V Die Nudel (2)

Ein Turm aus Kartons mit ferngesteuerten Fahr- und Flugzeugen brachte Junis im Spielzeugladen schon nah beim Eingang zum Stehen. Er fuhr Modellautos, seit er sechs war, und hatte vor zwei Jahren mit dem Heli-Fliegen begonnen, es aber nicht weit damit gebracht, weil er irgendwie zu faul zum Üben war. Jetzt juckte es ihn in den Fingern, aber eine Fernbedienung war nirgends zu sehen. Dafür pirschte sich eine Verkäuferin an, ends alt, mit Hautfalten unterm Kinn und stumpfen, schulterlangen Haaren, die wie schlecht gefärbt wirkten. Junis war auch hier der einzige Kunde, die Leute schienen alles, besonders Sport- und Spielsachen, nur noch beim Discounter einzukaufen. Freute sich diese Alte deshalb so? Sie war kurz davor, ihm die Hand zu schütteln.

„Tolle, äh, Modelle“, sagte er auf die Frage, ob sie ihm helfen könne.

„Ja, die sind wirklich schön. Wir haben sie im Angebot.“

Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass es jedenfalls den Turnator online um einiges billiger gab. Aber warum eine Diskussion anfangen, sie würde es sowieso abstreiten. Er nahm den Heli vom Stapel und flog ihn mit hochgereckter Hand zwischen ihren Köpfen rum. Sie hatte auch so ein Namensschild – auf einem grauen Pullover mit V-Ausschnitt. Ihre Augen bekamen einen leichten Glanz, sie wirkte, als wollte sie auch gleich die Hände bewegen.

„Der ist ja überaus leicht. Darf ich ihn probefliegen?“

„Ich –, auf keinen Fall!“

Er flog ihn weiter mit der Hand. Das wirkte immer echter, je länger sie beide hinschauten. Beinah hätte man das Rotorgeräusch hören können.

„Wie viele Steuerachsen hat er?“

„Das steht bestimmt auf der Packung.“

„Können Sie es mal nachsehen?“

„Da muss ich erst meine Brille holen. Kannst du es nicht selbst schnell nachschauen?“ Sie ging auf die Zehenspitzen, um den Karton von dem hohen Stapel zu fischen.

„Danke, ist schon gut. Ich wette, er hat mindestens eine 4-Kanal-Steuerung. Sind Sie schon mal mit einem richtigen Heli geflogen?“

„Leider nie.“

„Ich durfte mal im Klinik-Heli mitfliegen. Das war sehr schön. Senkrecht in die Luft zu steigen, und dann, wusch, geht es vorwärts. Von Vierweg in die große Stadt. Ich habe alles von oben gesehen, die Schule, den Wald, auch das Einkaufszentrum. Ich glaube, ich habe sogar Sie gesehen, wie Sie über den Parkplatz gelaufen kamen.“

Sie schien belustigt. Wenn Junis noch ein bisschen kleiner gewesen wäre, hätte sie ihm bestimmt die Haare gewuschelt.

„Wissen Sie, ob er mit FPV ausgestattet ist?“

„Du kennst dich ja offenbar bestens aus. Was ist denn VPV?“

„First Person View. Im Cockpit sitzt eine kleine Kamera und überträgt das Bild an den Controller. Man fliegt den Heli aus der Perspektive des Piloten. Das würde ich gern mal machen.“

„Ich auch“, seufzte sie.

„Kann ich den Controller mal sehen?“

„Nein. Ich weiß nicht mal, wo er ist. Im Karton jedenfalls nicht.“

„Schade. Naja.“

Junis stellte den Heli wieder oben auf den Turm. Er kam besser hin als sie, weil er ein bisschen größer war. Dabei schielte er in ihren Ausschnitt. Was für ein schrumpeliges Dekolletee. Voll fies. Sie reagierte unbewusst auf seinen Seitenblick. Jedenfalls zupfte sie oben an den Schultern rum, sodass das V ein wenig höher rutschte. Junis tat, als wollte er sich von dem Stapel abwenden, zog jedoch im letzten Moment eine Turnator-Schachtel raus. Er war sehr vorsichtig.

„Wow“, sagte er. „Sind das nicht die Autos, die umfallen und dann einfach auf der anderen Seite weiterfahren?“

„Ja, die sind lustig. Der Vertreter hat uns einen vorgeführt.“

„Darf ich den mal ausprobieren? Bitte, Frau Munter!“ Das stand auf ihrem Schild: Janine Munter.

„Nein. Das ist nicht erlaubt.“ Er konnte ihr ansehen, dass sie nicht besonders entschlossen war.

„Oder fahren Sie ihn mal? Ich habe noch nie einen Turnator fahren sehen.“ Er sprach es deutsch aus. „Wenn er doch eh schon ausgepackt ist.“

„Er ist nicht ausgepackt.“

„Aber Sie haben doch gesagt, dass Sie eine Vorführung hatten.“

„Na, gut. Komm mal mit. Es ist ja sonst keiner da.“

Sie ging erstaunlich schnell in den hinteren Teil des Geschäfts. Bei der Ladentheke wies sie ihn an, zu warten, und verschwand hinter einem Vorhang. Junis schaute sich im Laden um. Als Frau Munter zurückkam, stellte sie ein quietschrotes Fahrzeug auf die Theke. Die Räder dominierten, die Karosserie hing dazwischen um eine zentrale Achse wie ein Dekor. Es gab zwei Fahrerkabinen, eine rot, eine silbern. Wenn man es sich überlegte, hätte in echt immer ein Fahrer kopfunter in dem Teil hängen müssen, wenn es nicht gerade flippte.

„Cool, oder?“ Junis nickte.

„Tolles Design.“

„Darf ich mal ausprobieren, wie er flippt?“ Frau Munter erklärte ihm noch mal, dass sie keine Kunden damit spielen lassen dürfe.

„Aber Sie dürfen ihn doch fahren. Biittee!“

Mit einem weiteren Blick zur Tür, als wäre sie dabei, ein mittleres Verbrechen zu begehen, willigte sie endlich ein. Junis durfte den Wagen anschalten, Frau Munter übernahm die Steuerung. Sie hielt sie in der Hand, ohne den Halsriemen zu benutzen. Als sie die Joysticks nach vorn schob, schoss der Wagen über die Theke und flog ein Stück weit durch die Luft, bevor er, anders ging es gar nicht, wieder auf den Rädern landete. Sie kicherte halb lustvoll, halb verlegen. Junis beeilte sich, den Turnator aufzuheben. Dabei untersuchte er ihn von allen Seiten.

„So einen Sprung hält er locker aus.“

„Ich wollte gar nicht, dass er von der Theke hüpft.“

„Sie dürfen die Joysticks nur ganz leicht antippen.“ Er zeigte es mit den Daumen. Frau Munter probierte es noch mal, diesmal stoppte der Wagen vor der Kante ab. „Geschafft!“

„Sie können es! Darf ich mal sehen, wie er flippt?“

„Hä?“

„Naja, wie es aussieht, wenn er sich überschlägt. Wenn man die Räder gegeneinander laufen lässt, also das rechte Paar nach vorn und das linke nach hinten, kann man ihn doch aufs Kreuz legen. Nur dass er dann eben wieder richtig steht.“

„Ich weiß, was du meinst, aber ich weiß nicht mehr, wie man es hinkriegt.“

„Sie müssen die Sticks entgegengesetzt bewegen, einen nach vor und einen nach hinten. Bis zum Anschlag.“

Zum Glück merkte Frau Munter nicht, dass Junis sich zu gut auskannte, um zu behaupten, er hätte noch nie einen Turnator gesteuert. Vielmehr schaute sie listig, nach dem Motto: Ich hab gemerkt, dass du mich aus Glatteis führen willst. Bis zum Anschlag, haha.

„Ooo-kay!“

Sie betätigte die Hebel nur langsam. Der Turnator drehte sich anderthalb mal, bevor sie durchzog. Diesmal schoss er nach vorn von der Theke und prallte in ein Regal mit sorgfältig arrangierten Schleich-Tieren. Die Tiger, Löwen, Elefanten, Zebras wirbelten in alle Richtungen durch die Luft. Ein Strauß musste bitter erkennen, dass er wahrhaftig nicht fliegen konnte.

„Hoppala!“

„Auweia“, sagt Junis unschuldig. Er grinste nicht ein bisschen. Frau Munter eilte um die Theke und fing an die Schleich-Tiere einzusammeln. Junis sah ihr eine Weile zu. Unter dem Pullover zeichnete sich ihr Rückgrat ab, eine dünne gebogene Welle wie bei einem Dino. Schließlich nahm er den Turnator und setzte ihn behutsam zurück auf die Theke. Er schaltete ihn sogar ab. Er latschte ein paar Schritte, um ein Känguru einzusammeln, das besonders weit gesprungen war – vielleicht um der falschen Gesellschaft zu entkommen. Voll geil, wie die alle durch die Luft geflogen waren. Fast wie in einem Game.

Der Unfall hatte die gute Stimmung gekillt. Junis spürte deutlich, dass Frau Munter wünschte, er wäre nicht mehr im Laden, wahrscheinlich sogar, er wäre nie reingekommen. Er entsann sich, warum er den Laden betreten hatte.

„Achja, eigentlich bin ich wegen einer Schwimmhilfe hier. Meine Schwester soll es endlich lernen.“

„Da drüben!“, sagte die Verkäuferin beinah mürrisch. Den Turnator hielt sie vor die Brust gedrückt. Sie würde ihn wieder nach hinten bringen und in eine Ecke stellen und jedes Mal, wenn sie daran vorbeikam, würde ein mieses Gefühl hochkommen.

„Ich habe leider keine Ahnung, was da in Frage kommt und wie man so was benutzt“, sagte Junis. „Könnten Sie es mir vielleicht zeigen?“

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