Was ist eine literarische Figur II

Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph William Gass hat sich in den 1970ern mit der Konzeption von Figuren in der fiktionalen Literatur beschäftigt (The Concept of Character in Fiction). Für ihn sind Figuren in einem literarischen Text ein wesentlicher Bestandteil der Schreibkunst: Sie verankern – wenn sie gut sind – im Gedächtnis der Lesers ein strahlendes, menschenartiges Bild.

Gass stellt sich gegen die gängige „realistische“ Auffassung von literarischen Figuren, etwa den Gemeinplatz, dass ein starker Plot seine Figuren forme. Gib denselben Plot einem anderen Autor, sagt Gass, und es werden völlig andere Figuren entstehen. Ebenso bezweifelt er, dass literarische Figuren feststehende Wesensmerkmale („traits“) besitzen müssten. „Gebt euren fiktionalen Geschöpfen Eigenschaften, Psychologien, Handlungen, ein Betragen, Stimmungen; zeigt sie von außen oder von innen; lasst die Wirtschaft eine Rolle spielen, die Erziehung, die Sitte, die Geschichte; lasst den Geist sie wässern wie ein Gartenschlauch: alle und keine Herangehensweise bringt es.“

Wer literarische Figuren für lebendig halte, sei entweder betrunken, schlafe oder sei verrückt. Gass fragt: „Wie sehen wir, wenn wir durch ein Wörterglas spähen?“ Mit dem „glass of words“ meint er eine Art Fernglas, bei dem Wörter dafür sorgen, dass man schärfer als normal sieht. Gass geht davon aus, dass wir uns beim Lesen (wie im Leben) bildliche Vorstellungen machen, dabei aber höchst selektiv, unpräzise, vage und allgemein bleiben. Selbst bunte Imaginationen seien grau.

Im Hinblick auf eine Figur aus dem Roman The Awkward Age von Henry James  stellt er die Frage: „Was [und nicht „wer“!] ist Mr. Cashmore?“ Gass schlägt eine Reihe von Antworten vor, bei denen er (entgegen der kritisierten Auffassung einer Figur als lebendig), das Sprachliche betont. Zunächst ist „Mr. Cashmore“ ein Laut. Weiter handelt es sich um einen existierenden Namen oder ein komplexes Ideensystem. Auch „ein Instrument verbaler Organisation“ und „eine Quelle verbaler Energie“, schlägt Gass vor. Aber Mr. Cashmore sei keine Person, kein Objekt der Wahrnehmung, und nichts, was Personen angemessen wäre, könne von ihm gesagt werden. Er ist demnach kein Mensch aus Fleisch und Blut. Literarische Figuren, folgert Gass, seien im Wesentlichen leere Leinwände.

William Gass stemmt sich gegen eine Übertonung der Bildkraft in der Literatur. Dieser ungenauen und zur Verlangsamung neigenden Eigenschaft stellt er die lautlichen und bedeutungstragenden Qualitäten von Wörtern oder auch Namen entgegen. Namen seien die einzige Möglichkeit für einen Autor, einem Wort eine frische Bedeutung zu geben. Die Figuren seien im sprachlichen Gebilde eines Romans die Ursubstanzen, an denen alles Weitere festgemacht sei. Im Unterschied zu uns, die wir existieren, sei ihnen ein reines Sein beschieden.

Holger

Es gibt einen älteren Jungen, für den Elle schwärmt. Ich habe noch keine genaue Vorstellung von ihm. Zunächst dachte ich, er wäre so ein subkultureller Supertyp, der wirklich anders lebt und nicht nur nachmittags ein bisschen so tut. Er könnte aber ein konträrer Typ sein, der sie einfach überzeugt, weil er das ist, was er lebt.

Er ist schon älter, geht auf eine andere Schule oder geht schon arbeiten. Jedenfalls hat er ein Auto (während Elle noch von der Vespa träumt, gerade den Führerschein macht). Zu Elle ist er freundlich, zugewandt, sie rätselt immer, ob er sich in sie verlieben könnte oder ob er in einem anderen Universum lebt. Er hat sie und Sophie mal in einen Club mitgenommen, einfach aus Nettigkeit, vielleicht hat er ihnen einen Drink spendiert, aber nicht versucht, sie anzumachen. Vielleicht lässt seine Freundin ihn gerade sitzen und Elle träumt davon, sie könnte der Grund sein?

Was denkt ihr: Steht Elle eher auf einen Typen, der ganz anders drauf ist als sie, auch äußerlich, oder einen, den sie ähnlich findet? Fühlt sie sich ihm gegenüber klein und unreif oder holt sie sich über diesen Kontakt das Gefühl, reifer und weiter zu sein als ihre sonstigen Freunde? Und woher kennen sich die beiden?

Mit Holger ist die Reihe der Figuren erst mal relativ vollständig. Ich will demnächst ein Roundup machen und die Figuren mithilfe eurer Beiträge weiter definieren.

Der Tote: Frank

Frank hat viele Jahre als Hilfskraft in einer Wäscherei gearbeitet. Er galt dort als Einzelgänger, der kaum redete und mit niemand außerhalb der Arbeit Kontakt hatte. Auch die Nachbarn kannten ihn kaum. Er lebt in einer Souterrainwohnung, um nicht zu sagen in einem Keller, in einer der schlechteren Ecken der Stadt. Dort verbrachte er den größten Teil der Zeit allein.

Immer häufiger sah man ihn aber an einem Kiosk mit ein paar Asis trinken. Frank war alkoholkrank. Wegen Trunkenheit verlor er im Jahr vor seinem Tod den Arbeitsplatz. Auch seine einzige vertraute Bezugsperson, die Inhaberin einer kleinen Pension am Ort, starb mit Mitte fünfzig.

Frank hatte ein paar seltsame Gewohnheiten. Er kaufte immer dieselben Lebensmittel ein, nie schein es eine Abwechslung zu geben. Aber er zog beim Einkaufen Stapel von ollen Zetteln aus seinen Taschen, in denen er seine Einkaufliste suchte und sich dabei verwirrte. Er ging immer um alle vier Ecken, bevor er das Haus betrat, in dem er wohnte.

Er war ein schmächtiger, beinah feingliederiger Mann mit schon grauen Haaren und einem etwas unregelmäßigen, kurzen Bart. Niemand hätte ihn für suizidal gehalten. Aber gegen Ende des Winters kaufte er mehrere Flaschen Wodka, schrieb mehrere Abschiedsbriefe und ging während der kältesten Zeit in das Wäldchen hinter den Schrebergärten. Dort trank er so lange weiter, bis er das Bewusstsein verlor. Der tote Körper wurde vom Schnee begraben, der noch in der Nacht zu fallen begann.

Wie sieht es in Franks Wohnung aus? Ist er ein Typ, den man als sozial tot auffassen könnte – jemand, den seine Umgebung einfach übersieht, solange er nicht auffällig wird?

> Zur zweiten Version von Frank

Eine frühere Freundin: Sophie

Sophie ist Elles frühere Freundin. Die beiden kennen sich seit der Grundschule, haben sich aber in der Pubertät auseinander entwickelt. Sophie ist ein bisschen konsumistisch, sie trägt gern Markenklamotten, kann sich aber längst nicht alles leisten, was sie gern haben möchte. Sophie schminkt sich und macht sich die Nägel nach YouTube-Anleitungen. Elle findet, dass sie wahnsinnig gut aussieht, nur leider den falschen Style hat. Ein bisschen beneidet sie Sophie, weil sie einen festen Freund hat und keine Probleme mit ihrer Familie. Auch in der Schule ist Sophie besser, obwohl sie nicht strebermäßig lernt. Umgekehrt zieht Sophie an Elle das provokantere Auftreten und die Verbindung zur Subkultur an. Und Sophie macht Sport, sie geht in irgendeinen Verein.

Als sie zu Elles Geburtstagsparty eingeladen wird, freut sie sich zuerst und will kommen. Dann erfährt sie, dass die Feier auf dem alten Bahngelände stattfinden soll. Deshalb und weil Dennis mit dabei sein wird, lehnt es ab zu kommen. Elle ist enttäuscht.

Hängen Elle und Sophie nur in der Schule noch zusammen rum, weil sie die gleichen Fächer haben, oder sehen sie sich auch außerhalb? Wenn ja, wo und wie? Kann sich Elle Sophie anvertrauen, zum Beispiel in Liebesdingen, weil sie ja nicht so viele Freundinnen hat? Sind Sophies Eltern vielleicht irgendwie skeptisch, was die Freundschaft der beiden betrifft, weil sie Elle so düster finden? Wie findet Elle Sophies Freund, kennt sie ihn überhaupt?

Was ist eine literarische Figur I

Seit einigen Tagen sind wir dabei, uns über die Figuren dieser Geschichte zu unterhalten. Dabei machen wir – ziemlich selbstverständlich – mehrere Voraussetzungen. Zum Einen, dass es eine Geschichte gäbe. Das ist naheliegend, weil der Text auf einer wahren Begebenheit aufbauen soll. Echte Menschen haben wirklich etwas getan. (Das lässt sich natürlich auch infrage stellen, aber wir setzen hier mal ein alltagstaugliches Konzept von Realität voraus.) Zum anderen setzen wir voraus, dass die Figuren in der Geschichte uns ähnlich sind. Sie haben Namen, sie haben Familien, Freunde, sie wohnen an bestimmten Orten.

Diese Vorstellungen helfen uns vermeintlich dabei, die Ereignisse plausibel zu machen. Gleichzeitig sind wir aber mitten in einem Prozess, der zu einem gegebenen Ereignis plausible Figuren zu finden versucht.

Aber was macht eine literarische Figur (im Kontext eines irgendwie dem Realismus verpflichteten Erzählens) aus? Muss sie eine Haarfarbe haben, einen sozialen Background? Muss man ihre Nase kennen, ihr Herz? Wissen, wie oft sie sich wäscht oder ob sie Spinat mag? Ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt oder die Wiedergeburt?

Der englische Autor E. M. Forster (Wiedersehen in Howards End, Zimmer mit Aussicht) hat sich damit beschäftigt. In einer Reihe von Vorträgen, 1927 unter dem Titel Aspects of the Novel erschienen, stellt er eine Thesen über literarische Figuren auf, die er schlicht „people“ nennt. Damit ist ein wesentlicher Punkt schon impliziert: Für ihn sind literarische Figuren Menschen („human beings“), jedenfalls geben sie das vor.

Aber Forster weiß auch, dass Figuren im Grunde Wort-Anhäufungen („word-masses“) sind. Sie haben weder Fleisch noch Blut. Der Autor gibt ihnen Namen, stattet sie mit einem Geschlecht und plausiblen Gebärden aus, lässt sie in wörtlicher Rede sprechen. Sie sind immer abhängig von den eigenen Denkmöglichkeiten des Autors. Im Unterschied zu realen Menschen werden literarische Figuren laut Forster vom Leser vollständig erfasst – der Autor enthüllt ihre verborgenen Seiten sowie deren Ursprung. Sie können Einflüssen von außen unterliegen, die ihr Leben und ihre Persönlichkeit verändern. Aber sie müssten, sagt Forster, keineswegs die Komplexität und Vollständigkeit eines lebenden Menschen besitzen, zum Beispiel benötigten sie keine Drüsen.

Erzählende Literatur enthüllt das, was uns sonst an unserem Mitmenschen verborgen oder rätselhaft ist. So verstehe ich Forster, der selbst etwas nebulös schreibt, Literatur gehe über das Offenkundige am Menschen hinaus. „Und darum“, heißt es bei ihm, „können Romane uns trösten, selbst wenn sie von bösen Leuten handeln, sie behaupten eine leichter verständliche und somit leichter zu handhabende Menschheit …“ (Diese Rohübersetzung habe ich übrigens selbst vorgenommen, weil die, soweit ich sehe, einzige deutsche Ausgabe von 1949 mir nicht vorliegt.)

Praktisch unterscheidet Forster zwischen flachen und runden Charakteren. Die flachen ließen sich in einem Satz zusammenfassen, sie seien meist komisch, da sie als tragische Figuren langweilig wirkten. Der runde Charakter dagegen sei in der Lage, den Leser auf überzeugende Weise zu überraschen. Sie erweckten den Eindruck, mehr zu sein als das, was man von ihnen im Roman lesen könne.

Das Buch ist neunzig Jahre alt, und seitdem (auch damals schon) ist in der Literatur viel ausprobiert worden. Es gibt Bücher mit Figuren, die nicht konsistent sind, also etwa ihren Charakter wechseln. Es gibt Figuren, die entgegen unserem psychologischen Verständnis funktionieren, die in ihrem Verhalten unerklärlich bleiben und uns doch faszinieren. Es gibt Figuren, die nur noch A oder B heißen oder ganz namenlos und ohne festen Standpunkt bleiben.

Deshalb war ich erstaunt, wie viel Forster in dem enthalten ist, was wir bis jetzt zu den Figuren in Der gefundene Tod geschrieben haben – vor allem die Forderung nach Konsistenz und Ebenbildlichkeit ist stark. Flache Figuren scheinen dagegen etwas aus der Mode zu sein.

Aber vielleicht ist eine literarische Figur auch schnell überdeterminiert? Verliert sie ihr Geheimnis, wenn man zu viel über sie sagt (und braucht sie andererseits ein Geheimnis)? Ist es gut oder schädlich für einen Autor, mehr über die Figuren zu wissen als sich später im Text niederschlägt? Ist das überhaupt möglich?