V Die Nudel (1)

Die Down Spirit GTX-Handschuhe, die Junis zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, waren echt warm. Dafür sorgte der clever aufeinander abgestimmte Materialmix aus einer wasser- und winddichten Gore-Tex-Membran, einem feuchtigkeitsleitenden, weichen Innenfutter und einer sehr warmen Daunenfüllung. Er hatte sie anfangs nicht getragen, weil beim Ausprobieren die langen, doppelten Manschetten gegen die Säume seiner Jackenärmel gestoßen waren und er das Gefühl bekommen hatte, jemand wolle ihm andauernd die Handschuhe ausziehen. Erst an einem super miesen Schneetag Anfang Februar hatte er die Dinger mit in die Schule genommen, und da hatte Dennis ihm erklärt, wie geil und schweineteuer die waren. Jedem anderen hätte er sie sofort geklaut. Anschließend hatte Junis sie gegoogelt, wow, ja, das waren noch lange nicht die teuersten Handschuhe, aber schon ziemlich abgefahren, Freerider-Outfit.

Heute brauchte er sie. Dieser Winter hörte einfach nicht auf. Nach den drei Tagen Tauwetter, die gerade ausgereicht hatten, um den Boden in eine Matschrutschbahn zu verwandeln, herrschte nun schon wieder ein scheiß Frost. Nicht dass Junis über die Wiese gegangen wäre oder so. Aber der Parkplatz des Einkaufszentrums war voll mit gefrorenen, sogar festgefrorenen kleinen Klümpchen Dreck. Schon die Fahrt mit dem Roller hierher war kein Spaß gewesen. Junis wusste einfach nicht, warum er sich den Arsch abfrieren sollte, und hatte den Roller über den Winter eigentlich stehen lassen wollen. Das Problem war: hier kam man anders kaum hin. Zum Laufen war es zu weit und der Bus, shit, wer fuhr denn mit dem Bus, bitte!

Das Einkaufszentrum vereinigte eine Reihe von Fachgeschäften, die meisten davon Filialen der international verbreiteten Ketten. Der Lebensmitteldiscount- und der Drogeriemarkt hatten nebenan in Extragebäuden eröffnet. Die standen auf leicht erhöhtem Niveau, die Parkplätze waren durch einen schmalen Streifen dicker weißer Kieselsteine vor einer ansteigenden Reihe von Winkelsteinen getrennt. Alle paar Meter ragte ein viereckiger, dunkelgrün lackierter Pfahl auf. Der Zaun dazwischen war aber nie drangebaut worden. Die Leute, die nicht zu schlapp waren und die keine Einkaufswagen schoben, konnten leicht die Stufe zwischen beiden Parkplätzen überwinden.

Junis ging zu dem Sportgeschäft an der äußeren rechten Ecke des Komplexes. Er hätte auch fahren können, aber er war zu faul seinen Roller noch mal zu starten und aufzusitzen, nachdem er sich bei Lotto ein Päckchen Tabak besorgt hatte. Die Alte, die den Laden betrieb, war da easy. Sie kannte Junis. Wenn sich noch andere Kundschaft im Laden befand, ignorierte sie ihn allerdings. Beim Verkaufen von Tabak an einen Jungen unter achtzehn erwischt zu werden, hätte sie tausend Euro kosten können. Manchmal malte er sich aus, sie in die Pfanne zu hauen und sich einen abzugeiern, wenn so ein Typ von der Stadt, der zum Schein in einem Playboy blätterte, zur Verkaufstheke vorpreschte und ihr mords Ärger machte. Warum ausgerechnet der Playboy wusste Junis nicht. Vielleicht konnte er sich nicht vorstellen, dass andere Typen als Angestellte von der Stadt so ein Magazin ansahen. Sein Vater vielleicht noch. In echt hätte er die Frau natürlich niemals verpetzt. Schließlich war er froh, so leicht an seinen Tabak zu kommen.

Nah beim Eingang zu dem Sportladen gab es einen Port, in dem anfänglich drei Reihen Einkaufswagen gestanden hatten. Aus unbekannten Gründen hatte man ihn aufgegeben, wahrscheinlich weil man die Wagen eher in der Mitte, vor dem zentralen Eingang brauchte. In dem nach zwei Seiten offenen Häuschen hatten sich ein paar Penner eingerichtet, es sah beinah aus wie eine kleine Kneipe. Ob es wirklich Obdachlose waren, wusste Junis nicht. Drinnen lagen jedenfalls keine Matratzen oder Pappen. Vielmehr standen da drei kaputte Plastikstehtische, bei einem von ihnen lag die Platte bedenklich schief. Durch den Schlitz zwischen der Seitenwand des Ports aus gelbem, halb durchsichtigen Kunststoff und dem Asphaltboden schoben sich die leergesoffenen Kleinen Feiglinge und Wodkafläschchen nach draußen.

Er hatte keine Bedenken, das alles ausgiebig zu begaffen. Die Typen, es waren hauptsächlich Typen, ließen es sich gefallen, sie kuckten nicht zurück und wenn sie es taten, nahmen sie ihren Betrachter nicht wahr. Wie Tarnkappe fühlte sich das an. Junis dachte daran, dass sein Vater für das Wohnheim gespendet und gesagt hatte, dass Menschen bei Temperaturen unter null Grad nicht draußen schlafen sollten. Es seien schon zwei Leute erfroren. Das war vor Weihnachten gewesen, also schon vier Monate her, und seitdem waren die Temperaturen kaum mal über null Grad gestiegen. Jedenfalls lag immer noch Schnee. Aber die Typen, die sich den ganzen Tag auf der Straße rumtrieben und vor den Supermärkten und an den Kiosken abhingen, waren nicht weniger geworden, sondern mehr, schien es ihm.

Im Sportladen suchte er nach Sachen, die man brauchte, um schwimmen zu lernen. Er hatte keine Ahnung. Das Mädchen mit dem viereckigen Namensschild auf der engen Bluse kannte er von der Schule, sie war zwei oder drei Klassen über ihm gewesen. Jetzt hieß sie Frau Maric und kam ihm recht erwachsen vor. Vielleicht lag es an der schwarzweiß gestreiften Bluse. Wer trug schon Blusen, bitte. Junis würde keinesfalls Sie zu ihr sagen. Es war ihm peinlich zu fragen.

„Haben Sie was zum Schwimmerlernen?“

Er starrte dabei auf ihr Namensschild. Sie legte eine Hand vor die Brust. Er wurde rot. Das alles passierte in einer Sekunde.

„Meinst du Schwimmflügel?“

„Ja. – Keine Ahnung, eher nicht, glaub ich. Das ist doch was für Kleine?“

„Für wen soll es denn sein, für dich selbst?“

Er hasste sie. Sie redete in so einem Verkäuferinnen-Tonfall mit ihm, dadurch kam er sich noch mehr verarscht vor.

„Ich meine, gibt es da nicht so Bretter und so?“

„Es gibt alles mögliche. Schwimmbretter, -gürtel, -reifen. Ich glaube, was du suchst, ist eine Nudel.“

Sie hatte überlange weiße Nägel mit irgendwie Schneeflocken drauf. Oder Sternen halt, silberner Glitzerkram. Bestimmt hatte sie auch einen Brilli im Zahn. Oder ein Lippenband-Piercing? Nein, zu cool.

„Es ist für meine Schwester“, sagte er und betete, dass sie nicht wusste, dass er keine hatte.

„Wie alt ist die?“

„Fünfzehn“, sagte er schnell. Zu schnell. „Wir sind dicht zusammen.“

„Na, wenn sie jetzt noch nicht schwimmen kann, vielleicht will sie dann gar nicht?“

Frau Maric verzog keine Miene. Sie schaute ihn nicht mal an. Sie schien in irgendetwas zu lesen, das auf der Verkaufstheke lag. Junis sparte sich die Antwort.

„Ich würde es an deiner Stelle mal im Spielwarenladen probieren. Die haben Schwimmnudeln, wir führen so was nicht.“

In der Ladentür wurde er mit warmer Luft angeblasen. Das machte ihm noch klarer, wie scheiß kalt es draußen war. Zum Glück hatte er seinen Helm nicht liegen lassen.

[…]

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