Orte IV: Das Bahngelände

Bevor die Autobahn gebaut wurde, war die Bahnanbindung für die örtliche Industrie ein wichtiger Standortfaktor. Es gab auch Personenverkehr, doch die Stadt lag nie an einer Hauptstrecke. Dementsprechend gab es auch nur ein richtiges Bahnhofsgebäude, das nach Einstellung des Personenverkehrs abgerissen wurde. Nur die Bodenplatte ist noch da. Ein paar Rangiergleise liegen noch, magere Birkenstämmchen wachsen dort … Die Ziegelschuppen mit den undicht gewordenen Teerdächern, stehen noch. Auf den Laderampen kann man prima sitzen und die Beine baumeln lassen.

Ein Gleis wird ab und zu noch befahren, da ein örtlicher Betrieb seine Produktion nach wie vor auf diesem Weg zum nächsten Güterbahnhof bringt.

Der Personenverkehr soll wieder aufgenommen werden. Das politisch umstrittene Projekt kommt aber nicht recht voran. Für die Clique ist das Bahngelände ein wichtiger Ort, sie sind hier ungestört, können laut Musik hören, saufen, Ratten jagen. Die Güterwaggons könnten sich auch für Mutproben eignen.

Wieso treffen sich die Jugendlichen gern dort, hat einer aus der Clique den Ort „entdeckt“, hat er eine besondere Qualität (außer der, dass sie dort ungestört sind)? Sprayen sie oder andere Kids da? Kaufen sie da auch ihr Gras? Wie oder mit wem ist Elle dort zum ersten Mal hingekommen? Warum hat sie ausgerechnet diesen Ort für ihre Geburtstagsparty gewählt?

Orte III: Die Schule

Die erste Schule aus den 1950er Jahren ist schnell zu klein geworden. Sie wurde Ende der Sechzigerjahre um einen Neubau erweitert. Sichtbeton, Waschbeton, Fensterbänder – die übliche Architektur dieser Zeit. Bei der nötig gewordenen Sanierung Anfang des Jahrtausends ist der Beton in einem hässlichen grüngelben Ton gestrichen worden. Das Gebäude sticht unangenehm aus der Umgebung hervor.

Über dem zentralen Lichthof wurde eine Abdeckung gebaut, da die Erneuerung der Oberlichter zu teuer geworden wäre. Dadurch herrscht im Innern eine gruftartige Atmosphäre, die auch durch Tageslichtlampen nicht wirklich verändert wird. Das Schulhaus steht etwas von der Straße zurückgesetzt. Sieben oder acht Stufen führen zum Haupteingang, über die morgens und mittags ein paar Hundert Kinder laufen.

Das Schulgelände ist groß, es sollte noch viel mehr gebaut werden, was sich dann nicht realisieren ließ. Der hintere Teil ist durch einen Bauzaun abgetrennt und verwildert. Die Schule hat sich nie mit der Stadt verbunden, die eigentlich um das Gelände hätte weiter wachsen sollen. Sie liegt an einer Straße, die an brachliegenden Grundstücken vorbeiführt und vor einem nie fertiggestellten Kreisverkehr endet.

Nicht weit hinter der Schule liegt der Weiher, eigentlich bloß ein Loch aus der Muna-Zeit, in dem lehmiges Wasser steht. Der Weiher ist nicht tief, stellenweise kann ein Erwachsener stehen. Aber die Ufer sind steil und rutschig, und an einer Stelle, heißt es, soll der Weiher sehr, sehr tief sein und er soll den Eingang zu einem geheimen Stollen aus der Nazizeit verbergen.

Was ist sonst charakteristisch für eine Schule? Wo gehen die Raucher hin? Wo treffen sich die Kids vor oder nach dem Unterricht, hat die Clique einen besonderen Ort, zum Beispiel den (verbotenen) Weiher? Ist der Hausmeister nett oder mürrisch? Gibt es Tischtennisplatten? Was ist mit der Turnhalle und dem Lehrerparkplatz?

Orte II: Elles Zimmer

Elle wohnt mit ihrer Mutter in einer Siedlung mit kleinen, freistehenden Häusern. Sie hat ein recht großes Zimmer im Erdgeschoss und schaut aus ihrem Fenster in den verwilderten Garten mit Bäumen und Büschen wie in einen Regenwald. Da wächst schon wieder Efeu an der Scheibe hoch. Den Garten kann sie nur betreten, wenn sie sich aus dem Fenster schwingt. Sonst müsste sie ums Haus herum laufen. Ihr Zimmer ist auch eine Art Urwald mit großen Topfpflanzen und zugewachsenen Nischen, unübersichtlich, ein bisschen dunkel; sie mag keine Zimmerecken.

Das Haus ist hellhörig. Elle weiß immer, wo ihre Mutter sich aufhält oder was sie macht. Es gibt Maschinen wie eine Kaffee- oder sogar eine Getreidemühle oder einen Standmixer.

Wie sind die Wände in Elles Zimmer gestrichen, hat sie Poster oder Bilder aufgehängt? Sprüche? Wie sieht das Zimmer ihrer Mutter aus, betritt sie es? Betritt die Mutter ihres?

Orte I: Die Stadt

Es ist eine kleine Stadt. Sie wird keinen oder einen erfundenen Namen tragen.

Die Stadt soll nicht regional zu verorten sein, die Region wird aber halbwegs strukturschwach sein. Wie an vielen dieser Orte sterben die Stadtstrukturen aus dem 20. Jahrhundert. Ladenlokale stehen leer, die Post hat dicht gemacht, ein Bahnhofsgelände verfällt. Frühere Sportanlagen dienen als Sammelplatz für kompostierbare Abfälle. Selbst Gebäude aus den frühen 1990er Jahren wirken schon wieder runtergekommen, die Farben sind ausgebleicht, Kunststoffe brüchig geworden. Alte Fabriken werden als Lagerhallen genutzt oder stehen verrammelt (und längst wieder aufgebrochen) auf großen, verwilderten Werksgeländen. Das Hallenbad ist muffig und hat nur noch an zwei Abenden die Woche geöffnet. An einzelnen Stellen versucht die Stadt sich zu verschönern, ein Brunnen wurde gebaut, aber an einer so abgelegenen Stelle, wo kaum jemand vorbeikommt.

Vor der Stadt liegen die üblichen Einkaufszentren. Bei Hans im Glück ist nie was los, oder er hat schon wieder zugemacht. Ein Multiplex-Kino ist die größte Attraktion für die Jugendlichen. Das Tropical, eine Disko aus den 1990ern, fanden immer alle doof. Trotzdem fehlt es jetzt, denn zum Tanzen muss man dreißig Kilometer in die nächstgrößere Stadt fahren, und das geht nur mit dem Auto. Die Jugendlichen suchen sich Orte, an denen sie abhängen können. Vielleicht gibt es ein Jugendzentrum. Zwei Gewerbegebiete, Schrebergarten, viel Wald bis an die umliegenden Dörfer.

Das Besondere an dieser Stadt: Sie ist jung. Sie wurde ab 1950 auf dem Boden einer früheren Munitionsfabrik gebaut. Die Muna stellte im Krieg unter anderem Giftgasmunition her. Noch heute finden sich vereinzelt Geschossmäntel bei Aushubarbeiten oder einfach so am Ufer des nahen Weihers, irgendwo im Wald. Nach dem Krieg wurden Vertriebene in die Arbeiterbaracken einquartiert, im Lauf der Jahre entstand eine Stadt. Es gibt hier keine Altbauten, keinen Fluss, keinen See oder sonst etwas Topografisches, das erklären könnte, warum sich genau an dieser Stelle eine Siedlung befindet. Ab den 1960er Jahren siedelten sich hauptsächlich Gastarbeiter und Migranten hier an. Ein alter Mann, vielleicht der Opa von einem unserer Jugendlichen, hat immer gesagt: Diese Stadt ist auf Knochen gegründet worden. Immer wieder habe man Skelettteile von Zwangsarbeitern ausgegraben, als man die Fundamente legte. Auch beim Entgiften des Muna-Geländes nach dem Krieg starb ein Dutzend Menschen, und sogar in den 1970er Jahren soll es noch einen Todesfall gegeben haben, als Kinder beim Spielen auf eine Kiste mit Gasmunition stießen.

Was ist noch wichtig für die Stadt? Gibt es eine Drogenszene und welche? Was ist typisch für eine solche Stadt? Welche Orte sind für die Clique wichtig – gibt es einen Wirt, der es beim Alkoholausschank an Jugendliche nicht so genau nimmt oder Ähnliches?

Wie es weitergeht

Liebe User,

in den letzten Wochen haben wir uns mit der Entwicklung von Figuren beschäftigt, für mich war das eine spannende Zeit. In dieser Woche will ich ein paar Orte für die Geschichte vorstellen, gleichzeitig werde ich, wie gesagt, versuchen, die Figuren mithilfe eurer Anregungen weiter zu entwickeln. Ich bin außerdem in der letzten Zeit noch auf ein paar Artikel gestoßen, die alle mit Traunreut zu tun haben und die ich hier zusammenfassen werde, weil sie mich auf ein paar Ideen zu dieser Geschichte gebracht haben.