Die ältere Freundin: Betse II

Betse (Elisabeth) ist schon Ende zwanzig. Sie hat häufig auf Elle aufgepasst, als die noch ein kleines Kind war. Bis heute haben die beiden einen guten Kontakt, besonders gern gehen sie zusammen ins Kino oder Betse lädt Elle zum Äthiopier ein – alles in der ohne Auto schwer zu erreichenden großen Stadt.

Betse ist ein heller Typ, vielleicht ein bisschen anämisch, nicht sehr groß, dünn, mit einer aufwärts gebogenen Nase. Sie hat studiert und arbeitet im sozialen Bereich. Sie will, dass die Welt besser wird, und glaubt, dass das mit Vernunft machbar sei.

Ich stelle sie mir sehr geordnet vor – ein Leben ohne große sichtbare Krisen, ohne besondere Höhen oder Tiefen – Schule ok bis gut – ein fester Freund oder Verlobter, evtl. Gläubigkeit – rein visuell mit einer gewissen Kargheit umgeben. Dabei setzt sie kleine Akzente mit Schmuck oder Schminke, auch in der Einrichtung. Nichts wirkt da zufällig.

Für Elle ist Betse eine Gegenfigur zu ihrer leicht chaotischen, lebensüberforderten Mutter, sie ist die bevorzugte Ansprechpartnerin bei Konflikten und Problemen. Allerdings gibt es Grenzen des Vertrauens, Elle spürt, dass sie mit den dunklen, abseitigeren Sachen nicht kommen kann.

Betse ist schwanger, man sieht ihren Bauch allmählich. Sie ist mit den Vorbereitungen auf ihre Hochzeit beschäftigt und macht das alles ganz konservativ:  Kataloge und Webseiten wälzen, Listen machen, Location wählen, Essen aussuchen, Kleid aussuchen etc. Das teilt sie mit Elle, die beiden fahren vielleicht zusammen zu einem Brautmodengeschäft o. ä. Sie ist mit dem Studium, mit dem Referendariat fertig (Wird sie sogar Anwältin? Da könnte Elle versuchen, aus ihr ein paar juristische Sachen rauszukriegen) – und wir erleben sie so, vielleicht auch mit einem kleinen Schock, weil sie plötzlich Angst um ihren Verlobten hat (Ist er untreu? Liebt er heimlich eine andere?), das stellt sich jedoch als harmlos heraus.

Elle ist aus Betses Sicht ein gutes Mädchen, nur in einer schwierigen Lebensphase. Sie fühlt eine grundlegende Sympathie, vielleicht sogar Liebe zu der Jüngeren, die sie fast von Anfang an kennt, und teilt Elles Kritik am Leben der Mutter, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel (Sie kennt schon „das Leben“ und die Zwänge des Erwachsenseins). Nach der Leichenschändung, die sie zunächst nicht glauben will, wird diese Sicht aber (vorübergehend?) erschüttert: Vielleicht ist Elle doch tief gestört?

Von der Clique weiß Betse nicht viel, eigentlich nur aus dem wenigen, was Elle ihr erzählt. Das ist womöglich nur belangloses Zeug. Dass sie zusammen saufen und kiffen, würde Elle Betse nicht erzählen. Sie genießt es hier eher, das „gute Mädchen“ zu sein.

Betses Gläubigkeit bleibt eine Option für die Geschichte. Sie könnte eventuell zum Tragen kommen, indem Betse an bestimmten Stellen ihre etwas andere moralische Einstellung zum Ausdruck bringt. Sie könnte Elle auch einladen, zu dem ein oder anderen christlichen Event zu kommen, aber keinesfalls mit missionarischem Eifer. Fundamental wäre ihre Einstellung zum Tod, das klare Ablehnung einer Verbindung zwischen den Welten von Lebenden und Toten. Interessant scheint mir auch die Frage, ob eine gläubige Betse vielleicht sogar eine „saloppere“ Einstellung zur Leichenschändung haben könnte, insofern sie den entseelten Körper als den unwichtigen Teil des Menschen empfindet und etwa sagt: Ihr habt dem nicht wirklich etwas getan. Es war nicht in Ordnung, einen Toten so zu behandeln, aber seiner Seele konntet ihr nichts anhaben.

> Zur ersten Version von Betse

> Zur dritten Version von Betse

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