Über den Schreibprozess (I)

Liebe User,

es ist für mich eine neue, manchmal auch irritierende Erfahrung, Texte in einem derart frühen Stadium zu veröffentlichen. Eure Kommentare und Ideen beflügeln mich, manchmal verunsichern sie mich auch. Anhand einiger Bücher über das Schreiben, in denen ich zur Zeit lese, versuche ich über diesen Prozess nachzudenken.

Haruki Murakami (Von Beruf Schriftsteller) sagt, dass er im ersten Stadium eines Romans jeden Tag „2,5 Bildschirmseiten auf dem PC“ schreibe, egal ob ihm genug einfalle oder nicht. Auch in der zweiten Runde macht er keinen Plan. Er verändert die erste Fassung „stark und umfangreich“, improvisiert, beseitigt Widersprüche und logische Mängel, ordnet um, schreibt neue Episoden. Das dauere ein bis zwei Monate.

Anschließend folgt ein dritter Durchgang, in dem Beschreibungen detailliert und Dialoge gestaltet werden. Schwierige Passagen vereinfacht er, die Geschichte soll „reibungslos“ fließen. In einem vierten Durchgang, schreibt Murakami, repariere und rhythmisiere er den Text – nicht überall soll er gleich dicht sein.

Damit ist er aber noch nicht am Ende. Er lässt sein Manuskript nun ein halbes oder sogar ein Jahr liegen. Jetzt erst holt er die Meinung dritter ein: zuerst die seiner Frau, dann die seines Lektors. Den Ratschlägen dieser ersten Leser folge er nicht immer, manchmal spornten sie ihn auch an, das Gegenteil von dem zu tun, was ihm geraten wurde. Für Murakami ist klar, dass es kein perfektes Manuskript gibt.

(Teil II folgt.)

6 Gedanken zu „Über den Schreibprozess (I)“

  1. 1
    passenger says:

    Ich finde dein ganzes Projekt KRASS! ein KRASSER ALPTRAUM! (im guten Sinne) Wenn ich mir das nur vorstelle, ich würde versuchen einen Roman bauen und vom allerersten Anfang an reden mir dauernd anonyme Personen rein … Alptraum ist gar kein Ausdruck! (Ich würde nicht mal ausschließen, dass u.a. auch deshalb das Kommentieren so einen Heidenspaß macht. Da ist durchaus ein gewisser Sadismus dabei (aber ein lieb gemeinter haha)

  2. 2
    dickeruebe says:

    Interessant, aber für einen Laien wie mich aucgh irgendwo desillusionierend – dass selbst eine so schwebende Literatur wie Murakamis nach so klaren strukturellen Abläufen entsteht. Das klingt doch recht mechanisch, z.B. das erst spätere Einfügen von Dialogen. Hätte mir ein organischeres Wachsen eines Werkes vorgestellt und irgendwo auch gewünscht.

    Wie machen Sie das normalerweise?

  3. 3
    Susanne says:

    Es ist interessant, zu lesen, wie Haruki Murakami einen Text zunächst ohne Plan beginnt, dann immer wieder verändert, ordnet und repariert. Und das alles allein und im stillen Kämmerlein. Welche Herausforderung für einen Schriftsteller, von Anfang an seinen Schreibprozess öffentlich zu machen und ihm völlig fremde User an der Entstehung des Textes zu beteiligen. Hut ab vor der Courage.

    Ich habe mich öfter gefragt – und das hängt zusammen mit der Frage nach dem literarischen Schreibprozess – wie weit Du den Usern gedanklich in der Konzeption voraus bist. Ist Dir bereits klar, das heißt, hast Du einen gedanklichen Plan, wie „die ungute Art, erwachsen zu werden“ bei Elle abläuft und worauf sie hinausläuft? Je stärker sich Deine Vorstellungen verfestigen, desto schwieriger wird es, die unterschiedlichen Ideen der User einzubinden.

    Dieses tolle Projekt ist für mich vor allem ein Experiment über einen besonderen Entstehungsprozess, das allen Beteiligten viele gedankliche Anregungen bringt. Übrigens: danke dafür!

  4. 4
    Thomas says:

    Über meinen Schreibprozess will ich zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas posten. Ich glaube, ich bin euch nicht weit voraus, obwohl ich mich natürlich mit diesem zehn Jahre alten Material immer mal wieder beschäftigt habe. Aber der Text entsteht im Moment und er überrascht mich oft selbst. Die Gestaltwerdung ist von euren Posts beeinflusst. Ich habe ein diffuses Gefühl von dem, was noch werden soll, weniger einen Plan. Ich erlebe es so, dass ich mich eher vortaste. Und manchmal habe ich ein bisschen Schiss vor diesem Nachher bei den Jugendlichen, weil ich denke, dass es schwierig sein wird, das zu gestalten. Das macht es andererseits auch so interessant … Alptraum im guten Sinne ist vielleicht ein ganz gelungener Ausdruck, denn ich mache hier etwas, von dem viele sagen, dass es nicht funktioniere. Immer waren wir beim Schreiben allein.

  5. 5
    Hanni Fallada says:

    Ich dachte die Mitschreiber sind Ideengeber, und die entgültige Gestaltungshoheit liegt beim Autor?

  6. 6
    Thomas says:

    Ich kann im Prinzip frei entscheiden. Bei meinem Post ging es mir mehr um den Aspekt der Autonomie beim Schreiben. Letztlich ist es ja auch eine Fikion, dass Autoren beim Schreiben wirklich allein wären. Die meisten partizpieren trotzdem irgendwie am Leben, die Welt läuft durch sie hindurch wie sie durch die Welt laufen. Trotzdem ist es etwas anderes, einen unmittelbaren Blick auf die Entstehung eines Textes zuzulassen und andere einzuladen, den Schreibrozess mitzugestalten. Es soll dabei auch von seiten der Mitarbeiter primärer Text entstehen, der nicht bloß kommentierend ist. Wie das nachher alles zusammenkommt, ist mir noch nicht klar, und muss sich aus diesem Projekt, für das ich kein Beispiel kenne, noch entwickeln.

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