehobene Arm war zu tief in den Ellenbogen gesackt, der Oberkörper wollte zur Seite weg, der Kopf hing zu weit über.

Junis blieb zunächst auf der Rampe stehen. Er hielt die Lampe über der Schulter, fast auf Augenhöhe. Im Unterschied zu Hells blendete ihr Licht brutal. Junis’ Gesicht fiel tief in Schatten. Elle näherte sich dem Freund, er blieb reglos.

„Ich hab ’n Geschenk für dich, Elle“, rief Dennis. „Du kanns’ mit ihm machen, was du wills.“

Wie zum Beweis riss er den losen Arm des Toten in die Höhe und bog ihn so lange nach hinten, bis ein sehr eigenes Geräusch zu hören war. Der ganze Körper kippte dabei noch weiter zur Seite und Dennis zog an dem Drahtseil, um ihn zurück in eine aufrechtere Position zu bringen.

„Was soll ich mit dem?“, frage Elle.

„’S is ’n Freund von mir“, wiederholte Dennis. „’S is mein Prügelknabe.“

Dennis versuchte den Toten zu umarmen. Dann packte er seine Taschenlampe ganz hinten am Knauf und schlug zu. Es gab fast kein Geräusch.

„Ist das alles?“, fragte Junis. „Hält er nicht ein bisschen mehr aus?“

Dennis vermied es, in den Kegel von Junis’ Lampe zu schauen. Er gab auch keine Antwort. Vielmehr drückte er Vale seinen Sprechstopper in die Hand und verschwand in die Dunkelheit. Vale nahm offenbar an, dass er nun an der Reihe wäre. Er schien den Kopf des Toten zu packen, als ob er ihn in eine bessere Position bringen wollte. Kurz darauf warf er etwas, das, im Lichtschein für einen Sekundenbruchteil aufblitzend, wie ein Haarbüschel aussah, zur Seite und sprang zurück. Er sackte regelrecht in die Knie. Junis und Elle standen immer noch reglos vor dem Schuppentor. Die Musik war ausgegangen.

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