Eine Stadt unter Schock

Auch der ARD report berichtet 2006 im Internet über die Tat. Der Bericht enthält weitere Details. Ein Beamter der örtlichen Polizei wird wie folgt zitiert: „Man hat nicht erkennen können, an was der Mann gestorben ist, man hat ihn nicht identifizieren können. Nicht weil er verwest wäre, sondern durch die massiven Kopfverletzungen. Es sind Knochenteile weggesplittert, das Schädeldach war zertrümmert. Da war schon eine erheblich Gewalteinwirkung, gegen den Kopf und den übrigen Körper.“

Interessant sind auch Stimmen von Lehrern und Eltern. Ein Schulleiter habe gesagt: „Von einem Kind haben wir schon gesprochen, dem geht es sehr schlecht, es übergibt sich. Das zeigt schon, dass die nicht so abgebrüht sind, wie man sie gerne abstempeln würde, nach dem Motto, da ist eine Verrohung da.“

Die Eltern erscheinen in diesem Bericht ratlos, beschwichtigend, auch verständnislos. Befragte Jugendliche vom Ort hätten sich eher angewidert und abwehrend geäußert, Wörter wie „behindert“ oder „krank“ scheinen benutzt worden zu sein. Einer wird wie folgt zitiert: „Tote Leiche schänden, ich kenn den, hätt es nicht gedacht, find ich Scheiße.“

Auch ist hier zu erfahren, dass zwei (in einem anderen Artikel heißt es drei) der beteiligten Jugendlichen in Trostberg zur Schule gehen. report resümiert, was bleibe, sei das „Entsetzen über eine unverständliche Tat“.

8 Gedanken zu „Eine Stadt unter Schock“

  1. 1
    L!nda says:

    Dass der Tote so zugerichtet wurde, zur Unkenntlichkeit entstellt, bedeutet vielleicht, dass er von den Jugendlichen gar nicht mehr als Mensch wahrgenommen wurde. Vor allem, wenn man nicht davon ausgeht, dass (nur) Verrohung oder Gefühlskälte gegenüber anderen die Gründe für das Handeln der Beteiligten sind. Das passt auch ein bisschen zu den Rückmeldungen, die so auf die ersten Fragen kamen, oder nicht? Zumal es für alle ein Fremder war. Da wurde der Fund als ein evtl. ekelhaftes, aber doch irgendwie spannendes Etwas aufgefasst. Eine Faszination dafür finde ich sehr nachvollziehbar, genauer ansehen, berühren, ja vielleicht. Mutprobe?

    Woher aber die extreme Gewalt kommt, frage ich mich trotzdem.

     

  2. 2
    kiki says:

    Der von Anke in einer vorigen Diskussion vorgeschlagene Rausch passt da ja ziemlich gut. Hinterher kommt das böse Erwachen und die Kinder übergeben sich (oder zumindest eins, wie hier steht).

     

  3. 3
    Anselm says:

    Ich finde es auffällig, wie sehr in den „Schock“-Reaktionen auch immer etwas Selbstexkulpierendes mitschwingt: Indem man die Tat in eine absolut „unbegreifliche“ Ferne rückt, stellt man Distanz her und bewegt sich trittfest auf der ‚richtigen‘ Seite. Soziologisch gesehen selbstvergewissert sich die Gemeinschaft moralisch an der Unmoral der ‚anderen‘, die reflexhaft ausgeschlossen werden. Die Täter werden durch ihre befremdliche Tat buchstäblich zu Fremden gemacht. So etwas ist aber auch immer sehr bequem. Das Böse wird delegiert. Die Ursachenforschung bewegt sich entsprechend im Abstrakten. Dabei wäre gesellschaftlich ergiebiger doch die Überlegung, ob etwas Vergleichbares nicht unter bestimmten Umständen fast jedem in diesem Alter (oder auch sonst) passieren könnte – also: was an der Tat nicht befremdlich ist, sondern irgendwo nachvollziehbar.

    • 3.1
      Hanni Fallada says:

      Langeweile ist ein starker Motivator für Jugendliche aus dörflichen Strukuren (die sich perspektivlos fühlen und aus“kleinen“ Verhältnissen kommen) und der Gruppendruck, der durch die Dorfgemeinschaft (ohne Auto kommt man nirgends hin, die Eltern brauchen das Auto dringend um zur Arbeit in die Stadt zu fahren und würden des deshalb nie dem Nachwuchs überlassen) entsteht, dadurch das man nicht rauskommt. Dazu kommt noch, das keine klaren Werte mehr vorgegeben werden, früher wars die Kirche aber die wird nur noch für die kirchlichen Feste und Beerdigung , Heirat und eventuell Taufe wenns die Dorfgemeins chaft vorgibt gebraucht, eventuell Firmung oder Konfirmation. Und in der Walpurgisnacht muß was abgehen,  es ist eine der wenigen Gelegenheiten, wo sich die Jugendlichen beweisen können, vor allem sich gegenseitig. Da geht mal was ab, da muss was abgehen. Grobe Sachbeschädigung passiert durch den Einfluß dudrch Alkohol (man trinkt sich Mut an). Ursprünglich sollen nur Sachen versteckt werden, z.B. Blumenkästen, Gartentore.  Aber jedes Jahr geht es auch darum, sich etwas Neues, Spektakuläreres einfallen zu lassen. So was  wie in Traunstein 2006 passiert ist, hätte in dem Dorf in dem ich augewachsen bin , zur Walpurgisnacht auch passieren können.

  4. 4
    Thomas says:

    Super, der besonderen Aspekt der Walpurgisnacht oder „Freinacht“, wie das im Traunreuter Fall genannt wurde, war mir so noch nicht bewusst. Das könnte die Eskalation bei Elles Party noch besser vorbereiten: Vielleicht kommen noch andere Jugendliche dazu, es wird ein großes Ding und dass Elle Geburtstag hat, gerät im Lauf des Abends fast in Vergessenheit …

  5. 5
    Susanne says:

    Im ersten Augenblick schien mir die Idee mit der Freinacht gut zu passen: Ja, so könnte es gewesen sein. Der übliche Freinacht-Unfug, der eskaliert. – Dann aber kamen mir Zweifel, ob diese Deutung nicht zu „einfach“ ist, zu sehr unserem Bedürfnis entgegenkommt, das Geschehen in Schubladen einzuordnen, die uns vertraut sind, weil das beruhigt. Das Entsetzen über die Tat aber ist so groß, weil man sie nicht verstehen kann, weil man ratlos ist.

  6. 6
    Thomas says:

    Vielleicht gibt es dazu noch mehr Meinungen? Immerhin ist es in der Realität eine Freinacht gewesen. Das hat aber in den Forendiskussionen niemand aufgegriffen, so weit ich mich erinnere. In der Geschichte käme es, denke ich, darauf an, diese Beruhigung nicht eintreten zu lassen oder zu erzählen, dass sie nicht weit führt …

    • 6.1
      Hanni Fallada says:

      Eine Tat zu verstehen heißt, nicht , sie nicht zu verurteilen. Ich denke jeder Mensch hat gu e und verwerfliche Seiten in sich. Das wird gern geleunet daher gibt es z.B. die Verdrängungseerscheinungen der Verbrechen nach Kriegszeiten.

      Auch die sehr bösen Kommentare der Traunreuter zu der Leichenschändung durch die Jugendlichen ist meines Erachtens darauf zurückzuführen. „die kinder gehören am nächsten baum aufgeknüpft und die eltern in knast“, z.B., die Leute wollen sich mit dieser Seite nicht auseinnandersetzen, es ist anstrengend, beschämend und schmerzhaft.

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