Über den Schreibprozess (III)

Liebe User,

der Blogger Josh Cook begann seinen Artikel über das Publizieren von Büchern („Does Publishing Have a 1% Problem?“) auf inorderofimportance.blogspot.de im August 2016 über das Schreiben online:

„Ich habe irgendwo in einem Artikel gelesen, wie sich jemand über das Internet beschwerte. Es sei generell, besonders aber auf Blogs eine Welt des ersten Entwurfs (‚first draft world‘). Ich verstand, was er meinte. Aber ich mag das gerade am Internet, allgemein und besonders an Blogs. Perfekte Essays, Geschichten, Gedichte haben ihren Wert, aber in diesen ersten Entwürfen, diesen ersten Takes, diesen jungen Ideen steckt eine anderer Wert, und das Internet generell und insbesondere die Blogs geben uns die Chance, ausgehend von den ersten Ideen, längere Unterhaltungen zu führen.“

Was denkt ihr: Liegt darin ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Schreiben auf (oder fürs) Papier und dem digitalen Publizieren? Ist es vielleicht sogar ein Widerspruch, funktionieren „fertige“ oder „perfekte“ Texte online gar nicht? Wie wirken die Abschnitte von Der gefundene Tod in diesem Zusammenhang auf euch? Sind sie zu „papieren“ fürs Netz?

Mein Wunsch an die Wirkung des Netzromans kann ich ebenfalls mit Worten Cooks beschreiben: „Also hier ist meine Idee, möglicherweise der Beginn einer Unterhaltung, etwas, das mir so lange im Kopf herumging und das ich raushaben wollte, in der Welt, um zu sehen, ob es irgendwohin führt.“

6 Gedanken zu „Über den Schreibprozess (III)“

  1. 1
    passenger says:

    Das ist jetzt nun gar nicht sehr hilfreich – aber wie dermaßen gut passt das alles, was der Mann übers Online-Schreiben sagt, auf Tristram „writing is another name for conversation“ Shandy! War das vielleicht der erste Internet-Roman? Oder … passiert hier vielleicht auch sowas, von wegen … es wird nie fertig erzählt, weil der Autor dauernd vom Leser belämmert wird & wird trotzdem/deswegen absolut großartig?

     

     

     

    writing, if properly managed, is just another name for conversation?

    • 1.1
      Hanni Fallada says:

      Ich habe Tristam Shandy auszugsweise im Radio  gehört, fand es sehr unterhaltsam und auch genial, habe aber auch registriert, dass nicht jeder mit dieser Art von Literatur anfangen kann. Gut wär, denk ich eine gewisse Art von Glaubwürdigkeit, wobei ich nicht weiß wie man das in Worten genau ausdrückt.

      Bei Kafkas Buch „der Prozess“ wurde z.B. der Roman dank Max Brods erhalten, aber das der Orginalschreibprozess nicht mehr erkennbar war, hat dem Werk nicht unbedingt gut getan. Das Buch“Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spilman fand ich z.B. total unglaubwürdig, hab mich nach der Lektüre irgendwie veräppelt gefühlt, hatte den Eindruck das die Geschichte teilweise eigentlich einen anderen Verlauf nehmen wollte, aber nicht durfte. sie schreibt am Ende über ihren Schreibprozeß und das ihr alle , möglichen Leute geholfen haben und sie auf deren Ratschläge, was die Handlung anbetrifft. gehört hat. Das Gefühl hatte ich auch, und es hat dem Stoff in dem Fall meines Erachtens nicht gut getan, abgesehen davon, das ich es total überfrachtet fand. Aber es ist ein Beststeller. Insofern halt doch Geschmackssache.

      habe auch

       

  2. 2
    Hanni Fallada says:

    das „habe auch“ ist meinem Springcurser zu verdanken.

  3. 3
    Thomas says:

    Das ist eine spannende Frage: was macht einen Text glaubwürdig oder „wahr“? Gibt es eine innere Notwendikeit oder ist eine Erzählung elastisch und könnte auch ganz anders verlaufen? Der frühe Hamsun hat damit experimentiert und seine Figuren antipsychologisch gestaltet, was ihr Verhalten oft rätselhaft macht. Dennoch spüre ich bei ihm keine bloße Beliebigkeit.

    • 3.1
      Hanni Fallada says:

      Es ist schwierig zu erklären. Ich denke es geht mir darum, dass der Text in sich stimmig ist. Noch ein Beispiel: „Der Allesforscher“ von Steinfest Heinrich. Eigentlich ein schönes Buch es strozt vor steinfestischen, unglaublichen Begebenheiten. Dennoch ist die Handlung nach meinen Gefühl nicht recht im Fluß, in der zweiten Hälfte des Buches. Er schreibt das auch am Schluß, dass die Handlung eigentlich einen anderen Verlauf hätte nehmen sollen, dass seine Frau aber sagte das der Leser ihn den geplannten Verlauf nicht abnehmen würde. Ich hatte das Empfinden, den Schluß musste er sich daher irgendwie aus den Fingern saugen. Seine anderen Büchern, die ich gelesen haben strotzen genauso von Unglaublikeiten, dennoch sind sie in sich stimmig, trotz kruden Verlauf. Ebenso bei der „unendlichen Geschichte“ von Michael Ende. Der hat mal zugegeben, das er in der Mitte der Geschichte nicht mehr weiter wußte und aufhören wollte. Merkwürdigerweise bin ich beim Lesen ohne es zu wissen immer bis zu dieser Stelle gekommen, dann konnte ich nicht mehr weiterlesen, der Textfluß war unterbrochen,  die Erzählung fühlte sich zu Ende, auserzählt an, wenn auch nicht happybeendet. Ich glaube es geht bei einem  Text der sich stimmig, glauwürdig darum, dem Leser wirklich etwas zu erzählen, vermitteln zu wollen, nicht unbedingt darum ein Buch zu schreiben um des Buches willen.

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