VII Die Überraschung (1)

Noch eine Nacht und einen halben Tag, länger wird Elle nicht in Vierweg bleiben. Sie hat so weit alles geregelt, ist beim Makler gewesen, bei der Bank, bei dem Händler, der den Haushalt auflösen wird. Sie hat mit dem Bestatter und mit dem Pfarrer gesprochen, gemeinsam haben sie gestern Madlen unter die Erde gebracht. Ein paar Kollegen ihrer Mutter waren dabei und wenige Freunde. Elles Vater hatte keinen Nerv für diese traurige Veranstaltung, ihre Halbschwester Alice war da und bedankte sich, dass Elle „das alles übernommen“ habe. Sie sind sich fremd geworden; immerhin reichte die Nähe noch, um sich in die Arme zu fallen und eine Minute gemeinsam zu heulen.

Leonora ruft „Mama!“, die Gießkanne, die ihr zu schwer geworden ist, neigt sich immer stärker dem Boden zu. Bevor sich das Wasser auf seine Füße ergießt, eilt Elle hinzu und hilft dem Mädchen.

Obwohl so wenige Leute bei der Beerdigung waren, ist der Grabhügel mit Kränzen und Blumen vollständig bedeckt. Es ist nicht das einzige frische Grab, aber das einzige mit gänzlich frischen Blumen. Gleich nebenan ist eine Stelle schon abgeräumt und der nackte lehmbraune Boden zeigt Risse. Das sieht nach Erosion und unfruchtbarem Boden aus. Elle versucht sich vorzustellen, wie Madlens Grab aussehen wird, wenn es fertig ist. Weiße Kieselsteine sollen es bedecken, die von einer schlichten Einfassung aus Basalt zusammengehalten werden. Sie hat einen kreisrunden Grabstein in Auftrag gegeben. Dieser wird in der Form eines Jin-und-Jang-Zeichens halb matt und halb poliert sein; sie hätte auch eine Variante aus weißem und schwarzem Naturstein wählen können, aber sie wollte zwei nicht zusammengesetzte Steine.

Als Spruch würde sich ein Laotse-Zitat eignen: „Das Harte und Starre begleitet den Tod. Das Weiche und Schwache begleitet das Leben.“ Auf so was stand Madlen. Elle hat noch Zeit, sich das zu überlegen. Auf jeden Fall werden der Name ihrer Mutter, der Geburtstag und das Sterbedatum draufstehen, Tag, Monat und Jahr. Merkwürdig wenige Jahre Abstand zwischen beiden, wo heute doch bald alle neunzig werden. Der Stein wird sich gut machen auf dem Vierweger Friedhof. Das Gelände steht voll ungewöhnlicher Grabsteine, von denen einige sogar mit Design-Preisen ausgezeichnet wurden. Gäbe es in der Stadt Touristen, wäre das die Attraktion.

Auch Elle hat sich für das Unternehmen des immer noch ehrgeizigen Steinmetzen entschieden. Es ist schon lange am Ort ansässig, bietet die gesamte Bestattung aus einer Hand an und hat moderate Preise. So musste sie nicht zum Discounter gehen, zumal Madlen etwas Geld für ihre Beerdigung zurückgelegt hat.

Elle muss wieder einschreiten, als Leonora Blumen aus einem Gebinde auf einem fremden Grab zieht, um sie zu dem ihrer Oma zu bringen. Sie erklärt ihrer Tochter unsanft, dass sich das nicht gehöre. Leo wirkt beschämt, doch eine Minute später hat sie bereits etwas Neues entdeckt, das ihre Aufmerksamkeit an diesem fremdartigen Ort auf sich zieht.

Madlen hat Elle immer verboten, die angebotene Scheibe Wurst zu nehmen, wenn sie zum Metzger gingen. Nur Fleisch kaufte sie dort, und auch davon nur wenig. Der Laden steht leer, ein Handarbeitsverein nutzt die Schaufenster, um seine Osterbastelein zu zeigen, aber die wirken auch nicht mehr frisch.

Es ist natürlich nicht die einzige Erinnerung an ihre Mutter. Aber Elle ist erstaunt, wie wenige es sind. Sie hatte gedacht, ein ganzes Archiv würde aufgehen und eine unsichtbare Hand ohne ihr Einverständnis von Bild zu Bild wischen. Vielleicht passiert das eher, wenn man einen Schock hat? Sie war immerhin vorbereitet, auch wenn Madlen von der Diagnose an nur noch drei Monate leben durfte, von Weihnachten bis Ostern etwa. Elle wäre gern mehr bei ihr gewesen in dieser Zeit, nur mit Job und Kind war es unmöglich. Beim Telefonieren gerieten sie manchmal in Streit. Es fühlte sich fast an wie früher.

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