Frage an die Leser I

Liebe User, Mitleser und -schreiber,

in dieser Geschichte geht es (unter anderem) um die Begegnung mit einem Toten. Ich habe als Zivi mal geholfen, einen Leichnam zu waschen und zurechtzumachen. Ich erinnere mich vor allem, wie „unrichtig“ die Kälte dieses Körpers auf mich wirkte. Habt Ihr schon mal Berührung mit einem Toten gehabt? Was habt Ihr dabei empfunden?

3 Gedanken zu „Frage an die Leser I“

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    Anselm B says:

    Hallo Thomas, schönes Projekt – die Bilder finde ich ziemlich starl und unheimlich, gerade weil sie so normal wirken, fast leer, seelenlos. Man hat gleich das Gefühl von schleichendem Horror, wie in einem Haneke-Film. Aber u Deiner Frage: Ich habe mit 15 zum ersten Mal einen Toten gesehen, meine Großmutter, die bei uns zu Hause starb, Magenkrebs. Ich erinnere mich vor allem daran, wie gelb ihr Gesicht war und dass ich, während meine Mutter sie pflegte, nicht gerne zu ihr reinging. Im Alltag fand ich mich cool, gekifft, getrunken, das Übliche. Aber vor ihrer Krankheit hatte ich irgendwie Angst. Einmal war ich allein zu Hause, als ich ein dumpfes Geräusch aus dem Zimmer hörte. Erst habe ich es ignoriert, aber dann bin ich doch reingegangen. Da lag sie auf dem Boden neben dem Bett, eingenässt, der ganze Teppich voller Urin. Ich hab sie dann im Reflex hoch- und wieder ins Bett gehoben, dann den Boden geschrubbt. Das hat wahnsinnig gut getan. Später hat sie zu meiner Mutter gesagt, ich hätte mich heldenhaft verhalten – da konnte sie kaum noch sprechen. Natürlich ist das lächerlich, aber es hat mir jahrelang viel bedeutet.

    Als sie starb und meine Mutter uns nachts weckte, damit wir sie nochmal sehen, ist mir vor allem aufgefallen, wie unglaublich greifbar dieses fehlende Leben in dem Körper war. Einerseits sah alles noch ganz menschlich aus, andererseits hätte man sofort gesehen, dass dieser Körper nicht mehr lebte. Da war etwas Eingefallenes an den Zügen, tatsächlich als wäre da etwas entwichen. Der Mund stand offen, friedlich sah es nicht aus. Ich wollte sie auch nicht nochmal anfassen. Das habe ich erst zwanzig Jahre später getan, als mein Vater gestorben war. Ich hab es sofort bereut, denn wie schnell so ein Mensch erkaltet – innerhalb von MInuten – hat mich damals sehr verstört, befremdet und irgendwie meine Trauer beschmutzt. So erschien es mir zumindest. Bis heute frage ich mich, ob man da eigentlich noch von einem Menschen sprechen kann. Es war merkwürdig, am meisten hat es mich eigentlich gerissen, als er am nächsten Tag abgeholt wirde und meine Mutter ihm dafür seine Lieblingsklamotten angezogen hatte. vielleicht weil es dann etwas gab, was vertraut wirkte und woran sich die Trauer festmachen konnte

  2. 2

    Mein Onkel war aufgebahrt. Und da er so meinem Vater relativ ähnlich sah, haute es mir fast die Beine weg. Obwohl ich mich theoretisch viel mit dem Tod beschäftigt hatte („Interviews mit Sterbenden“ von Kübler-Ross etc.). Ich denke daher, dass wir uns in Romanen, wo mit Toten umgegangen wird, häufig im Rahmen eines Glaubensbekenntnisses bewegen.

  3. 3
    dickeruebe says:

    Mein erster Kontakt zu einer Toten war im Krankenhaus in der Onkologie, wo ich mein Pflegepraktikum absolvierte. Eine schwer kranke Krebspatientin, die Streuherde in der Lunge hatte und nur schwer atmen konnte, verstarb innerhalb von ein paar Stunden. Es war verstörend dieselbe Frau, mit der ich noch kurz zuvor gesprochen hatte und der ich versucht hatte Mut zu machen, nun als leblosen Körper zu sehen, noch warm aber doch ohne Atem, ohne Herzschlag, ohne Leben. Ich war unsicher, auch beschämt, ob meiner Fehleinschätzing, hatte ich doch gerade noch versucht positive Worte zu finden, während sie längt gewusst haben musste, dass sie sterben würde. Ihr fahles Gesicht, ihre starren Augen, ihre ganze Leblosigkeit habe ich lange nicht vergessen können und sie haben in mir eine Art gesteigerte Aufmerksamkeit angesichts des Todes hinterlassen.

    Inzwischen habe ich viele Tote gesehen im Krankenhaus, meist alte, schwer kranke Menschen, auch sie wussten meist vorher, was kommt. Ich bin jedoch kaum noch dabei, wenn sie sterben, ich werde gerufen um den Tod festzustellen. Dies  geschieht oft nachts. Es kommt mir ungelegen, ich muss dafür aufstehen oder werde von einem Notfall gerufen, ich muss das „richtige“ Leben dafür unterbrechen. Auch ist die Untersuchung selbst merkwürdig ziellos. Ich muss einen Körper, von dem ich weiß, dass er tot ist, behandeln wie einen Lebenden. Doch obwohl ich das Ergebnis schon kenne, lasse ich nichts weg. Ich schaue in die Augen, höre mit dem Stethoskop auf den leblosen Oberkörper, teste die Totenstarre an Fingern und Zehen, hebe vorsichtig einen Arm, der manchmal schon eine kalte, teigige, unmenschliche Konsistenz angenommen hat, um nach Totenflecken am Rumpf zu schauen. Ein Gefühl der Absurdität überkommt mich dabei. In einer Situation, in der nichts mehr falsch zu machen ist, versuche ich unbedingt alles richtig zu machen. Es ist, als ob dort ein Mensch liegt, der sich nicht wehrt und für den niemand mehr eintritt – der in dem Moment, in dem ich ihn untersuche und den Totenschein unterschreibe, aufhört ebendies, ein Mensch, zu sein und zur Leiche wird – und als hätte das irgendwie mit mir zu tun.

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