VIII Die Blessur (1)

Nie zuvor hatte in Betses Wohnzimmer eine solche Unordnung geherrscht. Der Schreib- und der Esstisch waren gleichermaßen mit Büchern, Zeitschriften und Fotokopien übersät, aus den Stapeln leuchteten bunte Einmerker hervor, vieles lag aufgeschlagen da. Auf dem Bildschirm ihres Notebooks hafteten beschriebene Zettel, die Tastatur war unter einem großen blassgelb und -blauen Polsterumschlag verschwunden, der etwas Größeres enthalten haben musste, denn er bildete eine schiefmäulig offenstehende Höhle, wirkte dabei jedoch, als würde sich in ihm schwerlich anderes finden lassen als dunkle Luft. Elle räumte einen Katalog für Babykleidung von einem Stuhl und setzte sich an den Esstisch.

Nach und nach bemerkte sie die Ordnung im Chaos. Auf der linken Tischseite schien sich alles zu stapeln, was irgendwie mit Babys zu tun hatte. Rechts, auf der Wandseite, lagen die Brautmodenkataloge, die Hochzeitsplaner und Catering-Angebote. Sogar eine handgeschriebene Mindmap war zu sehen. Im Übrigen war alles so ordentlich wie immer. Die vier Stühle standen gerade und im gleichen Abstand vom Tisch, das Chromrohr blitzte wie vor fünf Minuten geputzt. Auf dem mit blauem Velours überzogenen Sofa war keine Kuhle, nicht mal eine Falte zu sehen und die Kissen standen in regelmäßigen Abständen mit dem üblichen Kniff in der Mitte da. Auf der glänzenden Oberfläche des Sideboards lag kein Staub, die Türen waren wie immer alle geschlossen. Und immer noch hing nur ein einziges Bild an den Wänden, abstrakt, farblich und mit dem ebenfalls verchromten Rahmen exakt auf die Möbel, die zartgrauen Wände, den dunklen Laminatboden abgestimmt.

Hochzeit interessierte Elle viel mehr als der Babykram. Sie blätterte in einer obenauf liegenden Zeitschrift und fing an zu geiern. Was für Typen! Mit ihren super glänzenden Haaren und diesen, wie hieß das, gestutzten Bärten, die Hälse zum Teil in hohe Kragen gequetscht, an denen komplizierte Schleifen oder Knoten prangten. Ein Model trug eine grau-schwarz gestreifte Hose von einem Label namens Stresemann. Die dazu gehörige Jacke reichte weit über den Arsch und fast bis zu den Knien runter. Ein anderes Model hielt einen schwarzen Spazierstock in der Hand, fast konnte man ihn wippen sehen. Dann kam eine Doppelseite, auf der die Bräutigame Zylinder und andere komische Hüte trugen, auch eine Frau mit weißem Zylinder war dabei. Die Zylinder gefielen ihr, ohne Quatsch! Ihr Vater hatte ihr mal so ein Ding gezeigt von irgendeinem Uropa oder so. Den konnte man ganz plattfalten und mit einem Schlag auf den Unterarm ploppte er wieder auf. Ends lustig. Aber mal ehrlich, wo gab es denn solche Männer? Sie hatte jedenfalls noch keine gesehen, weder mit gestreiften Hosen noch mit schwarzen Spazierstöcken, weder in der Landeshauptstadt noch hier. Der hier hatte allerdings voll die geilen Augen, die leuchteten so krass blau, dass sie auf farbige Linsen tippte.

Elle war derart vertieft, dass sie weder das Aufwallen des Wassers noch das Klacken des Kochers hörte. Erst als Betse mit einem kleinen Tablett angewackelt kam, auf dem sich die dampfende Kanne, eine Dose mit Kandiszucker und etwas klapperndes Geschirr befanden, kehrte sie aus der lustigen Hochzeitswelt zurück ins richtige Leben. Sie hatte sich gar nicht die Bräute angeschaut! Mann, aber das konnte sie immer noch tun. Die waren bestimmt mindestens genauso lustig.

Es duftete leicht nach Orange. Die Kombi aus aromatisiertem Schwarztee und Kandiszucker erinnerte sie an Erzählungen von Müttern ihrer Klassenkameraden, Frauen, die ihre Jugend in den Achtzigerjahren verbracht hatten und mit seligem Blick von Teestuben und Friedensmärschen erzählten. Voll komisch! Zucker war eigentlich ein No-go, nur im Tee mochte Elle ihn.

„Nimm doch den Becher“, sagte Betse. Da musst du nicht durch den Henkel greifen.“

Sie nahm den Becher. Sie spürte die Wärme durch den Verband strömen. Sofort begann es in ihrem Finger leise zu pukern – ein fantastischer Schmerz, so leicht, dass er nicht wirklich wehtat, gleichzeitig groß genug, um ihn ernst zu nehmen. Auch das Nähen war seltsam gewesen. Aufgrund der Betäubung hatte es gar nicht geschmerzt. Trotzdem war es unangenehm, ein Restempfinden von Druck im Gewebe, von Gewalt, das Geräusch einer Nadel, das gar nicht zu hören, aber unabweisbar da war. Irgendwie sowas. Sie hatte darüber nachgedacht, als sie sich anschließend voll die volle Stunde im Wartezimmer langweilen durfte.

„Merkst du eigentlich schon was?“, fragte Elle und zeigte mit dem dicken Finger auf Betses Bauch.

„Quark, viel zu früh. Wenn es strampelt, lass ich dich mal fühlen, ok?“ Betse ließ die Hand auf dem Bauch liegen. Sie pustete in den Tee und rührte anschließend noch mit dem Löffel darin. „Jedenfalls darfst du dich nicht entmutigen lassen. Wann ist deine Fahrstunde?“

Elle hatte sie abgesagt. Nach dem Sturz mit dem Roller war ihr die Lust vergangen.

„Weiß nicht. Nächste Woche, glaub ich.“

„Gut. Du musst jetzt dranbleiben. Sonst kriegst du noch Angst vor dem Fahren. Du weißt, wie wichtig der Führerschein in unserer Gegend ist.“

Kleiner Clip in Elles Kopf (das blieb für ewig abgespeichert): Eine leere Straße in einem Industriegebiet. Elle steht an der Rinnsteinkante, den Scooter an ihr zitterndes Bein gelehnt. „Das war’s dann wohl für heute“, sagt die Fahrlehrerin beim Einsammeln der größten Splitter aus der in Trümmer gegangenen Verkleidung. Ends peinlich; dabei ist das Fahren angeblich so leicht – wie Fahrrad, hat Junis behauptet. Dein Oberkörper muss mitgehen, wenn du dich in die Kurve legst“, sagt die Fahrlehrerin und schaut streng, „nicht dagegen“. – Wie Fahrrad, ich weiß, denkt Elle. Doch vor den Augen der Welt soll sie jetzt einen beschädigten Motorroller quer durch Vierweg schieben. Das ist nicht wie Fahrrad. Sie nickt, sie packt den Lenker, ohne groß was zu spüren. Die Fahrlehrerin, die hinten ein bisschen mitschiebt, ruft auf einmal:Oh, mein Gott, da tropft ja Blut auf den Boden!“ Es kommt aus ihrem Handschuh, Elle merkt es erst in diesem Moment. Ihr wird flau. Die Fahrlehrerin kann den Roller halten. Sie parkt ihn auf dem Gehweg und ruft den Krankenwagen. Man kann schließlich nie wissen. Bis die Sanis da sind, darf Elle nicht aufstehen. Die Fahrlehrerin stabilisiert sie in ihrer halb sitzenden Position. „Pass auf, so versaust du dir die Hose.“

Auf dem Schreibtisch klingelte ein Telefon.

3 Gedanken zu „VIII Die Blessur (1)“

  1. 1
    passenger says:

    Ich kann gar nicht recht sagen warum, aber ich denke ab und zu, „Thomas kann seine Figuren irgendwie nicht leiden“. Das finde ich überhaupt nichts Negatives, ich finde es interessant. Ist da was dran?

  2. 2
    Thomas says:

    Das würde mich schon genauer interessieren: Was führt zu deinem Eindruck? Abgesehen davon ist es mit der Sympathie nicht so einfach. Schließlich kann das ja nur eine Metapher sein, die Figuren sind ja keine Menschen oder sonstigen Lebewesen. Es handelt sich um untereinander verbundene Wörter. Es ließe sich daraus die These entwickeln, dass schlecht gelittene Figuren schlecht gelittene Wörter sind. Mag ich meinen Text nicht? Doch ich mag ihn, auch wenn ich mich manchmal sehr gegen ihn wehre. Kann es damit zu tun haben? Oder ist es einfach so, dass ich meinen Figuren Merkmale verweigere, die sie sympathisch wirken lassen? Soll ich Elle einen Hund kaufen? Betse ist immerhin schwanger … Es wäre gut, dieser Frage noch ein bisschen nachzugehen.

  3. 3
    passenger says:

    nee nee, ich meinte nicht, dass du deine Figuren nicht für den Leser sympathisch machst, ich hatte nur den Eindruck, dass du sie selber nicht besonders magst. Besonders bei Elle. Ich kann wirklich nicht richtig sagen warum, ich glaube, es war vor allem im Betse-Kapitel die Art, wie du das „Geiern“ beschreibst und benennst, und früher mal an einer Stelle, die ich gerade nicht finde, wo Elle in etwa sagt, sie sei das coolste Mädchen der Schule oder etwas in  der Art, du weißt sicher, was ich meine. Du hast eine, wie ich finde, sehr interessante „halbe Innensicht“, d.h. du beschreibst halberlei aus der Perspektive einer Figur, aber ohne Identifikation oder Identifikationswunsch, fast mit ein bisschen, wie soll ich sagen, Misstrauen? Das kann vielleicht manchmal etwas grausam rüberkommen für den naiven Leser (mich in dem Fall) –  (der, typisch Leser, natürlich jede Figur für ein „Lebewesen“ hält oder halten will und sie lieben, hassen, bemitleiden, bewundern, jedenfalls irgendwie emotional zuschütten will – das macht der dann aber sowieso & ohne dein Zutun ganz alleine; es gefällt mir, dass du das nicht komplett manipulieren willst, und dieses gewisse misstrauische Beäugen deiner Teenager gefällt mir auch). Und dein „keine Lebewesen“-Satz beantwortet absolut meine Frage.

     

     

     

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