IX Gossip (2)

Nach der Pause hatte die 9c Mathe bei Lehrer Denner. Eine Hälfte der Schüler hing im Halbschlaf auf den Stühlen, Dennis’ Kopf war gar auf die Tischplatte gesunken. Die Streber meldeten sich wie verrückt, sie überboten sich mit dem Zerlegen und Berechnen von Potenzen, solchen mit positiver und solchen mit negativer Basis. Marc Anton, der absolute Beste der Klasse, fing von sich aus an, etwas von Rechnungen mit negativem Exponenten zu faseln, während Elle nicht mal sicher wusste, ob die kleine Zahl oben nun Exponent oder Basis genannt wurde. Vielleicht hätte sie die letzten beiden Mathestunden doch nicht sausen lassen sollen. Nur war die Orga für so ein Fest komplizierter, als sie gedacht hatte. Und jetzt sah es fast so aus, als würde der Aufwand sich gar nicht lohnen.

Noch etwas anderes fiel ihr auf: Die Klasse wirkte insgesamt aufgekratzt. Die Mädchen um Corinna tippten fleißig auf ihren Phones. Das war natürlich verboten, aber Denner war entweder kurzzeitig erblindet und, gab es das Wort, ertaubet, oder er hatte sein pädagogisches Konzept geändert. Jedenfalls sagte er nichts. Mikel war schon ein paar Mal aufgestanden, um mit Stabilo zu tuscheln. Auch das scherte Denner nicht. Elle wusste längst den Grund. Sie hatte noch in der Pause erfahren, was gerade wieder die Runde machte. Es war ja praktisch jede Woche jemand dran. Und es bedeutete eigentlich nichts. Trotzdem hatte sie Junis angeboten, Arm in Arm mit ihm in die Klasse zu gehen. Aber das war nicht nötig. Junis hatte geheimnisvoll gelächelt und war vom Schulhof verschwunden.

„Okay“, sagte Denner mit leicht genervtem Schwung, „noch mal für alle: Welches Rechengesetz gilt für das Multiplizieren von Potenzen mit gleicher Basis? – Elle!“

Sie schreckte hoch. Hatte sie etwa im Halbschlaf den Arm gehoben? Nein, beide Hände befanden sich unter der Tischplatte. Sie beobachtete, wie Hell mühsam den Kopf hob und sagte:

„Die ist nicht da.“

„Oh“, sagte Denner, „dann eben … aber da bist du doch, Elle! Also?“

Inzwischen hatte ihr jemand die Seitenzahl zugeflüstert.

„Potenzen mit gleicher Basis werden multipliziert, indem man die Exponenten addiert und die Basis beibehält.“

„Richtig. Gibt jemand ein Beispiel?“

Die Streber meldeten sich wieder, aber Denner ignorierte sie. Der Lärm schwoll erneut an, irgendwie hatten alle das Gefühl, für diesen Tag genug geleistet zu haben. Denner fragte Stabilo nach einem weiteren seiner tollen Gesetze. Als dieser im Mathebuch blätterte, platzte Denner der nicht vorhandene Kragen, und er verbot barsch, die Antwort abzulesen. Stabilo zog es vor zu schweigen. Die Streber hofften offenbar, dass Denner ihm eins überbriet, und ließen die Hände unten. Es gab Gekicher. Jemand rief „a plus b gleich c“ in den Raum.

„Okay“, sagte Denner mit stärker genervtem Schwung, „wie viel ist eins plus eins?“

Nun wurde aus dem Gekicher Gelächter. Elle fand es albern, sie sehnte sich nur noch weg aus dieser scheiß Mathestunde. Bis Freitag gab es noch so viel zu tun!

Falsche Zahlen wurden gerufen, bis hoch zu sieben, und ein besonders witziger Junge rief „elf“. Dass Denner sich mit einem sportlichen Sprung vom Pult zur Tafel bewegte und der Klasse den Rücken zukehrte, enthemmte die Schüler vollends. Sogar Sophie stand auf, um Anna einen Zettel zu geben. Mikel riss an Dennis’ Tisch und versuchte ihn umzuwerfen, worauf Dennis ihm ohne Umschweife gegen das Schienbein trat und ihm mit der Faust drohte. Stabilo hielt sich die Hand vor den Mund und rief mit verstellter Stimme halblaut: „Junis geht mit Denner.“

Von einem Moment auf den anderen wurde es still in der Klasse. Denner drehte sich langsam um, er warf die Kreide in einem eleganten Bogen durch die Luft, fing sie mit der Linken für den Bruchteil einer Sekunde auf und leitete sie aufs Pult weiter. Sie landete ohne zu zerbrechen auf dem aufgeschlagenen Mathebuch.

„Seite vierundachtzig folgende findet ihr die Rechenregeln für das Potenzieren. Arbeitet sie selbstständig noch mal durch. Fünfundachtzig unten die Aufgabe zwei und von der drei die Buchstaben a, b und c … und d macht ihr bitte als Hausaufgabe. Wem das jetzt zu schnell war, der kann es von der Tafel abschreiben. O–kay“, er hüpfte aufs Pult und blieb dort breitbeinig sitzen, „mal sehen. Wer von euch denkt, dass ich schwul bin?“

Keiner meldete sich. Es kicherte auch niemand. Schlappschwänze. Elle nahm die Befriedigung in seinem Gesicht wahr, eins zu null, o–kay. Denner versuchte nun, eine Diskussion in Gang zu bringen, aber irgendwie, das war doch klar, sagte niemand, was er ehrlich dachte. Es gab die üblichen Sprüche vom Mainstream, das niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden dürfe, und die es sagten waren dieselben, die auf dem Schulhof alle möglichen Sachen nicht doof oder scheiße, sondern schwul fanden und andere gern mal mit „Homo“ oder „Schwuli“ frotzelten. Lediglich ein paar Mitschüler mit eher östlichem Migrationshintergrund sprachen sich eindeutig gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften aus. Sie ernteten dafür viel Kritik. Hell wäre vielleicht imstande gewesen, zu sagen, dass er einem Schwulen in die Fresse hauen würde (ohne einen Grund dafür angeben zu können, doch den brauchte einer wie Hell nicht). Aber vielleicht waren Schwule ihm einfach egal. An wen er auch immer denken mochte, er hatte sich entschieden, nur mit dem Stuhl zu wippen und sein Becken in durchaus obszöner Weise gegen den Tisch schlagen zu lassen.

Denner sprach über die Häufigkeit von Homosexualität in verschiedenen Gesellschaften und auf die Frage ihrer Erblichkeit. Statistisch gesehen sei auch in dieser Klasse mindestens ein Junge schwul. Er sprach nur von den Jungs und ließ dabei seinen Blick von Tisch zu Tisch hüpfen. Zog einer den Kopf ein? Junis hatten alle längst vergessen, das war der gute Effekt bei der Sache.

Als Denner etwas über Homosexualität im Tierreich erzählte, kam Stimmung auf. Die meisten fanden es lustig, sie kannten Beispiele aus dem Zoo oder von den Viehweiden der Umgebung. Das Klischee behauptete, eine Safari zu wilden Bonobos im Kongo gemacht zu haben, die es wahllos und die ganze Zeit über miteinander getrieben hätten. Denner kannte ein Beispiel von schwulen Pinguinen.

Elle driftete ab. Sie dachte noch an Junis. Ehrlich gesagt war sie selbst nicht ganz sicher, was mit ihm los war. Er schien sich tatsächlich nicht für Mädchen zu interessieren, jedenfalls nicht so. Das Komische war jedoch, dass Elle sich auch nicht so für ihn interessierte. Er war ihr bester Freund, sie verbrachten viel Zeit zusammen und vertrauten einander. Er sah gut aus, er war ihr Typ. Aber er machte sie nicht an. War das der Beweis, dass er anders tickte? Vielleicht würde sie ihn am Freitag küssen, nur probehalber. Es war ihr Geburtstag, konnte er da sauer werden?

„Zwei der männlichen Pinguine haben sogar ein Ei zusammen ausgebrütet“, sagte Denner gerade.

Das holte Elle zurück in die Klasse. Ihr war leicht übel. Sie wollte sich schon melden, um aufs Klo zu gehen, da kam der Pausengong. Sie sah, dass Denner sein Becken auf dem Lehrerpult weit nach vorn geschoben hatte. Es sah ein bisschen aus wie vorhin bei Hell. Alle sprangen auf.

„Jedenfalls“, rief Denner mit lauter Stimme in die Klasse, „muss ich euch enttäuschen, Jungs. Ich bin nicht schwul. Nicht mal ein bisschen.“

Warum schaute er die Mädchen an, als er das sagte?

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