Frage an die Leser III

Wie ist das Geschehen moralisch zu bewerten?

Mir gehen zu diesen Forumsbeiträgen eine Menge Fragen durch den Kopf. Der  Wunsch nach deftigen Strafen und der Absonderung der Jugendlichen (Wegsperren) scheint mit einem Ekel verknüpft zu sein, den die Vorstellung der Tat auslöst. Jugendliche, die in am S-Bahnhof einzelne Erwachsene attackieren, schwer verletzen oder töten, scheinen nicht so heftige Reaktionen auszulösen. – Wie ist die Tat moralisch zu bewerten?

„Ich denke, es sei weit ärgere Barbarei dabei, einen Menschen lebendig zu fressen als tot zu fressen“, schrieb Montaigne vor über 400 Jahren, „einen Körper durch Qualen und Martern zu zerfleischen, der noch all seine Gefühle hat … als ihn zu braten und zu verzehren, wenn er des Lebens beraubt ist.“ (Montaigne reagierte damit auf Berichte von Kannibalismus bei den Einwohnern der „neuen Welt“.) – Ist es ketzerisch, diesen Gedanken auf den vorliegenden Fall zu übertragen?

7 Gedanken zu „Frage an die Leser III“

  1. 1
    kiki says:

    Ein extremer Ekel vor der Tat würde als Erklärung für die krassen Forderungen nach Strafen Sinn ergeben. Da möchte man etwas ganz ganz weit von sich wegschieben, am liebsten auslöschen. Das ist nicht vergleichbar mit der Angst vor Jugendlichen, die andere (schlimmere) Straftaten begehen. Ekel kann viel mehr zu Aggression führen als Angst.

  2. 2
    kiki says:

    Lautet die Frage denn dann: Ist es besser einem toten Körper Gewalt anzutun als einem lebenden?

  3. 3
    Thomas says:

    Meine Frage zielt auf das moralische Empfinden. Warum ist die Reaktion so heftig? Man könnte theoretisch auch sagen: Immerhin haben sie niemandem wehgetan. Das wäre analog zu dem, was Montaigne über den Kannibalismus schreibt. Ekel spielt eine Rolle, denke ich auch. Abwehr. Ein Tabu? Das Rühren an der Grenze zwischen Leben und Tod? …

  4. 4
    Anke says:

    Ich glaube, es hat schon etwas mit diesem „Transit“-Stadium zu tun. Der Körper ist tot, aber nicht beerdigt, der Mensch mit seiner Persönlichkeit ist noch da, seine Gesichtszüge, seine Haltung, seine Kleidung lassen sich interpretieren. Man kann sich zur Leiche verhalten. Sie kann Mitleid, Esel, Angst auslösen. Sie gibt aber keine Sicherheit, was passiert ist und was passieren wird. Es ist unklar, was noch von ihr übrig ist. Gibt es eine Seele? Gibt es einen Geist? Natürlich nicht, aber wenn doch? Wo? Neben mir?

    Außerdem: Der tote Körper kann sich nicht mehr wehren, er stellt einen absolut schutzlosen Menschen da, der seine Würde nicht mehr selbst aufrecht erhalten kann. Vermutlich ist es der wundeste Punkt, der vorstellbar ist: ein naher Mensch, man selbst wird verunstaltet und malträtiert und das entstellte, ausgelieferte Ergebnis ist das „letzte Ende“. So tritt man dem Tod entgegen! Man kann nichts mehr verändern, nicht mal schreien und schimpfen. Ich glaube, wir sind darauf so konditioniert, möglichst unversehrt, natürlich, schmerzfrei und damit auch „wehrhaft“ die Welten verlassen, das jeder anderer Zustand jede Vorstellung sprengt. Die Zurückbleibenden können ihre eigene Trauer und Versehrtheit vielleicht kaum aushalten, wenn sie die Toten nicht mehr bereit und stark vermuten.

  5. 5
    Anke says:

    “ Esel“ = Ekel

  6. 6
    kiki says:

    Vielleicht ist es auch nicht nur die Gewalttat selbst, die so heftige Reaktionen erzeugt, sondern dass hier auch die Konfrontation mit dem Tod so stark ist. Die gewaltsame Störung der Totenruhe, die Verstümmelung einer Leiche, macht auch den Tod sehr präsent. Der Tod als solcher ist ja schon ein Tabu in der Gesellschaft.

  7. 7
    Marla says:

    Die Tat hat mehrere Konflikte, die über die eigentliche Handlung hinausgehen: einen Generationskonflikt und die Grenze zwischen Leben und Tod.

    Ich persönlich würde Montaigne zustimmen, ein toter Körper ist nicht vielmehr als eine Hülle, ein Gegenstand. Aber hier kommt der erste Konflikt: so wie Gegenstände nicht für sich stehen, jemanden gehören, mit einem Zweck oder Erinnerungen aufgeladen sind, so passiert das auch mit diesem Körper. „Sachbeschädigung“ wirkt aber auch verstörend, weil eine absolute Sinnlosigkeit in ihr steckt. Es ist nicht erklärbar und entzieht sich dem Verstand – der Gegenstand hat nicht gestört, nichts getan, war einfach da und wird dennoch so zum Mittelpunkt von Gewalt und Zerstörung. Hier findet sich keine nachvollziehbare Erklärung, warum etwas zerstört wurde – und das macht Angst. Aber das ist trügerisch – wenn uns Gewalttaten weniger (im Verhältnis) ängstigen, weil wir einen Grund für sie fingieren können (und sei er noch so niedrig), formen wir Abstufungen von Gewalt, obwohl sie in keinem Zusammenhang zu entschuldigen ist und das schlimmste im Menschen darstellt. Und mit dieser Ahnung, welche Dimension die Gewaltigkeit des Menschen hat, zeigt sich diese in ihrer „reinsten“ Form, bei Taten wie den hier beschriebenen.

    Also wird ein Grund gesucht – die Jugend. Die Jugendlichen, die so anders sind, als man selbst zu dieser Zeit war, die Zeit der Jugendlichen, die ganz anders ist, als die eigene war – und überhaupt war damals alles besser, ich habs doch schon immer gesagt. Durch diese Abgrenzung halte ich die Möglichkeit, dass in der menschennatur sinnlose Gewaltätigkeit schlummert, fern.

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