Die Suche nach Ursachen II

Der Kriminologe Christian Pfeifer äußerte seinerzeit Bayern heute gegenüber die Vermutung, dass die Traunreuter bzw. Trostberger Jugendlichen aus Gruppenzwang gehandelt hätten. Er brachte ihre Handlungen mit ihrem Medienkonsum in Verbindung: „Wenn sie beispielsweise Horrorfilme angeschaut haben – darin werden Leichenschändungen dargestellt.“ Es könne gut sein, dass die Enthemmung mit solchen Freizeit-Aktivitäten zusammenhänge.

Der Zusammenhang zwischen Konsum von Gewaltdarstellungen über Filme oder Spiele und tatsächlicher Gewaltbereitschaft wurde meiner Erinnerung nach in diesen Jahren allgemein stark diskutiert.

In den Wasserburger Nachrichten erschien ein Artikel, der dagegen sprach. Schlagworte wie Gruppendynamik und Fernseh-Konsum seien spekulativ, wurde der örtliche Jugendamtsleiter zitiert. Auch die damalige Leiterin einer Jugendberatungsstelle in Freilassing äußerte sich demnach zurückhaltend. Man müsse die Situation der Jugendlichen kennen und dürfe nicht alle über einen Kamm scheren. Frust, Langeweile, Perspektivlosigkeit ohne Ausbildungsstelle, Gewaltvideos, Werteverlust, Enthemmung durch Alkohol, Familienverhältnisse seien Faktoren, die man sich anschauen müsse, ohne von vornherein eine Ursache zu benennen. Die Forschung könne nicht feststellen, dass Jugendliche immer gewaltbereiter würden. Allerdings hätten sich die Bedingungen, unter denen sie aufwüchsen, stark verändert.

Ein wenig spekulierte sie selbst auch, jedenfalls wurde sie mit den Worten zitiert: „Wenn das Leben mit nichts anderem erfüllt ist, sucht man sich den Kick in so einer Mutprobe.“

Nachricht an die Leser I

Liebe Kommentatoren,

zunächst mal: ganz herzlichen Dank für eure Beiträge! Ich bin bewegt von euren Schilderungen der Erfahrung, die ihr mit Sterben und Tod gemacht habt.

Ihr fragt, warum ich ein Mädchen zu Hauptfigur machen will. Zunächst zum Hintergrund: Bei den Traunreuter Ereignissen waren viele Jugendliche beteiligt, soweit ich mich erinnere, über zehn. Mindestens ein Mädchen war Zeugin der Tat, dazu kommt bald noch ein Post, in dem ich einen alten Bericht von „report“ zusammenfasse. Nun will ich mich von diesem „Fall“ ja abstoßen und eine Geschichte erzählen, in der mir Freiräume bleiben und ich nicht mehr oder weniger dokumentarisch arbeite.

Die Entscheidung für Elle habe ich intuitiv getroffen. Ich denke aber, sie hat damit zu tun, mich von diesen realen Ereignissen literarisch zu distanzieren. Sie hat auch den Vorteil, nicht zu sehr mit eigenen pubertären Befindlichkeiten zu arbeiten und eben mehr auf eine Figur zu schauen.

Mit der Psychologie des Traunreuter Geschehens bin ich vorsichtig, weil ich keinen der Beteiligten kenne, auch nicht ihr Umfeld oder Ähnliches. Auch da möchte ich lieber meine eigenen Figuren mit ihrer Psychologie entwickeln.

Sehr spannend finde ich den Hinweis auf die Geschlechterrollen, diese Zuschreibung auch, welches Geschlecht welche Art von Verhalten zeigen soll. In diesem Zusammenhang erschiene es noch krasser, wenn es ein Mädchen ist, das „so was“ macht. Dass Elle die Hauptfigur ist, heißt aber nicht, dass sie auch beim Geschehen eine führende Rolle hatte. Daran arbeite ich als Nächstes, die Figuren mehr zu konturieren.