Wann ist einer eigentlich tot I

Zu Tod und Toten habe ich eine Reihe Bücher gelesen, um das Thema kulturell, sozial, historisch einordnen zu können. So kam ich über einen Aufsatz zum „sozialen Tod“ auf den Schweizer Ethnologen Felix Speiser. Der beschreibt in seinem Buch Südsee, urwald, kannibalen (1913) unter anderem die Insel Vao (gehört heute zu Vanuato, Melanesien) und ihre Bewohner. Dabei schildert er folgende gesellschaftliche Praxis: „Alte, die sich nicht mehr selbst helfen können, und die, weil nicht bei hoher Kraft, kein Ansehen genießen, sind leicht des Lebens müde und bitten sogar oft die Verwandten, ihrem mühseligen Dasein ein sanftes Ende zu bereiten. Blutenden Herzens tun es diese, indem sie die Alten nach einem letzten guten Mahle erdrosseln oder begraben.“

Der dortige Pfarrer habe einmal einen so lebendig Begrabenen „errettet und in einem Schiebekarren nach Hause gestoßen“. Der Mann, schreibt Speiser, „war durchaus gegen seinen Willen beerdigt worden, und zweimal war es ihm gelungen, sich aus der nur lose und oberflächlich aufgeworfenen Erde herauszuwühlen und zu den Seinen zurückzukehren. Die behandelten ihn aber einfach als Luft, ja als ein Gespenst, denn er sei ja begraben worden und habe durchaus kein Recht mehr, sich unter die Lebenden zu begeben. Man erklärte dem Unglückseligen, er sei eben tot, gab ihm nichts zu essen und begrub ihn das dritte Mal etwas nachhaltiger, so daß der Arme wohl wirklich gestorben wäre, wenn der Pater ihn nicht aus seinem Grabe erlöst hätte.“

Er verbrachte den Rest seiner Tage in der Missionsstation. Seine Landsleute ignorierten ihn weiterhin.

2 Gedanken zu „Wann ist einer eigentlich tot I“

  1. 1
    Susanne says:

    Das Wort „eigentlich“ deutet schon darauf hin, dass die Frage kaum eindeutig zu beantworten ist.

    In dem angeführten Beispiel von der Südsee bestand offensichtlich ein gesellschaftlicher Konsens (oft entstanden aus der Notwendigkeit, dass die Anderen überleben) darüber, dass tot ist, wer erdrosselt und begraben wurde. Diese tradierte Vorstellung war so stark, dass sie den Mann, nachdem er aus dem Grab zurückgekehrt war, nicht mehr als Lebenden sahen und behandelten. Die Reaktion des Pfarrers war entsprechend seines christlichen Hintergrundes eine andere. Er beantwortete die Frage, wann einer tot sei, anders. Er rettete den Mann. Vor dem „sozialen Tod“ durch seine Landsleute konnte er ihn aber auch nicht bewahren.

    Wann ist einer tot? Heute ist es erlaubt, Hirntoten Organe zu entnehmen, obwohl viele Zweifel haben, ob Hirntod und Tod dasselbe sind.

    Ist einer tot, solange es Menschen gibt, die sich an ihn erinnern? Aber Erinnern geht nur in eine Richtung. Ist also dann einer tot, wenn man nicht mehr mit ihm interagieren kann?

    Die Frage „Wann ist einer eigentlich tot?“ stellen nur die Lebenden. Den Toten dürfte sie egal sein. – Hoffentlich!

     

     

     

     

     

  2. 2
    Thomas says:

    Es gibt auch Menschen, die mit Toten gute Kontakte pflegen, mit ihnen reden oder sich weiter verbunden fühlen. So gesehen hat der Tod mit Isolation zu tun, mit der Frage, ob es möglich ist zu kommunizieren. Aber das kann nur ein Aspekt sein, denke ich.

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