VII Die Überraschung (2)

Zwischen den beiden Urnenwänden läuft ein Mann über den Weg. Komisch dass man auf einem Friedhof nie allein ist. Immer hat da jemand was zu tun. Zuerst glaubt sie, dass der Mann auf die Ecke mit den etwas älteren Gräbern zuhält, in der auch Frank begraben ist. Sie hat ihn nicht vergessen, wie sollte sie. Gestern dachte sie sogar, sie könnte ihn hören. Er scheint jedenfalls da sein – kein Spuk, kein kalter Hauch, kein Schemen oder Schatten, mehr eine Präsenz, die sich in sich spürt und die doch mehr ist als eine Fantasie.

Leo hat einen kreidigen Stein gefunden und malt damit auf den asphaltierten Hauptweg. Elle wäre bereit, sich in ihr Spüren zu vertiefen. Doch da taucht hinter einer Baumgruppe hervor der Mann wieder auf, gar nicht weit von ihr weg. Er ist nicht besonders groß, drahtig, das Haar auf seinem Kopf ist hochgegelt, das wirkt beinah pubertär. Außerdem grinst er und kommt, jetzt eindeutig, auf Elle zugelaufen. Der Mann trägt einen seidig glänzenden, knittrigen Anzug zu einem weißen Hemd, bei dem die zwei oberen Knöpfe offenstehen. Die kühle Aprilluft scheint ihm nichts anhaben zu können. In kurzen Abständen zieht er an einer fetten E-Zigarre, wie sie gerade in Mode sind, und pafft gewaltige Mengen an Dampf aus. Elle spürt einen Stich im Bauch, beinah macht sie eine Bewegung, doch ihre Knie sind weich. Eine Zeitlang hat sie gezweifelt, nun ist sie gewiss. „Hell!“

„Dennis“, korrigiert er mit einem winzigen Kopfnicken und hört für den Moment zu grinsen auf.

Sie fragt sich, wie ausgerechnet er hierherkommt. Sie wundert sich nicht mehr, warum sie keine Wiedersehensfreude spürt.

Dennis spricht ihr sein Beileid aus. Dabei streckt er seine Hand vor, die sie nicht ausschlagen will. Ein harter Griff – unter dem Anzug scheint immer noch der gleiche Satz an wohltrainierten Muskeln zu stecken. Er lächelt wieder, doch dezent. Elle weiß nicht, was sie mit ihm reden soll. Sie sieht, wie er die Kleine in den Blick nimmt.

„Wie heißt sie? Sie ähnelt deiner Mutter etwas.“

Mann, Dennis!, denkt sie. Aber es tröstet sie. Was soll sie nur zu ihm sagen?

„Warst du, ich meine, bist du denn zufrieden?“, fragt er sie und wischt, die Hand aufhaltend, durch die Luft.

„Was meinst du?“

„Die Beisetzung. Entschuldige, ich möchte dir nicht zu nahe treten. Sicher trauerst du sehr.“

Was ist mit diesem Typ passiert? Er ist so höflich! Beinah einfühlsam. Ein bisschen glatt vielleicht. Paff paff.

„Schon ok. Die Beerdigung“, Beisetzung kriegt sie nicht über die Lippen, „war …“

Welches Wort nimmt man da? Angenehm kann sie wohl schlecht sagen. In Ordnung? Klingt auch nicht gut. Problemlos?

„War sie, was die äußeren Umstände betrifft, zu deiner Zufriedenheit?“

Sie nickt. Sie fragt sich wirklich, was der Typ gefressen hat. Langsam ahnt sie, was los ist. Sein Vater hat für dieselbe Firma gearbeitet. Vielleicht ist er da immer noch.

„Du bist bei Krauss?“

„Assistent der Geschäftsleitung. Nicht schlecht, eh?“ Er steckt die E-Zigarre in die Seitentasche seines Sakkos. Ein Ende schaut heraus. „Ganz ernsthaft. Wenn du etwas auszusetzen hast, sag es mir bitte. Wir sind bemüht, unseren Service immer weiter zu perfektionieren.“

Elle überlegt, ob sie schon mal mit ihm telefoniert hat. Einmal war so ein Typ dran, dessen Namen sie nicht verstand und der so ähnlich redete. Aber Dennis musste ja wissen, mit wem er sprach. Hätte er sich da nicht zu erkennen gegeben?

„Arbeitet dein Vater noch da?“

Dennis nickt ungerührt.

„Leichte Bürotätigkeit. Er kann nichts mehr heben. Kreuz kaputt. Hat auch keine ruhige Hand mehr.“

Wieder schweigen sie einen Moment.

„Also ich war sehr zufrieden, Dennis. Mit den äußeren Umständen. Der Umgang mit euren Mitarbeitern war immer angenehm, ihr habt alles perfekt organisiert und mir viel abgenommen, wovon ich keine Ahnung hatte.“

„Du wirst auch mit dem Stein zufrieden sein. Du sollst sehen.“

Sie fragt sich, ob er sie angelogen hat. Vielleicht ist er einfach Steinmetz geworden wie der Alte. Das würde seinen Händedruck erklären. Sie sagt ihm, dass sie los müssen, und ruft nach Leonora. Es ist ein kleines Wunder, dass dem Mädchen nicht langweilig wurde.

„Naja“, sagt er, „als ich dich hier oben stehen sah, dachte ich, ich sag dir mal hallo und schaue nach dem rechten.“

Schaue nach dem rechten, was?

„Ja. Danke, Dennis. Wie gesagt, es ist alles zu –“

„Junis wohnt immer noch bei seinen Eltern. Wusstest du das? Er fährt Krankenwagen.“

„Ich bin seit bald zehn Jahren hier weg!“

„Wenn du willst, kann ich ihn von dir grüßen,. Muss aber nicht. Hey, ich hab mich gefreut dich zu sehen.“

Schon wieder hält er ihr die Pfote hin.

„Auf Wiedersehen“, sagt Elle, dann: „Dennis?“

„Ja?“

„Nichts, tut mir leid. Ich bin morgen wieder ab.“

Rasch entfernt er sich einige Schritte. Bevor er hinter den Bäumen verschwindet, dreht er sich halb um und winkt ihr. Er wirkt verlegen. Das ist das Letzte! Echt.

Das bringt dich ganz schön zum Nachdenken, hm?

Sei still!

Elle nimmt Leo an der Hand. Die Kleine fragt, ob ihre Oma einen Kakao für sie habe, wenn sie zurückkämen, und entlockt den Augen ihrer Mutter damit ein paar Tränen. Elle hebt die Gießkanne auf. Gemeinsam biegen sie auf den Hauptweg ein und gehen in Richtung Wasserbecken, in Richtung Ausgang. Plötzlich spürt Elle im Rücken einen Stoß, sie taumelt vorwärts, muss sich, da sie völlig überrascht ist, mit ein paar schnellen Schritten fangen.

Leo schreit spitz, sie hat das Gleichgewicht verloren und hängt für ein paar Augenblicke am Arm ihrer Mutter wie eine hinterhergeschleifte Puppe. Als Elle sich umdreht, ist da niemand. Kein Zweig bewegt sich, kein Vogel hat zu singen aufgehört – sind eh keine da. Das wundert sie nicht, irgendwie wundert der Stoß sie auch nicht. An diesem Tag wundert sie gar nichts mehr.

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