IV Septum, Helix, Nabel (1)

Das Wohnzimmer war schon lange Elles Zimmer. Sie erinnerte sich kaum an die Zeit davor.

„Lass uns das Haus aufteilen“, hatte ihre Mutter Madlen gesagt, nachdem ihr Vater verschwunden war. Sie zog in den ersten Stock, Elle bekam das Erdgeschoss. Ein riesen Zimmer, um das alle sie beneideten. In dem riesen Zimmer war ein riesen Fenster, aus dem sie direkt in den Garten sehen konnte, die Fensterbank nicht höher als ein Stuhl. Es gab nicht nur das Fenster, es gab auch eine Tür. Die ließ sich seit irgendeinem super nassen Herbst nicht mehr öffnen. Laut Schreiner würde es einen Tausi kosten, das zu richten, eigentlich müsste man eine neue Tür einbauen. So viel Geld war nicht übrig, weil Madlen den Kredit für die Haushälfte seit zehn Jahren allein abstotterte. Elle störte das nicht. Sie spazierte bei Bedarf einfach durchs Fenster. Außer dem früheren Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss nur noch die Küche und Alice’ kleines Zimmer. Aber Alice war bloß in den Ferien mal da. Elle hatte ihre eigene Zone, sogar ihr eigenes Bad. Allerdings musste sie es selbst putzen.

Sie wohnten in der nördlichen Hälfte eines Doppelhauses. Jemand sagte mal, er habe noch nie eine dämlichere Aufteilung für ein Doppelhaus gesehen. Die eine Seite nach Norden, die andere nach Süden. Der Nachbar kriegte die ganze Sonne ab, sie selbst nur ein bisschen. Der Nachbar mähte jede Woche den Rasen und schnitt die Sträucher zurück. Madlen ließ alles wachsen.

Wenn sie aus dem Fenster kuckte, sah Elle einen Urwald. Dass es ein nördlicher war, kühl, dunkel, nass, machte ihr nichts. Sie hockte auf der Fensterbank, eine Teetasse zwischen den Beinen, und tippte etwas auf ihrem Phone. Ihr Gesicht wirkte angespannt, das kam, weil sie über die Salis schrieb. Nach einer Minute hörte sie auf. Zarte Schwaden stiegen aus der Tasse und zogen durchs gekippte Fenster ins Freie. Urwald, Regenwald, draußen pfiffen die Vögel. Das Tageslicht schwand dahin.

Die Ecken ihres Zimmers standen voller Pflanzen, die bis zur Decke reichten. In der Dämmerung wuchsen sie mit ihren Schatten zusammen und verbanden sich mit der Dunkelheit draußen. Alle Kanten verschwanden, der Fensterrahmen aus tropischem Holz wurde Teil des Waldes. Am liebsten hätte Elle in ihrem Zimmer trockenes Laub aufgeschüttet und den Heizkörper mit Schlinggewächsen zugedeckt. Allerdings war der Boden auch jetzt nicht sichtbar. Da lagen dreckige und saubere Klamotten solidarisch nebeneinander, Zeug von ihrem letzten Zeichenanfall und dazwischen zwei drei Gläser, ein Teller mit einem angegessenen Apfel, eine Tüte vom Bäcker. He, wart mal, da war bestimmt noch ein Stück Käsestange drin. Sie war zu faul, um nachzukucken. Vielleicht gammelte es.

Elle hatte einmal zwei Vögel besessen, aber einer war nach ein paar Tagen gestorben und dem anderen hatte das Alleinsein das Herz gebrochen. Die Zoohandlung hätte ihr einen neuen geschenkt. Madlen verbot es. „Du kannst doch einen toten Vogel nicht einfach durch den nächsten ersetzen wie ne kaputte Hose!“ Das wollte Elle gar nicht, nur sollte der zweite sich eben nicht allein fühlen. Jetzt waren sie beide hin. Naja, das war schon wieder eine Weile her. Sie hatte keine Lust es auszurechnen. Sie nahm das Phone und tippte noch ein bisschen.

Draußen ging die Klingel. Elle hob den Kopf, der Abglanz des Bildschirms färbte ihre Haut kalt ein und überdeckte fast das Aufleuchten der Augen. Sie schwang die Beine von der Fensterbank und ging auf Socken aus dem Zimmer. Der Tee stand jetzt allein da, er dampfte nicht mehr. Die Luft von draußen wurde schnell kälter, die Heizung kam nicht dagegen an. Die eine Ecke des Zimmers, die von der Tür und dem Fenster am weitesten weg war, wirkte ein bisschen spooky in der Abenddunkelheit; die Blätter, soweit man sie noch unterscheiden konnte, schienen zu wackeln, ihre Schatten tanzten über die Wände. Aber das konnte nicht sein, das hätte bedeutet, dass die Wärmeströmung stark genug gewesen wäre, um ihr Laub zu bewegen, es hätte bedeutet, dass der Wind durch den schmalen Fensterspalt so heftig ins Zimmer hätte blasen können, dass er die Blätter gerührt hätte, aber es herrschte kein Wind. Die Luft stand, das Rauschen der Blätter, als säße jemand heimlich und nicht ganz still im Pflanzengewirr, konnte nur eine Täuschung sein, ein falscher Eindruck, geschuldet dem letzten Licht, das endgültig wich, dem nichts folgte, oder kaum etwas, denn der Garten war nach dieser Seite hin groß, der Himmel bedeckt, die nächsten Straßenlaternen standen weit weg und bei den benachbarten Häusern waren die Rollläden längst runtergelassen.

Auch Elle hätte den Rollladen runterleiern können, sie tat es nicht, sie tat es nie, sie hasste diese Art, sich endgültig in einer Box einzusperren. Sie wollte die Nacht nicht aus- und sich nicht einsperren. Gerade rief sie draußen auf dem Gang: „Mama! Wow, ich dachte, du kommst ohne Gips zurück.“ Und ihre Mutter erwiderte etwas, das in Elles Zimmer nicht zu verstehen war. Es gab noch ein anderes Fenster in der Haushälfte, das einen Spalt weit offen stand, das befand sich in Madlens Schlafzimmer, direkt über dem von Elle, aber an einer anderen Wand, nach Westen schauend. Dieses Fenster hatte keinen Rollladen, nicht mal eine Jalousie war davor befestigt. Es war kreisrund und maß im Radius achtzig Zentimeter, voll schön. Wenn Madlen nicht da war, setzte Elle sich manchmal in den Kreis und schaute raus. Madlen war drei Wochen lang nicht da gewesen. Das Fenster ließ sich öffnen, indem man es um eine vertikale Achse drehte, bis es halb im Zimmer und halb draußen stand – das einzige Extravagante an diesem Gebäude. Elle hatte es zu schließen vergessen, nur die letzten Zentimeter fehlten, für die man ein bisschen Kraft aufwenden musste. Die Heizung im ersten Stock war runtergedreht und es war kalt geworden oben. […]

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