IX Gossip (1)

Wie hatte sie sich nur so erniedrigen können!

Elle wollte am liebsten alle Facebook-Pinnwände mit Hass-Posts über Sophie zupflastern! Bestimmt war sie dort mit all ihren Urgroßeltern befreundet, denn kein lebender Mensch nutzte noch FB. Für nichts auf der Welt.

Elle hatte Sophie ein zweites Mal eingeladen, mit einem ihrer totaaal süß gemalten Zettel. Sophie in einer super nahen Einstellung, wie sie über die Schulter kuckt. Ihr Gesicht ist nicht mal ganz zu sehen. Sie hebt die Brauen und die Nase gleich mit, zieht die Schultern hoch, klappt die gehobenen Hände nach außen wie verkehrte Flügel. Erst nach einer Sekunde schüttelt sie den Kopf. Kein Bedauern, eher: Das hab ich dir doch schon gesagt! Ich komme NICHT! Voll doof, echt.

Jetzt standen sie auf der anderen Seite des Pausenhofes, Sophie mit ihren frisch gefärbten silber Haaren neben Corinna-dem-Klischee mit ihren weißen! Haaren und einem Mädchen aus der hundertsten Klasse mit so dark rot schillernden Haaren. Garantiert redeten sie über nichts anderes als irgendwelche Jungs zu klären. Diese Glamour-Ponys sahen exakt gleich aus wie das Spielzeug, das sie mit fünf besessen hatten. Corinna-das-Klischee hatte dieses Jahr angeblich schon zwei Beziehungen hinter sich gebracht. Irgendwie schienen Jungs, jedenfalls solche, die Alexander, Julius oder Maximilian hießen, auf Klischees zu stehen. Genau diese drei in ihren dämlichen Woolrich-Parkas strichen gerade um die Mädels herum. Camouflage-Optik, es war wirklich das Letzte!

Corinna-das-Klischee wandte sich Julius zu. Sie sah ihm in die Augen, ließ den Blick zu seinen Lippen wandern und zurück. Sie legte ihm die Hand auf die Brust, zupfte einen Fussel ab, nein, sie ließ die Finger dort liegen. Er grinste dämlich, aber traute sich nicht mal, sie anzufassen, geschweige denn zu küssen. Sie trat noch etwas näher. Elle sah das alles genau, so weit weg sie auch stand, und was sie nicht sah, das wusste sie. Hinter der Turnhalle gab es Schulklos, die mindestens seit dem Weltkrieg niemand mehr benutzte. Bei einem war die Tür eingetreten – der optimale Ort, um einen Woolrich-Parka-Boy zu klären; heißer Sex lebt vom Kontrast, sagte das Klischee.

Elle kannte Corinna seit der ersten Klasse, als sie noch nicht ihren Spitznamen weg hatte, aber schon genauso blöd drauf gewesen war. Sie hatte immer bloß Pferd spielen wollen, und jedes Mal hatte Elle sich ein Bein brechen müssen – „du weißt, was das bedeutet …“

Dario kam auf sie zu, um ihr ebenfalls abzusagen. Er machte es echt nett, erklärte, dass er an dem Abend ein Fußballspiel hätte und es super schade fände.

Niemand würde am Freitag kommen. Sie wurde sechzehn und kein Arsch wollte mitfeiern. Sie war allen Leuten totaaal egal. Über der inneren Flennerei verpasste sie beinah etwas Wichtiges. Jedenfalls den Anfang hatte sie verpasst. Denn plötzlich stand Junis bei der Haartrachtengruppe und, Elle wollte sich die Augen reiben, verdammt nah am Klischee. Wollte sie mit dem etwa die gleiche Nummer abziehen wie mit Baby-Kampfanzug-Julius? Sie wollte. Sie tat es. Elle ballte die Hände zu Fäusten, jeden Moment würde sie quer über den Schulhof sprinten und dem Klischee den Hals umdrehen. Gleichzeitig wollte sie zum Weiher rennen, einen Sali killen. Nein, lieber nicht, arme Salis, lieber weiter rennen bis ans Ende. Der Satz gefiel ihr. Sie tippte ihn in ihr Phone: „Weiter rennen bis ans Ende, durch Stadt- und Wald- und Lebensbrände.“ Mehr fiel ihr nicht ein. Egal, die App hätte den Text bis morgen sowieso gelöscht.

Im Wesentlichen zuckte Junis nur die Schultern, als Corinna-das-Klischee ihn fragte, ob er am Freitag zu ihrer Party kommen würde. Eine kleine intime Feier in der Laube, nur die besten Leute. (Die Laube war fast schon eine Villa, mindestens aber ein riesiges Gartenhaus, das ihre Eltern mitten auf vier zusammenliegenden Grundstücken in der Schrebergartenanlage gebaut hatten, obwohl es eigentlich verboten war, mehr als ein Grundstück zu pachten, aber sie hatten es hingekriegt.)

Er bemerkte durchaus, dass sie die Jacke aufgemacht hatte und die Brust vorschob, er sah die Aufforderung in ihren Augen und spürte das Locken in ihren Fingern, als ihre Hand seine Brust berührte, zunächst einen Fussel abzuzupfen schien, dann dort liegen blieb, aber es war ihm egal. Junis spürte nichts, weder Anziehung noch Abstoßung. Hätte ein lasch gekickter Hacky Sack seine Brust getroffen, wäre das Gefühl das gleiche gewesen. Wäre sein Blick über den braunen Wasserspiegel des Weihers gewandert, hätte er darin womöglich mehr erblickt als in den grünbraunen Augen des Klischees. Weibliche Brüste waren für ihn so etwas wie Vorratsbehälter für Babykost.

Er sagte Corinna, wie er es fand, dass sie am selben Tag wie Elle ein Fest machen wollte. Er sagte es ganz ruhig, er benutzte keine Kraftausdrücke, er nannte sie nicht „Klischee“.

Kaum war er ein paar Schritte entfernt, warf Corinna ihren Kopf an Sophies Schulter. „Oh, mein Gott, er sieht so gut aus!“, rief sie, „diese Jochbeine, die Kieferknochen!“ Sie wollte Medizin studieren. „Der Adamsapfel! Wenn er schluckt, dreh ich komplett durch! Von den Augen will ich erst gar nicht reden. Oh, mein Gott, oh, mein Gott, oh, mein Gott. Und dieses schwarze Haar. Es duftet, er wäscht sich sogar die Haare! Kann mir eine von euch sagen, wie ich diesen Typen klären kann?“

„Den klärst du niemals, der ist schwul.“

Stabilo hatte offensichtlich im Vorbeigehen ihre Worte aufgeschnappt. Er sah nicht schlecht aus, deutlich bessere Haut als Maximilian. Aber die Stimme, Shit, sie war mal hoch, mal tief, mal rau, mal weich wie eine Kinderstimme. Seine Ohren standen ein bisschen ab.

„Ist eigentlich alles an dir so groß wie deine Ohren?“, frage Corinna, ehrlich interessiert. Da wurden die Stabilo-Ohren rot, und er zog ab.

Ihre Freundinnen grinsten, auch Sophie.

Stabilos Ausspruch, machte die Runde, mit etwa tausend Kilometern in der Stunde. Jo, Digga. Alle hatten Spaß, ein Lachen wanderte über den Schulhof wie ein aus dunklen Wolken brechender Sonnenstrahl. Elle hörte es, Hell hörte es, manche hängten noch einen extra Witz dran wie „Corinna fickt dich trotzdem“ oder sie sangen Ride my Pony. Einer aus den unteren Klassen, der ziemlich gut rennen konnte, traute sich, Junis selbst zuzurufen: „Bist du schwul oder bist du cool?“

Junis blieb cool.

 

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