Zu den neuen Kommentaren II

Ein zweiter Strang der Debatte führt bereits stärker in die Fiktion. Es geht um die Figuren, die sich aus dem realen Geschehen hervorzuheben beginnen. Da ist zum einen die „Clique“. Sollte sie aus mehr oder weniger Dropouts bestehen, Kids, die sich von der „Mitte der Gesellschaft“ schon verabschiedet haben. Anke findet das zu holzschnittartig. Man kann die Welt nicht in „Streber und Nichtstreber“ unterteilen. Eine gemischte Gruppe stellt sich auch L!nda vor, unterschiedliche Welten sollten aufeinandertreffen.

Die Frage ist auch, wer den Anstoß geben könnte. Das Wort „Rädelsführer_innen“ taucht auf. Muss es jemand aus einem „normalen“ Milieu sein, um Klischees zu vermeiden? Andere machen vielleicht mit, sie wollen dazu gehören, auch wenn sie das, was sie tun, eigentlich nicht richtig finden. Auch der Kick des Verbotenen könnte eine Rolle spielen.

Schließlich Elle. L!nda sieht sie nicht als Impulsgeberin, eher sollte sie „in die Sache reingezogen“ werden. Das ist eine Intuition. Woraus Figuren entstehen und ob sie mehr als Worte sind, wird uns hier bald beschäftigen.

Zu den neuen Kommentaren I

Die psychologische Seite der Tat beschäftigt die User stark. Gruppendynamik, Rausch, kollektiver Schock, Zugehörigkeitswünsche sind hier in etwa die Schlagworte. Dann die Wut, die extreme Zerstörung eines toten Körpers, wie sie in „“ geschildert wurde. Marla weist darauf hin, dass auch Sachbeschädigung, das Zerstören von Dingen, verstörend wirkend kann. Das unerklärliche Moment darin könnte angstauslösend wirken und die Gewalt so schlimmer erscheinen lassen. Ekel vor der Tat, der Tod als gesellschaftliches Tabu könnten zu den extremen Abwehrreaktionen beitragen.

Der Tote rückt als solcher in den Fokus. Vielleicht wurde er nicht mehr als Mensch wahrgenommen, schreibt L!nda, sondern als ekelhaftes Etwas, das die jugendliche Faszination bedingt hat. Anke befasst sich mit den Projektionen auf den Toten. Sie sieht ihn in einem Zwischenstadium, als Mensch noch definierbar über sein Gesicht oder seine Kleidung. Sie stellt sich vor, wie die Jugendlichen sich dem Toten nähern, nicht sicher sind, ob er noch lebt, gleichzeitig schon etwas Ekliges erwarten, „was man am Schuh gerade noch erträgt“. Und da ist noch die Frage nach der Transzendenz: Gibt es eine Seele? Oder vielleicht einen Geist …

Schließlich wieder der gesellschaftliche Aspekt – die Abwehr der eigenen, womöglich naturgegebenen Gewaltbereitschaft, indem man sie auf eine Gruppe, „die Jugendlichen“ schiebt. Auch der Horror vor der absoluten Schwäche und Schutzlosigkeit, die der Tod bedeutet, könnte zur starken Abwehrreaktion beitragen. Der nicht beerdigte Körper ist allem ausgeliefert.

Wann ist einer eigentlich tot II

In einer der hier geposteten Pressemeldungen der Polizei hieß es zum Toten von Traunreut: „Am Dienstag wurde der Tote als der seit 12.02.06 aus Traunreut vermisste Joachim Schulze identifiziert. Aufgrund eines in der Wohnung gefundenen Abschiedsbriefes musste von einem möglichen Suizid ausgegangen werden. Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Die Ermittlungen haben ergeben, dass der 49-jährige Mann entsprechend seiner Ankündigung nach intensivem Alkoholgenusses in der unmittelbaren Nähe des Fundortes verstorben und bewusst aus dem Leben geschieden war. Dies dürfte in zeitlicher Nähe mit seinem Verschwinden am 12.02.06 gewesen sein. Zusätzliche Abschiedsbriefe wurden bei der kriminalpolizeilichen Arbeit am Fundort aufgefunden.“

Vielleicht habe ich damals an einer anderen Stelle gelesen, dass es sich um einen Arbeitslosen gehandelt hätte. Jedenfalls hatte ich beim Gedanken an den Toten die Vorstellung von einem Mann, der aus allen Bindungen rausgefallen und alkoholkrank ist. Als ich den Bericht von Felix Speiser las, dachte ich: Wow, dieser lebendig Begrabene ist wie der Mann von Traunreut. Beide haben in ihrer Umwelt keinen anerkannten Platz mehr gefunden. Man hat sie ignoriert, wie tot behandelt. So streifen ja auch Obdachlose durch unsere Straßen, ohne dass wir sie wahrnehmen. (Dazu könnt ihr hier etwas lesen.) Sie haben keine Bedeutung für uns. So stelle ich mir diesen Mann vor. Er geistert durch die kleine Stadt und merkt, dass es keinen Unterschied macht, ob er lebt oder stirbt. Er übernimmt es selbst, sich aus dem Weg zu räumen, verbirgt sich im Wald und lässt sich erfrieren. Wochenlang bleibt er unbeerdigt liegen.

Wann ist einer eigentlich tot I

Zu Tod und Toten habe ich eine Reihe Bücher gelesen, um das Thema kulturell, sozial, historisch einordnen zu können. So kam ich über einen Aufsatz zum „sozialen Tod“ auf den Schweizer Ethnologen Felix Speiser. Der beschreibt in seinem Buch Südsee, urwald, kannibalen (1913) unter anderem die Insel Vao (gehört heute zu Vanuato, Melanesien) und ihre Bewohner. Dabei schildert er folgende gesellschaftliche Praxis: „Alte, die sich nicht mehr selbst helfen können, und die, weil nicht bei hoher Kraft, kein Ansehen genießen, sind leicht des Lebens müde und bitten sogar oft die Verwandten, ihrem mühseligen Dasein ein sanftes Ende zu bereiten. Blutenden Herzens tun es diese, indem sie die Alten nach einem letzten guten Mahle erdrosseln oder begraben.“

Der dortige Pfarrer habe einmal einen so lebendig Begrabenen „errettet und in einem Schiebekarren nach Hause gestoßen“. Der Mann, schreibt Speiser, „war durchaus gegen seinen Willen beerdigt worden, und zweimal war es ihm gelungen, sich aus der nur lose und oberflächlich aufgeworfenen Erde herauszuwühlen und zu den Seinen zurückzukehren. Die behandelten ihn aber einfach als Luft, ja als ein Gespenst, denn er sei ja begraben worden und habe durchaus kein Recht mehr, sich unter die Lebenden zu begeben. Man erklärte dem Unglückseligen, er sei eben tot, gab ihm nichts zu essen und begrub ihn das dritte Mal etwas nachhaltiger, so daß der Arme wohl wirklich gestorben wäre, wenn der Pater ihn nicht aus seinem Grabe erlöst hätte.“

Er verbrachte den Rest seiner Tage in der Missionsstation. Seine Landsleute ignorierten ihn weiterhin.

Eine Stadt unter Schock

Auch der ARD report berichtet 2006 im Internet über die Tat. Der Bericht enthält weitere Details. Ein Beamter der örtlichen Polizei wird wie folgt zitiert: „Man hat nicht erkennen können, an was der Mann gestorben ist, man hat ihn nicht identifizieren können. Nicht weil er verwest wäre, sondern durch die massiven Kopfverletzungen. Es sind Knochenteile weggesplittert, das Schädeldach war zertrümmert. Da war schon eine erheblich Gewalteinwirkung, gegen den Kopf und den übrigen Körper.“

Interessant sind auch Stimmen von Lehrern und Eltern. Ein Schulleiter habe gesagt: „Von einem Kind haben wir schon gesprochen, dem geht es sehr schlecht, es übergibt sich. Das zeigt schon, dass die nicht so abgebrüht sind, wie man sie gerne abstempeln würde, nach dem Motto, da ist eine Verrohung da.“

Die Eltern erscheinen in diesem Bericht ratlos, beschwichtigend, auch verständnislos. Befragte Jugendliche vom Ort hätten sich eher angewidert und abwehrend geäußert, Wörter wie „behindert“ oder „krank“ scheinen benutzt worden zu sein. Einer wird wie folgt zitiert: „Tote Leiche schänden, ich kenn den, hätt es nicht gedacht, find ich Scheiße.“

Auch ist hier zu erfahren, dass zwei (in einem anderen Artikel heißt es drei) der beteiligten Jugendlichen in Trostberg zur Schule gehen. report resümiert, was bleibe, sei das „Entsetzen über eine unverständliche Tat“.