[hier ist er, der Anfang der Geschichte:] I Die Stimme

Die Wedekind-Schule sieht inzwischen wieder aus, als würde sie zusammenkrachen. Wie lange ist es her, dass sie saniert wurde? Acht oder neun Jahre vielleicht. Da wurden die Risse im Beton gespachtelt, die Dehnungsfugen neu verfüllt. Die alte Masse war brüchig und voller Asbest. Ein Schuljahr in Containern. Den nackten Beton wollte niemand mehr ansehen, es kam Farbe drauf. Die hässlichste Farbe der Welt, so ein irrsinnig, wahnsinnig, unglaublich hässliches grünliches Gelb, wie aus einem schlechten Trip. Irgendwie passend. Die Mauern sind jetzt wieder veralgt, die Stützwand an der Abfahrt zum Müllkeller spielt ins Dunkelgrüne. So macht es Sinn, nachträglich: die Farbe kann nur gestrichen worden sein, um genau diesen Effekt vorzubereiten. Die Algen, ihre Samen oder wie immer sie sich vermehren, müssen schon in der Farbe drin gewesen sein. Daher kam dieses Grün, das sie nach hundert Jahren Mischen noch nicht hingekriegt hätte. Die Fenster wurden damals auch ausgetauscht, der bunte Kunststoff (dunkelgrün!) hat dem UV-Licht nicht standgehalten, er sieht brüchig und verschossen aus. Die alten Rahmen waren aus schwarzem Aluminium, die Scheiben beschichtet mit irgendetwas, das die Sonne filtern sollte. Eine Art Folie, die sich im Inneren der doppelten Verglasung ablöste. Das gab blinde Stellen, aber die blitzten, wenn morgens das Licht drauf fiel, golden braun. Wenn, das Licht, drauf fiel.

Die Treppe hat sich nicht verändert. Acht ewig breite Betonstufen, ein Stück der vorletzten liegt schief. Links ist es abgesackt, rechts steht es hoch. Zweitausendmal ist Elle die rauf- und runtergelaufen, immer musste sie aufpassen, um nicht zu stolpern. Ging das eigentlich allen so? Sie spürt es noch in ihrem Fuß, so ein Ziehen, wenn sie mit der Schuhspitze hängen geblieben war und der Spann sich dehnte, sie spürt es im Oberkörper, wie er nach vorn kippt, dem Boden entgegen, wie sie tippelt, um sich zu fangen, und sie hört es in ihrem inneren Ohr, wie ein paar Kinder lachen, immer haben welche gelacht. Heute sind keine da, die Stühle sind hochgestellt, Osterferien. Das ist seltsam, zu einer Schule gehören Leute, wenn sie leer ist, fühlt es sich an, als wäre sie aufgegeben, ganz und gar und für immer verlassen. Immer ist sie mit Hunderten anderen da rein- und rausgegangen, das ist allerdings nicht weniger seltsam, diese Armee von Lernsoldaten, dieser Haufen Kinderzombies, die willenlos und mit zunehmend leeren Blicken in das Gebäude strömen, als gäbe es dort was zu beißen. In wenigen Jahren wird auch ihre Tochter in so einem Kasten verschwinden, in dem kein Hunger zu stillen ist.

Es scheint, als würde jemand ihren Namen rufen, ein Hauch von einem Wort liegt in der Luft, ihr stellen sich die Nackenhärchen auf. Eeeeelle!, gerufen wie ein langgezogenes L. Sie erschauert. Ein Ruf wie aus dem Grab, wie aus dem Jenseits, aus der Hölle, aus – – –  Eeeeelle! Sie schafft es, sich nicht umzudrehen. Aber das ist nicht gut, es heißt, dass sie ihn ernst nimmt, diesen Laut, der nicht mal eindeutig vorhanden ist, der nicht in ihrem Kopf zu sein scheint und genauso wenig draußen. Sie nimmt den Eingang in den Blick. Die Chance, dass er offen steht, ist minimal. Sie ist gleich Null.

Eeeeelle! Jetzt klingt es näher und doch wie aus der Ewigkeit.

Die Türen hatten vor dem Umbau riesig dicke Umrandungen, knallorange und mit abgerundeten Ecken. Innen und außenrum Glas. Dadurch wirkten sie ein bisschen wie stehen gebliebene Portale in einer Ruinenstadt. Wie grell geschminkte Münder manchmal, in denen die Schüler in einem langen Strom verschwanden oder die sie wieder ausspuckten. Sie weiß, wie es sich anfühlt, rauszugehen, wenn alle anderen auf dem Weg nach drinnen sind. Auf dem Absatz oben vor den Stufen zu stehen und über tausend Köpfe hinweg zu schauen, sicher zu sein, dass man nicht einen Tag länger leben kann. Sie kennt die Scham gleich doppelt. Dreifach. Wären es hundert Stufen, sie hätte sich hinabgestürzt, vorbei an zweitausend Armen in eintausend Jacken, sie wäre durchgeflutscht, selbst wenn sich tausend Hände nach ihr ausgestreckt hätten, um sie zu tragen. Sie stand da oben einen Moment lang still, es kam ihr vor, als hätte sich ihr Leben, mit allen Menschen, die sie kannte, vor ihr ausgebreitet. Alles war klar, es existierten keine Fragen mehr. Nur noch ein Satz, die Summe, das Lebensfazit eines sechzehnjährigen Mädchens:  Unsere Welt, ist schlecht. Unsere, Welt, ist schlecht.

Von dem Moment an wusste sie: Es ging nicht mehr zurück.

4 Gedanken zu „[hier ist er, der Anfang der Geschichte:] I Die Stimme“

  1. 1
    Johannes says:

    Es geht los – super!

  2. 2
    Anselm says:

    Yes, endlich!!! Hammeerbeginn schon mal! Erstaunlich, wie gespenstisch das wirkt, obwohl ja eigentlich etwas ganz Unauffälliges geschildert wird, noch dazu behutsam, langsam – die Rückkehr an einen früher mal bedeutsamen Ort, der einfach immer noch da ist, obwohl die Zeit offenbar schon eine ganz andere ist. Das Unheimliche als die Wiederkehr des einst Vertrauten – war das nicht Freud? 😉

    Wieviel zeit ist denn vergangen? Ist Elle schon erwachsen? das finde ich wichtig, weil ihre innere Stimme eigentlich nicht mehr kindlich wirkt. Das ist ja überhaupt interessant an dem Anfang hier, dass er ‚Stimmen‘ heißt – denn es wird schließlich auch eine Erzählstimme etabliert. Mir kommt sie sehr gelungen vor: einerseits nicht zu komplex, womit auch das Jugendgenre gut bedient wird; andererseits aber durchaus nachdenklich, nicht naiv oder so. So ein Satz wie: „In wenigen Jahren wird auch ihre Tochter in so einem Kasten verschwinden, in dem kein Hunger zu stillen ist“ – das ist schon keine Jugendstimme mehr, sondern eines Erwachsenen, der zurückblickt oder sich nochmal einfühlt.

    Nur ein Einwand: Das Dunkle kommt sehr überzeugend schleichend daher, über subtile Bilder und Signale: das morbide Gebäude, die Zombieanspielungen, die Stimmen, die sie hört, die angedeuteten Suizidgedanken etc. Da finde ich, dass es am Ende fast etwas zu dicke wird, zu gedanklich explizit. Der Satz „Unsere Welt, ist schlecht. Unsere, Welt, ist schlecht“ ist doch ein toller Abschluss, den folgenden Cliffhanger könnte man eigentlich weglassen.

    Wann kann man eigentlich mitschreiben? oder hab ich was übersehen?

     

  3. 3
    philo says:

    schließe mich Anselm an – der letzte Satz könnte weg, aber sonst ein sehr überzeugender Anfang
    Kurz kam mir das elleeeee ein bisschen aufgesetzt vor, wurde aber dann überzeugt, das passt sehr gut.

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