Die ältere Freundin: Betse III

Betse (Elisabeth) ist Ende zwanzig. Sie hat häufig auf Elle aufgepasst, als die noch ein kleines Kind war. Bis heute haben die beiden einen guten Kontakt, besonders gern gehen sie zusammen ins Kino oder Betse lädt Elle zum Äthiopier ein – alles in der ohne Auto schwer zu erreichenden großen Stadt.

Betse ist ein heller Typ, vielleicht ein bisschen anämisch, nicht sehr groß, dünn, mit einer aufwärts gebogenen Nase. Sie hat Gerontologie studiert und arbeitet im „Seniorenzentrum Vierweg“ – auch als „die Gruft“ bekannt. Sie will, dass die Welt besser wird, und glaubt, dass das mit Vernunft machbar sei.

Ihr Leben ist ohne große sichtbare Krisen verlaufen, in der Schule und im Studium war sie gut. Sie ist von einer gewissen Kargheit umgeben, besitzt nicht sehr viele, aber die üblichen Dinge (Möbel: Stühle mit Stahlrohrrahmen, Sofa blaues Velours). Dabei setzt sie kleine Akzente, z.B. hat sie genau ein Bild an der Wand hängen. Sie kleidet sich einfach, trägt nur ein Schmuckstück, schminkt sich nicht, außer mit Wimperntusche … Nichts wirkt da zufällig.

Zur Zeit der Haupthandlung ist Betse schwanger, man sieht ihren Bauch allmählich. Sie bereitet ihre Hochzeit vor, wälzt Kataloge und Webseiten, macht Listen, sucht Essen aus, denkt über ein „praktisches“ Kleid nach. Dabei bindet sie Elle ein.

Für Elle ist Betse eine Gegenfigur zu ihrer leicht chaotischen, lebensüberforderten Mutter, sie ist die bevorzugte Ansprechpartnerin bei Konflikten und Problemen. Allerdings gibt es Grenzen des Vertrauens, Elle spürt, dass sie mit den dunklen, abseitigeren Sachen nicht kommen kann.

Elle ist aus Betses Sicht ein gutes Mädchen, nur in einer schwierigen Lebensphase. Sie fühlt eine grundlegende Sympathie, vielleicht sogar Liebe zu der Jüngeren, die sie fast von Anfang an kennt, und teilt Elles Kritik am Leben der Mutter, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel (sie kennt schon „das Leben“ und die Zwänge des Erwachsenseins). Nach der Leichenschändung, die sie zunächst nicht glauben will, wird diese Sicht aber (vorübergehend?) erschüttert: Vielleicht ist Elle doch tief gestört?

Von der Clique weiß Betse nicht viel, eigentlich nur aus dem wenigen, was Elle ihr erzählt. Das ist womöglich nur belangloses Zeug. Dass sie zusammen saufen und kiffen, würde Elle Betse nicht erzählen. Sie genießt es hier eher, das „gute Mädchen“ zu sein.

Betses Gläubigkeit bestimmt ihre Einstellung zum Tod, den Glauben an ein Jenseits, die klare Ablehnung einer Verbindung zwischen den Welten von Lebenden und Toten. Sie könnte sogar eine „saloppere“ Einstellung zur Leichenschändung haben, insofern sie den entseelten Körper als den unwichtigen Teil des Menschen empfindet und etwa sagt: Ihr habt dem nicht wirklich etwas getan. Es war nicht in Ordnung, einen Toten so zu behandeln, aber seiner Seele konntet ihr nichts anhaben.

> Zur ersten Version von  Betse

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3 Gedanken zu „Die ältere Freundin: Betse III“

  1. 1
    passenger says:

    Wenn Betse aufgrund ihrer Gläubigkeit eine „saloppere“ Einstellung zu Leichen hat, ist sie eine echte Individualistin – die Kirchen haben eine solche Einstellung ja gar nicht. Katholiken ist ja z.B. sogar die Einäscherung verboten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schlimm gläubige Leute verschiedener Konfessionen schon eine anonyme Bestattung finden, die ja die Leiche nicht mal entehrt, sondern nur – wie eigentlich vom Glauben her „logisch“ – nicht so wichtig findet. Wobei ich die Idee einer individualistischen Christin eigentlich ganz schön finde.

     

  2. 2
    dickeruebe says:

    Ja, stimmt, interessanter Hinweis!

  3. 3
    Thomas says:

    Hm, kommt das jetzt aus meinem Kopf oder habe ich es irgendwo gelesen? Ich muss mich noch mal auf die Suche machen. Gesellschaftlich hast du sicher recht, passenger, das Verhältnis gläubiger Christen zu Leichnamen ist in der Regel alles andere als „salopp“. Vielleicht geht der Gedanke wieder auf Montaigne zurück, dessen saloppe Haltung zum Kannibalismus ich schon mal referiert habe hier. Es wäre schon interessant, wenn Betse sich an der konkreten Leichenschändung nicht so stören würde, als nicht in diesem „pietätvollen“ Sinn. Das nicht konforme an ihr (gerade als Christin) sollte aber durchgehend deutlich werden.

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