Orte I: Die Stadt

Es ist eine kleine Stadt. Sie wird keinen oder einen erfundenen Namen tragen.

Die Stadt soll nicht regional zu verorten sein, die Region wird aber halbwegs strukturschwach sein. Wie an vielen dieser Orte sterben die Stadtstrukturen aus dem 20. Jahrhundert. Ladenlokale stehen leer, die Post hat dicht gemacht, ein Bahnhofsgelände verfällt. Frühere Sportanlagen dienen als Sammelplatz für kompostierbare Abfälle. Selbst Gebäude aus den frühen 1990er Jahren wirken schon wieder runtergekommen, die Farben sind ausgebleicht, Kunststoffe brüchig geworden. Alte Fabriken werden als Lagerhallen genutzt oder stehen verrammelt (und längst wieder aufgebrochen) auf großen, verwilderten Werksgeländen. Das Hallenbad ist muffig und hat nur noch an zwei Abenden die Woche geöffnet. An einzelnen Stellen versucht die Stadt sich zu verschönern, ein Brunnen wurde gebaut, aber an einer so abgelegenen Stelle, wo kaum jemand vorbeikommt.

Vor der Stadt liegen die üblichen Einkaufszentren. Bei Hans im Glück ist nie was los, oder er hat schon wieder zugemacht. Ein Multiplex-Kino ist die größte Attraktion für die Jugendlichen. Das Tropical, eine Disko aus den 1990ern, fanden immer alle doof. Trotzdem fehlt es jetzt, denn zum Tanzen muss man dreißig Kilometer in die nächstgrößere Stadt fahren, und das geht nur mit dem Auto. Die Jugendlichen suchen sich Orte, an denen sie abhängen können. Vielleicht gibt es ein Jugendzentrum. Zwei Gewerbegebiete, Schrebergarten, viel Wald bis an die umliegenden Dörfer.

Das Besondere an dieser Stadt: Sie ist jung. Sie wurde ab 1950 auf dem Boden einer früheren Munitionsfabrik gebaut. Die Muna stellte im Krieg unter anderem Giftgasmunition her. Noch heute finden sich vereinzelt Geschossmäntel bei Aushubarbeiten oder einfach so am Ufer des nahen Weihers, irgendwo im Wald. Nach dem Krieg wurden Vertriebene in die Arbeiterbaracken einquartiert, im Lauf der Jahre entstand eine Stadt. Es gibt hier keine Altbauten, keinen Fluss, keinen See oder sonst etwas Topografisches, das erklären könnte, warum sich genau an dieser Stelle eine Siedlung befindet. Ab den 1960er Jahren siedelten sich hauptsächlich Gastarbeiter und Migranten hier an. Ein alter Mann, vielleicht der Opa von einem unserer Jugendlichen, hat immer gesagt: Diese Stadt ist auf Knochen gegründet worden. Immer wieder habe man Skelettteile von Zwangsarbeitern ausgegraben, als man die Fundamente legte. Auch beim Entgiften des Muna-Geländes nach dem Krieg starb ein Dutzend Menschen, und sogar in den 1970er Jahren soll es noch einen Todesfall gegeben haben, als Kinder beim Spielen auf eine Kiste mit Gasmunition stießen.

Was ist noch wichtig für die Stadt? Gibt es eine Drogenszene und welche? Was ist typisch für eine solche Stadt? Welche Orte sind für die Clique wichtig – gibt es einen Wirt, der es beim Alkoholausschank an Jugendliche nicht so genau nimmt oder Ähnliches?

3 Gedanken zu „Orte I: Die Stadt“

  1. 1
    it says:

    Hallo lieber Herr Autor,

    sehr schön ist die Stadt. Ich könnte es wagen, sie sogar international zu nennen. Sie ruft in mir die Erinnerungen auf, die bereits zwanzig Jahre zurückliegen. Betrachten wir die Stadt aus meinen Erinnerungen, dann entfällt die Notwendigkeit einer geographischen Zuordnung. So wie Sie diese eine Stadt in Ihrem Entwurf beschreiben, lässt dem Leser viel Freiraum zur Fantasie.

     

    Nun stellt man sich für einen Moment vor, jemand taucht nach zig Jahren in dieser vergessenen trostlosen Gegend auf und….staunt die müde Meute, die sich schon lange dem Vewesen unterworfen hat, über die sichtbaren Veränderungen, die der Stadt[wieder]besucher mit sich trägt. Diese Veränderungen sind etwas abstrakt. Es sind Farben, Gesten, Bewegungen, alles, was beim flüchtigen Blick auffällt…..

  2. 2
    Hanni Fallada says:

    Was ist das Hans im  Glück? Wenn in einerDorfgemeinschaft, die zusammenhält wegen ihrer Isolation etwas „hereinbricht“, „auftaucht“, ist es zwar einseits als Abwechslung willkommen, wird aber meist als feindlicher Eindringling betrachtet und geschnitten und gemobbt. Gestern kam ein schöner Beitrag in Radioreisen Bayern 2 wo die veralterte kleine abgeschlossenene Gemeinschaft einer winzigen, idyllischen,  nicht gut errreichbaren (internetlosen) Insel dringend Neulinge sucht, weil ihre Kinder zur Schule aufs Festland gehen müssen und dann nicht wiederkommen, da sich auf dem Festland viel mehr Möglichkeiten bieten. Ein neues Ehepaar ist auf die Insel gezogen und wurde geschnitten und ausgegrenzt was auf der Insel tragisch ist, da die Menschen aufeinander angewiesen sind. Und dann kommt noch dazu das alte Missbrauchgeschichte von Minderjährigen Mädchen und Frauen über die nicht mehr geredet wird (Argument der Täter: hat uns ja keiner gesagt, dass man das nicht darf) einen eigenen Zusammenhalt erzeugt, da die Opfer die Täter decken, ich nehme an wegen den Abhänigkeitsverhältnissen, Scham und Verwandschaftsbeziehungen. Was nicht sein darf war halt nicht. Man verdrängt. Wie nach dem Krieg. Und entwickelt ein gestörtes Unrechtsbewußtsein wegen mangelnder Vorbilder und Richtlinien.

  3. 3
    Thomas says:

    Das „Hans im Glück“ ist ein Burger-Restaurant mit  über 40 Filialen ( https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_im_Gl%C3%BCck_(Restaurantkette) ) mit einer gegenüber MacDonald’s etwa gehobenen Qualität.

    Die Stadt, die ich mir vorstelle, hätte schon deutlich andere Strukturen als ein Dorf. Es gibt da schon eine gewisse Anonymität und keine das Ganze zusammenschweißende Gemeinschaft mehr, denke ich.

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