Ein aufgegebenes Kapitel: Die Scheidelinie

Am Weiher ist Elle was Komisches passiert.

Sie ist wieder hingegangen, weil sie als Schülerin so oft da war. Auch dieser Ort hat sich verändert. Zwischen hier und der Schule stehen keine Bäume mehr oder besser gesagt: nicht mehr ihre Bäume. Ein paar junge, zahme, erst vor ein paar Jahren gepflanzte stehen da nett arrangiert mit Ziersträuchern. Das Ufer ist auf dieser Seite abgeflacht und gekiest worden, als sollte es eine Badestelle werden. Man hat versucht, es nett zu machen, etwas bloß Übriggebliebenes in einen Ort zu verwandeln, einen kleinen Park oder etwas in der Art.

Im hinteren Teil des Teiches wuchs Schilf. Es war also ein Märchen, dass es dort so weit hinunterginge. Nicht verändert hat sich das Wasser, es ist immer noch voller Schwebstoffe, anders gesagt: braun. Da hilft auch die Pumpe nicht, die unweit von Elles Standort eine mini kleine Säule aufstehen lässt. Nah beim Ufer steht eine Bank, gestiftet von, aua, der Volksbank. So ist das immer noch in der Provinz. Davor liegen ins Gras getretene Kippen, dahinter im Gebüsch verbeulte Bier- und Energiegetränke-Dosen. Auch wenn sie zwei Mark Pfand bringen, hier hebt sie niemand auf. Die heutigen Schüler fassen nichts mehr an, was einmal auf dem Boden lag.

Wie Elle so dastand und aufs Wasser schaute und an ihre Clique dachte, den alten Mist (das alles war weit weg), hat sie auf einmal einen Stoß in den Rücken gekriegt. Sie ist nach vorn getaumelt, auf den Teich zu. Keine Gefahr, dass sie reingefallen wäre oder so. Als sie sich umdreht, ist da keiner. Kein Halm bewegt sich, kein Vogel hat zu singen aufgehört – es sind eh keine da. Das ist noch nicht das Komische. Elle erschreckt gar nicht, irgendwie fühlt es sich normal an, richtig, zu erwarten. Das ist seltsam. Als hätte sie gewusst, dass es passiert, als wüsste sie, warum und wer. Als rechnete sie mit was Schlimmen.

Sie hat den Stoß noch eine ganze Weile lang gespürt, wie eine Faust, die zwischen den Schulterblättern liegt. Da war sie war bereits auf dem Rückweg in die Stadt. Die alte Krankheit hat sich mittlerweile durch ganz Vierweg gefressen. Das Aufhübschen mit bunten Wimpeln über der Straße, frisch bepflanzten Blumenkübeln und glattrasierten Grünflächen hilft nicht. Die hohen Zäune vor den Häusern sind verwittert oder verrostet, die Häuser selbst wirken unfrisch und beinah wie leer. Der riesen Parkplatz vor der Mess-Ste-Te zeigt lange Risse, aus dem Asphalt wächst Gras, und kleine, halb verhungerte Bäume schlagen mühsam Wurzeln. Schon ist sie auch an der Fabrik vorbei, über das Gleis, das immer noch auf Wiederanschluss wartet. Es ist ihr klar gewesen, dass Vierweg kleiner wirken würde, aber gleich so klein?

Auf dem Marktplatz steht bald jeder zweite Laden leer, manche Schaufenster sind mit Spanplatten vernagelt, die schwarz und brüchig ihrerseits mit Brettern verstärkt werden mussten. Andere sind mit Folie verklebt. Die Metzgerei ist einsehbar, da hängt noch eine Schiene voll alugrauer Haken an der Wand, da hängt ein Zettel, dass ein Nachmieter gesucht wird, die Druckertinte ist verblichen. Mega daneben – jede Hoffnung ist vergebens.

Die Stadt kommt Elle kaum näher als ein Foto. Einmal ist sie angestarrt worden, vielleicht hat jemand sie erkannt, sie selbst kennt auf der Straße niemanden. Der alte Supermarkt an der Ecke, wo früher auch die Post war, den gibt es noch. Kein Kettenmarkt, das Ding heißt einfach Uwe’s. Uwe steht draußen, er trägt einen Kittel, nicht zugeknöpft, die Schöße weht der Wind zurück. Uwe ist grau geworden, ein bisschen krumm, er hat nicht mal eine andere Brille. Scharf schaut er auf die Trennlinie, die sich vor dem Laden schräg über das Pflaster zum Getränkelager zieht. Die Penner auf der anderen Seite nehmen die Grenze ernst. Wer sie übertritt, muss 60 neue Mark bezahlen oder Arbeitsstunden leisten. Und Uwe achtet drauf. Die Polizei achtet drauf, alle achten drauf. Frank könnte bei der Gruppe sein, und wenn nicht er, dann Frank II. oder III. Der ungekrönte Niedrigste aus einer Obdachlosendynastie.

3 Gedanken zu „Ein aufgegebenes Kapitel: Die Scheidelinie“

  1. 1
    dickeruebe says:

    Auf den ersten Blick sehe ich keine riesige Schwäche in dem Abshcnitt. warum soll er denn gestrichen werden?

    • 1.1
      passenger says:

      Ich mag die Idee mit dem Nettmachen irgendwie mehr als die Geisterstadt-Idee. Die „alte Krankheit“  aufgehübscht ist viel gruseliger als Auf-dem-Tanzboden-wächst-das-Gras.

      Nochwas – ich finde die Elle in der Rahmenhandlung von der „Stimme“ her evt. ein bisschen zu jung.

      • Hanni Fallada says:

        Ich fände es gut, wenn die Geschichte nicht nur einseitig in dunkler oder gruseliger Stimmung verlaufen  würde. Vielleicht wäre es spannend,streckenweise auch das abstruse, komische der Geschichte darzustellen. Die Jugendlichen haben ihre Tat nicht geplant, es hat sich so ergeben, es hätte auch anders ausgehen können. Und ich glaube den Tätern ging es auch um heldenhafte Selbstdarstellung, voreinander prahlen, was immer eine verborgene  Komik in sich birgt.

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