VIII Die Blessur (2)

Betse hatte noch Festnetz! Sie kramte es unter ein paar kopierten Aufsätzen hervor. Beim Blick aufs Display zogen sich kurz ihre Brauen zusammen, sie ging aber ran. Hallo, ja, nö, jetzt nicht bitte – das war beinah schon alles, was sie hören ließ, abgesehen von einem recht weich gehauchten Ciao am Schluss. Elle konnte sich leicht ausrechnen, wer da angerufen hatte.

„Wird der Alex so eine gestreifte Hose anziehen?“

„Was für eine Hose?“

„Wie in dem Heft da.“

Sie zeigte es Betse.

„Einen Stresemann? Ich find’s ja schick. Aber so einen Anzug ziehst du nur einmal im Leben an. Bei Alex muss man außerdem froh sein, wenn er nicht in Jeans und T-Shirt zur Hochzeit kommt.“

„Ein Brautkleid zieht man doch auch nur einmal an.“

„Ich bin gar nicht sicher, ob ich ein spezielles Hochzeitskleid tragen will. Vielleicht nehme ich lieber etwas Praktisches.“

„Du sollst einen Zylinder aufsetzen. Aber einen echten, so einen schwarzen!“

Betse lachte und versuchte Elle durch die Haare zu wuscheln. Die warf den Kopf zur Seite.

„Habt ihr Streit? Du hast so gekuckt beim Telefonieren.“

Sie machte es nach.

„Ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen soll“, seufzte Betse. Dann erzählte sie es.

Neuer Clip in Elles Kopf: Vor dem Schlafzimmer umarmt und küsst Alex Betse. Alex hält dabei die Augen auf, sie sind kalt. Sein Blick fällt auf die Uhr an der Wand. Shit, er muss los zu einem Kunden. Betse ist so in die Umarmung versunken, dass sie um ein Haar hinfällt, als er sie loslässt. „Wir sehen uns morgen“, ruft Alex und eilt aus der Wohnung. Betse ist den Tränen nah. Sie stürzt ins Bad und klatscht sich kaltes Wasser ins Gesicht, um nicht zu heulen. Sie findet sich noch anämischer als sonst, die geröteten Lider stechen in all der Blässe total hervor. Sie hasst ihre aufwärts gebogene Nase. So eine Nase hat sonst niemand auf der Welt! Als sie ins Wohnzimmer kommt, sieht sie Alex’ Phone da liegen. Ohne nachzudenken, eilt sie damit zum Fenster. Aber Alex ist schon weg. Wo sein hässlicher silberner Passat Kombi stand, sieht Betse nur einen hellen Fleck auf dem vom Regen dunkelgrauen Kiesplatz. Da macht es miep-miep, eine Nachricht erscheint auf dem Display. Babette schreibt: „Es war super nett mit dir. Du bist ECHT sweeeeet.“ Kussmund, Kussmund, Herzchen, Herzchen, Herzchen. Smiley. Betse ist geschockt. Sie kennt Babettes Insta-Bilder. Das ist so eine schöne blonde, aber trotzdem braungebrannte, voll weibliche Frau, die ihren Body andauernd mit neuen, aufreizenden Fotostrecken feiert. Alex selbst hat ihr die Bilder gezeigt und dabei gesagt: „Krass, wie die drauf ist. So alles von sich zu zeigen.“ Er hat behauptet, er selbst würde sie nicht kennen, sondern nur der Kumpel von einem Kumpel. Zehn Minuten später schließt er die Tür auf, schnappt sich das Phone, das Betse zurück an dieselbe Stelle gelegt hat, und verschwindet, ohne eingehalten zu haben, mit einem Luftküsschen. Betse hat keine Gelegenheit, ihn zur Rede zu stellen. Sie drischt vor Wut ein Sofakissen grün und blau. Wie kann er ihr das antun, so kurz vor der Hochzeit! Am liebsten würde sie ein Messer nehmen und das Kissen mit hundert Stichen grundlegend zerfetzen!

Ok, ein paar Details hatte Elle erfunden, aber im Wesentlichen fußte der Clip auf dem, was die verletzte Betse ihr erzählte.

„So ein Blödian“, sagte Elle, und niemand weiß, woher sie dieses Wort hatte, „du solltest ihn killen.“

Betse ermahnte sie, sie fand es falsch und gefährlich, so etwas auch nur zu denken.

„Er passt sowieso nicht zu dir“, beharrte Elle.

„Er passt zu mir. Und ich liebe ihn. Statt ihn zu beseitigen, werde ich versuchen, das Problem aus dem Weg zu räumen.“

Trotzdem sah sie verletzt aus, fand Elle. Seltsam. Wie konnte man jemand lieben, der so einen Scheiß machte? War das nicht pervers? Sie selbst hatte sich noch nie verliebt, außer vielleicht ein bisschen in Holger, nachdem er Sophie und sie in den Club mitgenommen und ihnen sogar einen Drink spendiert hatte. Nachdem er Elle total gentlemanlike nach dem Club bis zur Haustür kutschiert hatte, behauptete Madlen, er hätte mit ihr geflirtet. Wahrscheinlich war genau das pervers, nicht verknallt zu sein – schließlich hatten die meisten nichts anderes mehr im Kopf. Außer Junis vielleicht, der tickte anders.

„Du hast noch gar nicht von Madlen erzählt. Geht es ihr besser?“, fragte Betse.

„Sie ist gemein zu mir. Kaum dass du weggefahren warst, ging es schon los. Ich hatte nämlich das Fenster vergessen. Das runde oben, weißt du, wo ich so gern sitze. Ich hab es einen klitzekleinen Spalt weit offen stehen lassen. Das hat sie richtig wütend gemacht. Wegen der Heizkosten!“

„Madlen muss das Geld für euch und das Haus ganz allein verdienen.“

„Was soll das schon kosten, wenn so ein Fenster ein paar Tage offensteht? Vielleicht fünf Euro. So viel hat sie allemal.“

„Sicher geht es für deine Mutter nicht um fünf Euro. Sie möchte einfach, dass du achtgibst.“

„Wenn sie essen geht, gibt sie zehnmal mehr aus.“ Elle zog einen Schmollmund. „Sie datet einen Typen. Angeblich hat sie den in der Reha kennen gelernt. Der ist nicht mal so alt wie du. Glaub ich. Der studiert noch oder so.“

„Bist du eifersüchtig?“

„Spinnst du? Auf meine Mutter doch nicht. Neulich hat sie sich fast die gleichen Sachen gekauft, die ich gerne anziehe.“

„Ist es dir peinlich, wenn deine Mutter sich genauso anzieht wie du?“

„Es ist mein Stil! Warum kann sie sich nicht anziehen wie andere Mütter oder wie –“

Elle unterbrach sich.

„Wie ich?“, frage Betse, kein bisschen beleidigt. „Hast du es ihr gesagt?“

„Was gesagt?“

„Dass es dich stört. Dass sie deine Individualität respektieren soll.“

„Nhn.“

„Es ist wichtig, dass du ihr zeigst, wie sie auf dich wirkt. Du solltest dich ruhig mehr trauen.“ Betse bedachte Elle mit einem liebevollen Blick. „Hey, ich mach dir einen Vorschlag: Dienstagabend gehen Alex und ich zum Fünfziger, um das Hochzeitsmenü zu besprechen. Willst du nicht mitkommen – als unsere Speisentesterin?“

„Vielleicht.“

„Und vorher gehen wir zwei Eis essen – falls ich rechtzeitig aus der Gruft rauskomme. Na, wird schon klappen.“

Offiziell wurde die Gruft Seniorenzentrum Vierweg genannt. Es gab einen Spruch: „Seniorenzentrum Vierweg, hier endet auch Ihr Weg.“ Aber den mochte Betse nicht. Sie glaubte an das Jenseits und den ganzen Kram. Das Eis überzeugte Elle. Den ganzen Winter hatte sie noch keins gegessen.

„Dienstag geht. Wann wollen wir uns denn treffen?“

„So gegen fünf. Ich schicke dir eine Nachricht. Hey, ich freu mich, dass du wieder mehr aus deinem Dschungel rauskommst.“

Elle spürte einen heißen Flash. Das Wichtigste hatte sie vergessen: Ihre Mutter wollte, dass sie ihre ganzen Zimmerpflanzen rauswarf. Das Zimmer streichen, mehr Licht und Luft haben. Voll gemein! Aber damit wollte sie Betse nicht auch noch auf die Nerven gehen. Heute jedenfalls nicht. Und schon gar nicht mehr, als sie fragte: „Was wünschst du dir eigentlich zum Geburtstag?“

Sollte sie Betse zu ihrer Party einladen, auf das gesperrte Bahngelände?

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