VIII Die Blessur (1)

Nie zuvor hatte in Betses Wohnzimmer eine solche Unordnung geherrscht. Der Schreib- und der Esstisch waren gleichermaßen mit Büchern, Zeitschriften und Fotokopien übersät, aus den Stapeln leuchteten bunte Einmerker hervor, vieles lag aufgeschlagen da. Auf dem Bildschirm ihres Notebooks hafteten beschriebene Zettel, die Tastatur war unter einem großen blassgelb und -blauen Polsterumschlag verschwunden, der etwas Größeres enthalten haben musste, denn er bildete eine schiefmäulig offenstehende Höhle, wirkte dabei jedoch, als würde sich in ihm schwerlich anderes finden lassen als dunkle Luft. Elle räumte einen Katalog für Babykleidung von einem Stuhl und setzte sich an den Esstisch.

Nach und nach bemerkte sie die Ordnung im Chaos. Auf der linken Tischseite schien sich alles zu stapeln, was irgendwie mit Babys zu tun hatte. Rechts, auf der Wandseite, lagen die Brautmodenkataloge, die Hochzeitsplaner und Catering-Angebote. Sogar eine handgeschriebene Mindmap war zu sehen. Im Übrigen war alles so ordentlich wie immer. Die vier Stühle standen gerade und im gleichen Abstand vom Tisch, das Chromrohr blitzte wie vor fünf Minuten geputzt. Auf dem mit blauem Velours überzogenen Sofa war keine Kuhle, nicht mal eine Falte zu sehen und die Kissen standen in regelmäßigen Abständen mit dem üblichen Kniff in der Mitte da. Auf der glänzenden Oberfläche des Sideboards lag kein Staub, die Türen waren wie immer alle geschlossen. Und immer noch hing nur ein einziges Bild an den Wänden, abstrakt, farblich und mit dem ebenfalls verchromten Rahmen exakt auf die Möbel, die zartgrauen Wände, den dunklen Laminatboden abgestimmt.

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Die ältere Freundin: Betse III

Betse (Elisabeth) ist Ende zwanzig. Sie hat häufig auf Elle aufgepasst, als die noch ein kleines Kind war. Bis heute haben die beiden einen guten Kontakt, besonders gern gehen sie zusammen ins Kino oder Betse lädt Elle zum Äthiopier ein – alles in der ohne Auto schwer zu erreichenden großen Stadt.

Betse ist ein heller Typ, vielleicht ein bisschen anämisch, nicht sehr groß, dünn, mit einer aufwärts gebogenen Nase. Sie hat Gerontologie studiert und arbeitet im „Seniorenzentrum Vierweg“ – auch als „die Gruft“ bekannt. Sie will, dass die Welt besser wird, und glaubt, dass das mit Vernunft machbar sei.

Ihr Leben ist ohne große sichtbare Krisen verlaufen, in der Schule und im Studium war sie gut. Sie ist von einer gewissen Kargheit umgeben, besitzt nicht sehr viele, aber die üblichen Dinge (Möbel: Stühle mit Stahlrohrrahmen, Sofa blaues Velours). Dabei setzt sie kleine Akzente, z.B. hat sie genau ein Bild an der Wand hängen. Sie kleidet sich einfach, trägt nur ein Schmuckstück, schminkt sich nicht, außer mit Wimperntusche … Nichts wirkt da zufällig.

Zur Zeit der Haupthandlung ist Betse schwanger, man sieht ihren Bauch allmählich. Sie bereitet ihre Hochzeit vor, wälzt Kataloge und Webseiten, macht Listen, sucht Essen aus, denkt über ein „praktisches“ Kleid nach. Dabei bindet sie Elle ein.

Für Elle ist Betse eine Gegenfigur zu ihrer leicht chaotischen, lebensüberforderten Mutter, sie ist die bevorzugte Ansprechpartnerin bei Konflikten und Problemen. Allerdings gibt es Grenzen des Vertrauens, Elle spürt, dass sie mit den dunklen, abseitigeren Sachen nicht kommen kann.

Elle ist aus Betses Sicht ein gutes Mädchen, nur in einer schwierigen Lebensphase. Sie fühlt eine grundlegende Sympathie, vielleicht sogar Liebe zu der Jüngeren, die sie fast von Anfang an kennt, und teilt Elles Kritik am Leben der Mutter, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel (sie kennt schon „das Leben“ und die Zwänge des Erwachsenseins). Nach der Leichenschändung, die sie zunächst nicht glauben will, wird diese Sicht aber (vorübergehend?) erschüttert: Vielleicht ist Elle doch tief gestört?

Von der Clique weiß Betse nicht viel, eigentlich nur aus dem wenigen, was Elle ihr erzählt. Das ist womöglich nur belangloses Zeug. Dass sie zusammen saufen und kiffen, würde Elle Betse nicht erzählen. Sie genießt es hier eher, das „gute Mädchen“ zu sein.

Betses Gläubigkeit bestimmt ihre Einstellung zum Tod, den Glauben an ein Jenseits, die klare Ablehnung einer Verbindung zwischen den Welten von Lebenden und Toten. Sie könnte sogar eine „saloppere“ Einstellung zur Leichenschändung haben, insofern sie den entseelten Körper als den unwichtigen Teil des Menschen empfindet und etwa sagt: Ihr habt dem nicht wirklich etwas getan. Es war nicht in Ordnung, einen Toten so zu behandeln, aber seiner Seele konntet ihr nichts anhaben.

> Zur ersten Version von  Betse

> Zur zweiten Version von Betse

Über die Neufassung von „Die Scheidelinie“

Liebe User,

ihr fragt, warum ich den Abschnitt „Die Scheidelinie“ gestrichen habe. Er hat mir aus zwei Gründen nicht gefallen. Zum einen steht der mysteriöse Stoß in den Rücken am Anfang des Abschnitts. Dadurch fühlte ich mich genötigt zu erklären, dass Elle gar nicht überrascht ist von dieser Handlung. Das erschien mir später unglaubwürdig. Zum anderen hat sich der Abschnitt vom „Stoß“ aus zu einer Beschreibung Vierwegs in zehn Jahren entwickelt, die ich für sich zwar wichtig finde, die aber kein Momentum hat. Salopp gesagt: Da passiert nichts mehr. Ich hoffe, dass ich diese Schwierigkeiten in dem neuen Abschnitt „Überraschung“ überwinden konnte, indem ich den Stoß ans Ende gestellt und den Abschnitt insgesamt so verändert habe, dass er die Handlung voranbringt. Schließlich habe ich den Friedhof als Ort gewählt, weil ich ihn für die Geschichte weniger beliebig finde.

Ein Wort noch zum Ton: Da fehlt es klar noch an Tuning. In der Neufassung dieses Abschnitts habe ich den Erzähler diesmal keine Faxen machen lassen.

Spielfigur Wunsiedel: Nudelszene

Neben der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule in München wird sich in Kürze noch eine weitere Klasse im Rahmen der Kategorie Spielfigur am Netzroman beteiligen, die 10e des Luisenburg-Gymnasiums in Wunsiedel. Zur Vorbereitung haben die Schülerinnen und Schüler bereits eigene Versionen der „Nudelszene“ und  der „Schulszene“ erarbeitet.

Während die alte mürrische Verkäuferin die Tierchen weiterhin der Größe und dem Herkunftsland nach sortierte und der Frage von Junis keine Beachtung schenkte, machte er auf sich aufmerksam, indem der tollpatschige Jugendliche sich beim Benutzen der Nudeln dämlich stellte.

Die Atmosphäre zwischen der Verkäuferin und Junis war längst nicht mehr von der Sympathie und der Euphorie geprägt, stattdessen lag ein Hauch von Wut in der Luft.

Diese Wut wurde von der Alten ausgestrahlt, als sie den Tornado in die Kammer zurückstellte, die Arbeitskleidung wieder herrichtete und sich auf dem Weg machte, um Junis, der bereits am Verzweifeln war, zu helfen.

Dieser stand immer noch teils fragend und teils frustriert vor dem Regal des Schwimmzubehörs.

„Wie alt ist denn deine Schwester?“, fragte die genervte alte Verkäuferin plötzlich.

„Sie wird dieses Jahr sechs und ich soll ihr das Schwimmen beibringen“, teilte Junis ganz locker mit, während er darauf achtete, dass er sich auch ja glaubwürdig anhörte.

Die Verkäuferin betrachtete ihn einen kurzen Moment lang mürrisch und skeptisch, ehe sie eine rosa Nudel, die in etwa so groß wie Junis war, aus dem Regal herausnahm.

Noch bevor die alte Frau ihm die Schwimmnudel überreichen und dann endlich Feierabend machen konnte, bat Junis sie, ob sie ihm möglicherweise demonstrieren könnte, wie man solch eine gewöhnliche Nudel richtig verwendet.

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