Frage an die Leser II

Welchen Einfluss haben Örtlichkeit und Milieu? – Neben der Diskussion um Gewaltvideos und Werteverlust wurde in der Presse, manchmal indirekt, noch eine andere Deutungsmöglichkeit angeboten: Es gab für Jugendliche nichts zu tun in der Gegend. Immer wieder, abgewehrt als etwas, das „die Leute sagen“, wurde auch Traunreut als Vertriebenenstadt thematisiert, die ohnehin ein Problem-Image habe. Arbeitslosigkeit und fehlende Lebensperspektiven wurden wenigstens angedeutet. Die SZ etwa schrieb: „Der Dance Club 99 ist jetzt dicht … Tagsüber rumzuhängen, das sind Anton, 17, und Mike, 18, beide arbeitslos, gewöhnt.“ – Wäre eine Tat wie dieser Leichenfrevel auch in einer Stadt wie München denkbar? In einem, sagen wir, Gymnasiasten-Milieu? Oder gehören Trost- und Perspektivlosigkeit untrennbar dazu?

5 Gedanken zu „Frage an die Leser II“

  1. 1
    Julia says:

    Eine Frage, die für mich hiermit in Verbindung steht, ist: Welche Art Zusammenhalt muss es zwischen den Beteiligten geben?

    Wäre diese Tat möglich gewesen, wenn sich die Jugendlichen nicht so gut gekannt hätten, oder muss es ein Milieu sein, in dem man miteinander vertraut ist, sich seit dem Sandkasten kennt und um die Schwächen und Stärken der anderen weiß?

    Das hier ist rein spekulativ, doch denke ich, dass es eben diese Abstraktheit des Toten (er war seit Wochen tot und damit für die Täter wahrscheinlich eher als Objekt, denn als Person wahrnehmbar) gepaart mit einer sogbildenden Gruppendynamik war, die eine solche Tat ermöglicht haben.

    Hätte sich diese Gruppendynamik und dieser Rausch auch unter Fremden entwickeln können? Unter welchen Bedingungen? Sicherlich sind Stück für Stück Hemmungen gefallen. Wäre das auch möglich gewesen, wenn es sich um eine Gruppe Schüler im Feriencamp gehandelt hätte, die sich erst seit kurzem kennen?

    • 1.1
      L!nda says:

      Ich könnte mir gut eine „gemischte“ Gruppe vorstellen: Ein paar Leute, die sich gut und lange kennen, sich vertrauen und in der Freundschaft sicher fühlen. Unter ihnen gibt es ein, zwei Typen (müssen jetzt keine Jungs sein), die den Ton angeben. Dann gibt ein paar „Neue“, die dazugehören wollen – vielleicht um jeden Preis? Muss es einer der Anführer* sein, der* den ersten Schritt macht? Ist es eine Gemeinschaftsentscheidung? Oder kann die Tat sogar von einem neuen Gruppenmitglied angestoßen werden?

  2. 2
    Anselm says:

    Ich glaube, dass sich viele – wie oft in Fällen von schockierenden Ereignissen – vor allem selbst entlasten wollen, wenn Ursachenforschung so betrieben wird, dass z.B. das Milieu dafür herhalten muss. Dabei spielen psychologische Dynamiken dabei wahrscheinlich eine viel größere Rolle als soziale (Imponiergehabe, Drang zur Grenzüberschreitung, fehlendes Wertebewusstsein, Gruppezwang etc.). So etwas könnte definitiv auch in ‚besseren‘ Gegenden passieren, ja gerade dort. Das Eis über dem Abgrund gutbürgerlichen Benehmens ist bekanntlich dünn, egal wie schön es strahlt.

  3. 3
    Elisa says:

    Ich weiß nicht, ob die Suche nach den Motiven auf diese Art und Weise den Tätern gerecht wird.
    Leichenschändung ist nach unseren Wertvorstellungen eine schlimme Tat, wir empfinden sie sogar als besonders schlimm, weil dem wehrlosen Toten, Würde und Respekt entzogen werden, weil Tod unserer kulturellen Prägung nach in den Kontext Religion/Transzendenz gehört und somit unantastbar ist, weil es sich um eine für uns immer noch unerklärliche, angstbehaftete Sphäre handelt, zu der wir am liebsten große, respektvolle Distanz halten, weil etc.
    Wieso gehen wir aber sicher davon aus, dass den Tätern bewusst war, dass sie sich schändlich verhalten oder zumindest, in welchem Ausmaß sie sich schändlich verhalten? Wir setzen in unserer Beurteilung der Tat voraus, dass die Täter unser Wertekostüm als Handlungsmaßstab verinnerlicht haben und dann bewusst – aus Bosheit? Aus Sadismus? Aus Trost- und Perspektivlosigkeit? – dagegen verstoßen.
    Nun, die Täter waren Kinder/Jugendliche. Was wissen die von Tod und Sterben? Was bedeutet ihnen Tod und Sterben? Wie viele von ihnen sind in ihrem bisherigen Leben bereits mit dem Thema in Berührung gekommen? Wie vielen von ihnen hat ein Erwachsener bereits erklärt, was Totenruhe bedeutet? Die natürlichen Reaktionen von Kindern auf Tod/Tote, die ich bisher selbst erlebt habe, waren: Neugier, Faszination, Grusel, ein bisschen Ekel.
    Wir lesen die Tat als Grenzüberschreitung zwischen dem, was wir als „menschliches“  Verhalten bezeichnen und dem, was „bestialisch“, also „tierisch“ ist. Die Achtung der Toten in der Art und Weise, wie wir sie in unserem Kulturkreis als moralisch richtig empfinden, ist aber eine kulturelle Norm, die erlernt werden muss, und keine anthropologische Konstante.
    Hätte die Tätergruppe also auch aus Bogenhausener Gymnasiasten bestehen können? Nein, weil die nicht allein im Wald spielen dürfen. Aber theoretisch: Gruppendynamik+Langeweile+unausgereifter moralischer Kompass –> Warum denn nicht.

  4. 4
    L!nda says:

    Dass Kinder und Jugendliche aus fehlender Beschäftigung und Langeweile dumme oder gefährliche Dinge tun, mag sein. Aber das Milieu dafür verantwortlich zu machen, ist sicher zu einfach gedacht (da schließe ich mich an), auch wenn es eine Rolle spielen kann.

    Das Szenario würde für mich auch sehr gut auf Münchner rich-kids passen (was jetzt kommt, ist sehr stereotyp, aber nur mal angenommen … ): Jugendliche, die alles haben und alles dürfen. Sie denken, ihnen kann keiner was, strapazieren ihre Grenzen – nicht, weil es doch „eh egal ist“ oder sich keiner für sie interessiert, sondern weil sie es können, sich erhaben fühlen. Ihnen würde ich eine Leichenschändung ebenso zutrauen – vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.

    Bei der Örtlichkeit verhält es sich ähnlich: Die Tat könnte ebenso in einer Stadt passiert sein, da es ein so spezieller Fall ist. Ein Leichenfund ist wohl an jedem Ort ein seltenes und extremes Erlebnis. Und etwas Faszinierendes. In der Stadt ist es vielleicht nur weniger wahrscheinlich – mehr Menschen, mehr Öffentlichkeit, mehr Aufmerksamkeit. Das macht es nicht nur schwieriger, auf einen solchen Fund zu stoßen, ehe es jemand anderes tut, sondern auch, die Tat ungestört zu begehen.

    Auf diese Art ist der Ort – räumlich – zuletzt dann wohl doch entscheidend, er muss die Tat ermöglichen.

     

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