Ist Junis glaubwürdig?

Liebe User,

nur dickeruebe hat auf meine Frage geantwortet, wie die Szene, in der Junis ein Geschenk für Elle kaufen will, weitergehen könnte. Er regte unter anderem an, „dass er [Junis] die Verkäuferin … ziemlich vorführt, im Grunde umgekehrt wie im Abschnitt davor. Z.B. könnte er sich einen Spaß daraus machen, dass er sagt, er will was kaufen, und dann die Verkäuferin ganz peinliche Sachen machen lässt – z.B. die Nudel anlegen oder irgendwelche Spielsachen vormachen, Tierlaute imitieren etc.“

Was ich aus dieser Anregung gemacht habe, lest ihr bald hier. dickeruebe meinte außerdem, er habe sich Junis „eher weich und ein bißchen weise“ vorgestellt. Was denkt ihr, ist Junis in dieser Szene glaubwürdig?

VI Das Tier (2)

Draußen mussten sie einen Bogen machen um eine tiefe, lange Treckerspur, die voll Wasser stand. Es war ein bisschen trüb, so eine Farbe wie frische grüne Kacke, aber vollkommen glatt – der graue Himmel spiegelte sich drin.

„Weißte was? Ich hab Elle erschreck‘ vorgessern. Bevor wir losgezo‘n sin, war ich beim Weiher. Da stand sie mit Junis und hat geknutscht. Ich hab mich im Wald versteckt und da hab ich so einen hohlen Stamm entdeckt. Da hab ich dann reingerufen“, er formte mit den Händen eine Art Röhre, „E-eeelle! – Eee-eelle! Die wuss‘n nich mal, aus welcher Richtung ‘s kam.“

„Sie hat immer Angst am Weiher. Haste das schon mal gemerkt? Ich glaub, sie wär fas’ mal reingefallen.“

Dennis’ Augen wurden schmal, er sagte aber nichts.

Valle ging mit ihm an dem ganzen langen Stall vorbei, in dem irgendwie über hundert Kühe standen. Das heißt, die latschten da rum, das war so ein Laufstall. Hundert Meter lang, ein Meter für jede Kuh. Und ein Melkstand, wo das Vieh selber reinging, um die Milch abzuliefern. Weil ihnen sonst die Euter wehtaten. Die Zitzen wurden von einer Maschine gewaschen, dann kamen so Becher dran, die sich festsaugten. Es gab eine Menge zu staunen für einen Jungen, der mit so was nicht groß wurde.

Entlang der Stallwand lag ein Haufen Zeug, halb verrottete, in aufgerissene Folie gewickelte Heuballen, Gitterboxen mit grau gewordenen Holzresten. Ein altes Mähwerk stand da mit schlapp runterhängender Antriebswelle und super verrostetem Blech, dann Rollen mit Schafsdraht und durcheinandergekommene Holzpfähle. Wieder eine Palette mit einer ollen Hundehütte drauf. Der Kälte zum Trotz schoben sich die ersten Brennnesseln aus dem Boden. Und immer wieder gab es Fahrspuren, die voll Wasser standen, zu tief, um einfach reinzutreten. Valle zog an einem Band seine Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete ein altes Vorhängeschloss. Der Riegel kratzte matt, als er ihn zurückschob.

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VI Das Tier (1)

 

„Heiß’ das, du has‘ nichts mitgebrach’?“

„Hell! Ich bin erwischt wor’n, wie soll ich n da was mitbring’?“

„Mann, Valle, ich kapier das nich. Wir ham es zehnmal geübt, oder?“

„Und ich hab alles so gemacht, okay? Die müssen’s gewussd’ ham. Dieser Typ hat mir richtig aufgelauert.“

„Nicht eine Flasche, Loser. Da muss Onkel Hell selbs noch mal ran.“

Dennis ließ die flache Hand über Valles Hinterkopf schrammen.

„So mach’ man das.“

Er zog den Reißverschluss an seinem Rucksack auf. Es klirrte leise, als er den Wodka rausholte, drei Flaschen mit blauen Labeln auf dem flachen Bauch.

„Das reich’ mal gerade für mich.“

„Die Polizei is hier gewesen.“

Dennis zuckte. Es sah aus, als würde er die Flaschen wieder in den Rucksack stecken wollen. Voll gefährlich, wenn die Bullen sich hier umschauten.

„Im Erns?“

„Ja, sie ha’ mich nach Hause gefahren. So ham sie ’s genannt.“

„Wenn sie’n gansen Kram hier fin‘, sin wir im Arsch.“

„Die wür’n ne Hundertschaft brauchen, um hier was zu fin‘. Der Hof is riesig.“

„Glaub nich, dass die vollkomm’ blöd sind.“

„Die wür’n eine Woche brauchen.“

„Sie wür’n denken: n altes Haus, das leer steht, ist doch n perfektes Versteck. Sie wür’n deine Fußspuren im Staub sehen.“

„‘s war derart daneben, Hell. Ich mein: Sie konnten ja nichts machen. Nur mich hier abliefern und mit mein’ Eltern sprechen.“

„Was ham die gesagt?“

„Streng! Ich muss ein’ Monat lang voll mithelfen. Und darf nicht weg außer zur Schule.“ Valle lachte. „Das mach’ aber nichts. Die krie‘n eh nichts mit.“

„Ehrlich, Valle, ‘s gefällt mir nicht. Wenn dein Vater jetz anfängt, dir hinterher zu schnüffeln –“

„Tut er nich. Dafür hat er gar keine Zeit.“

„Deine Mutter?“

„Die ers’ recht nich.“

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Lehrer Denner II

Denner unterrichtet Bio und Sport. Er ist ein gutaussehender, trainierter Typ Anfang dreißig, tut in Sport ein bisschen zackig, hat die nötige Autorität, ist im Grunde aber nett oder den Schülern zugewandt. Er läuft gern in Sportklamotten rum, was im Kollegium nicht alle gut finden.

Denner glaubt, dass er bei seinen Schülern durchblickt, wer wie tickt usw. Das macht ihn leicht besserwisserisch. Die Mädchen stehen auf ihn und er bildet sich nicht wenig darauf ein, dass sie „alle in ihn verknallt“ sind. Den Jungs gefällt das nicht, und sie unken, er sei bestimmt schwul, weil er keine Frau oder Freundin hat. Er macht das im Unterricht zum Diskussionsthema. Insgesamt ist er ein engagierter Pädagoge, der sich um die eher schwierigen Kinder kümmert und sie nicht einfach links liegen lässt.

Elle mag er besonders. Sie arbeitet – übrigens nur in seinem Unterricht – mit oder folgt aufmerksam. Sie macht auch gern Sport, nur nicht Ballspiele. Wenn sie sich entschuldigen lässt, nimmt er ihr das ab, währen er andere öfter kritisiert. Wenn sie von Mitschülern schlecht behandelt wird, nimmt er sie in Schutz. Denner appelliert an Elles erwachsene Seite. Er traut ihr zu, Verantwortung für sich, aber für andere(s) zu übernehmen. Aber er fühlt sich von ihr auch angezogen, vielleicht betont er deshalb gern das Erwachsene an ihr.

Denner bietet eine AG an, vielleicht eine besondere Sportart? Eine Handvoll Schüler, die da mitmachen, lädt er schon mal auf ein Eis oder eine Pizza ein. Sie fahren mit ihm im Auto und waren auch schon mal bei ihm daheim. Das erleichtert es Elle, Vertrauen zu Denner aufzubauen. Gibt es auch eine Flirt-Ebene zwischen den beiden? Möglicherweise könnte es an einer Stelle eine unklare Situation geben, wenn Elle nach der Tat zu Denner kommt und er die Ebenen vertauscht. Das würde ihm anschließend sicher peinlich sein, weil er Pädagoge versagt hat.

Die Tat seiner Schüler erlebt Denner nicht mit der Abwehr, wie wir sie aus den Foren kennen. Er hat kein Verständnis, aber Mitleid oder wenigstens den Impuls, die Schüler zu schützen, ihre Anonymität zu wahren. Er könnte versuchen, das Geschehen zum Unterrichtsthema zu machen, und müsste einsehen, dass das gar nicht funktioniert. Ich stell mir vor, dass Elle zu ihm geht, als sie mit dem Geschehenen nicht klar kommt und ihre Beteiligung von der Mutter ausgeschlossen wird, sie bei Betse nicht darüber sprechen kann. Denner überredet sie, zur Polizei zu gehen, und überzeugt sie davon, dass es kein Verrat ist, das zu tun.

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Die ältere Freundin: Betse II

Betse (Elisabeth) ist schon Ende zwanzig. Sie hat häufig auf Elle aufgepasst, als die noch ein kleines Kind war. Bis heute haben die beiden einen guten Kontakt, besonders gern gehen sie zusammen ins Kino oder Betse lädt Elle zum Äthiopier ein – alles in der ohne Auto schwer zu erreichenden großen Stadt.

Betse ist ein heller Typ, vielleicht ein bisschen anämisch, nicht sehr groß, dünn, mit einer aufwärts gebogenen Nase. Sie hat studiert und arbeitet im sozialen Bereich. Sie will, dass die Welt besser wird, und glaubt, dass das mit Vernunft machbar sei.

Ich stelle sie mir sehr geordnet vor – ein Leben ohne große sichtbare Krisen, ohne besondere Höhen oder Tiefen – Schule ok bis gut – ein fester Freund oder Verlobter, evtl. Gläubigkeit – rein visuell mit einer gewissen Kargheit umgeben. Dabei setzt sie kleine Akzente mit Schmuck oder Schminke, auch in der Einrichtung. Nichts wirkt da zufällig.

Für Elle ist Betse eine Gegenfigur zu ihrer leicht chaotischen, lebensüberforderten Mutter, sie ist die bevorzugte Ansprechpartnerin bei Konflikten und Problemen. Allerdings gibt es Grenzen des Vertrauens, Elle spürt, dass sie mit den dunklen, abseitigeren Sachen nicht kommen kann.

Betse ist schwanger, man sieht ihren Bauch allmählich. Sie ist mit den Vorbereitungen auf ihre Hochzeit beschäftigt und macht das alles ganz konservativ:  Kataloge und Webseiten wälzen, Listen machen, Location wählen, Essen aussuchen, Kleid aussuchen etc. Das teilt sie mit Elle, die beiden fahren vielleicht zusammen zu einem Brautmodengeschäft o. ä. Sie ist mit dem Studium, mit dem Referendariat fertig (Wird sie sogar Anwältin? Da könnte Elle versuchen, aus ihr ein paar juristische Sachen rauszukriegen) – und wir erleben sie so, vielleicht auch mit einem kleinen Schock, weil sie plötzlich Angst um ihren Verlobten hat (Ist er untreu? Liebt er heimlich eine andere?), das stellt sich jedoch als harmlos heraus.

Elle ist aus Betses Sicht ein gutes Mädchen, nur in einer schwierigen Lebensphase. Sie fühlt eine grundlegende Sympathie, vielleicht sogar Liebe zu der Jüngeren, die sie fast von Anfang an kennt, und teilt Elles Kritik am Leben der Mutter, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel (Sie kennt schon „das Leben“ und die Zwänge des Erwachsenseins). Nach der Leichenschändung, die sie zunächst nicht glauben will, wird diese Sicht aber (vorübergehend?) erschüttert: Vielleicht ist Elle doch tief gestört?

Von der Clique weiß Betse nicht viel, eigentlich nur aus dem wenigen, was Elle ihr erzählt. Das ist womöglich nur belangloses Zeug. Dass sie zusammen saufen und kiffen, würde Elle Betse nicht erzählen. Sie genießt es hier eher, das „gute Mädchen“ zu sein.

Betses Gläubigkeit bleibt eine Option für die Geschichte. Sie könnte eventuell zum Tragen kommen, indem Betse an bestimmten Stellen ihre etwas andere moralische Einstellung zum Ausdruck bringt. Sie könnte Elle auch einladen, zu dem ein oder anderen christlichen Event zu kommen, aber keinesfalls mit missionarischem Eifer. Fundamental wäre ihre Einstellung zum Tod, das klare Ablehnung einer Verbindung zwischen den Welten von Lebenden und Toten. Interessant scheint mir auch die Frage, ob eine gläubige Betse vielleicht sogar eine „saloppere“ Einstellung zur Leichenschändung haben könnte, insofern sie den entseelten Körper als den unwichtigen Teil des Menschen empfindet und etwa sagt: Ihr habt dem nicht wirklich etwas getan. Es war nicht in Ordnung, einen Toten so zu behandeln, aber seiner Seele konntet ihr nichts anhaben.

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