Nachricht an die Leser II

Liebe Kommentatoren,

ich hatte euch nach Örtlichkeit und Milieu für das Geschehen gefragt. Hätte überall stattfinden können, hätte jeder beteiligt sein können? Die Frage nach dem Ort beschäftigt euch nicht so sehr wie die nach der psychologischen, sozialen und kulturellen Dimension.

Julia fragt nach der Gruppendynamik. Wäre so etwas in einem Ferienlager denkbar gewesen, wo die Jugendlichen sich nicht gut kennen? Das ist ein interessanter Aspekt, über den ich so noch nicht nachgedacht habe. In meiner Vorstellung für die Geschichte bilden die Jugendlichen, jedenfalls der Kern der Beteiligten, eine Art Clique. Die hängen immer zusammen ab und sehen sich ein bisschen „draußen“, es sind nicht die Streber und die Braven der Schule oder der Stadt.

Anselm meint, dass die Psychologie die entscheidende Rolle spiele, Milieu oder soziale Schicht dagegen zweitrangig seien. Er kann sich gut vorstellen, dass so etwas auch in „besseren“ Gegenden passiert. Und Elisa bringt die kulturelle Komponente ins Spiel. Unser Verhältnis zum Tod und zu Toten ist angelernt. Vielleicht fanden die Jugendlichen gar nicht so schlimm, was sie gemacht haben, weil ihr moralischer Kompass anders tickte?

Das bringt mich auf einen weiteren Gedanken: Manchmal machen Kinder und Jugendliche etwas sichtbar, das sonst gesellschaftlich oder familiär unter den Teppich gekehrt wird. Vielleicht haben sie mit ihren Handlungen deutlich gemacht, dass hier einer alle Achtung seiner Mitwelt verloren hatte. Aber damit rühren wir schon an die Frage nach dem „Opfer“. Dazu werde ich demnächst etwas posten.

Ich danke allen, die sich so konstruktiv beteiligen!

Nachtrag

L!nda hat zur Frage nach Örtlichkeit und Milieu noch angemerkt, dass auch sie andere Milieus, etwa ein reiches, für möglich hält. In einer großen Stadt wäre die Geschichte schlechter denkbar, weil es dort mehr Öffentlichkeit gibt. Ich frage mich, wie es die Geschichte verändern würde, wenn ich sie unter reichen Jugendlichen spielen lassen würde. Ganz andere Assoziationen kämen da auf, andere Klischees vielleicht auch. L!nda spricht das schon an. Vielleicht wäre es für den Text gut, ein ziemlich durchschnittliches Milieu zu wählen, um Stereotypen zu vermeiden. Interessant ist auch die Erwägung einer „gemischten“ Gruppe von Jugendlichen, die sich zum Teil schon lange kennen, während andere sich noch bemühen, richtig dazuzugehören.

7 Gedanken zu „Nachricht an die Leser II“

  1. 1
    Anke says:

    Hallo,

    bei dem Text oben stolpere ich über die Charakterisierung der Clique als „draußen“, als nicht brav, als keine Streber. Tatsächlich erscheint mir das zu holzschnittartig: einmal konform, immer konform? Gerade die (sehr) Angepassten brauchen manchmal ein Ventil. Bzw. Kann man die Welt im in Streber und Nicht-Streber unterteilen? Nein, finde ich.  Das ist gilt auch für den zweiten Punkt: reich oder arm. In meinen Augen kann nur eine gemischte Gruppe glaubwürdig sein. Die Rädelsführer_innen können fast nur die Normalen sein, um nicht in Klischees zu verfallen. Die Frage ist, was ist der Anlass, warum die Jugendlichen so handeln? Imponiergehabe? Zu viel Alkohol? Pure Unüberlegtheit im Moment? Einfach eine in der Minute entstandene Laune?

    • 1.1
      L!nda says:

      Lieber Thomas, liebe Anke,

      das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein: eine gemischte Gruppe auch in Bezug auf das Milieu. Alles andere droht wahrscheinlich allzu schnell ins Klischee zu rutschen, wie Anke ganz richtig betont. Obwohl es sie ja nun doch gibt, die unterschiedlichen Milieus. Eine Mischung wäre aber auch gerade deswegen spannend, wenn in der Tat auch unterschiedliche Welten zusammentreffen. Der Umgang mit der Tat und den Folgen aus verscheidenen Perspektiven …

      Kann es nicht sein, dass bei der Motivation der Tat all die genannten Dinge zusammenkommen? Bei jedem* einzelnen Beteiligten* vielleicht in einer anderen Kombination: Enthemmung durch Alkohol, Unüberlegtheit, Imponiergehabe oder eben der Zwang der Gruppe.

      Ich denke, Aspekte wie Neugier und der „Kick“, etwas Verbotenes zu tun, sollten auch nicht außer Acht gelassen werden.

       

  2. 2
    Anke says:

    Gruppenzwang? Vielleicht viel neutraler: Gruppendynamik. Möglicherweise löst der Fund des Toten eine Art kollektiven Schock aus, der mit der ersten Berührung noch einmal gesteigert wird? Eine Art kollektiver Rausch ausgelöst durch den Tabubruch? Klingt das zu kitschig? Interessant könnte auch noch sein: Was wenn der/die eine gar nicht weiß, warum er/sie das getan hat? Wenn die Antwort einfach und ehrlich lautet: Ich weiß es wirklich nicht?

    • 2.1
      L!nda says:

      „Rausch“ trifft es wahrscheinlich sogar sehr gut, in vielerlei Hinsicht (Alkohol, Adrenalin, Nicht-Wissen-Was-Man-Tut).

    • 2.2
      L!nda says:

      Zur Gruppendynamik: Da kommt bei mir immer wieder die Frage danach auf, welches Gruppenmitglied sowas anstoßen könnte? Irgendjemand muss schließlich der oder die Erste gewesen sein …

      Kann es da nicht dennoch „Zwänge“ geben? Das man etwas tut, was man eigentlich nicht will, um dazuzugehören? Ich habe als Teenager sowas durchaus getan – auch bei verbotenen Dingen oder Straftaten (etwas Vergleichbares war aber natürlich nicht dabei).

  3. 3
    Anke says:

    Vielleicht ist es Zufall? Wer steht am nächsten dran? Wer daneben? Wer tastet sich mit dem Fuß erst mal vorsichtig vor? Vielleicht lebt er noch? Aber, es ist irgendwas Ekliges zu erwarten, was man am Schuh gerade noch erträgt? Und dann tritt beides nicht ein und die Anspannung löst sich buchstäblich mit einem Schlag?

    • 3.1
      L!nda says:

      Das wäre auf jeden Fall ein plausibles Szenario!

      Welche Rolle dann wohl Elle zukommt? Ist sie die Erste? Obwohl sie nach den Infos, die hier zu finden sind, die Hauptperson werden soll, sehe ich die eigentliche Protagonistin nicht als Impulsgeberin, auch wenn ich nicht richtig erklären kann, wieso. Mir scheint es spannender, von jemandem zu erzählen, der in so eine Sache reingezogen wird.

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