Wann ist einer eigentlich tot II

In einer der hier geposteten Pressemeldungen der Polizei hieß es zum Toten von Traunreut: „Am Dienstag wurde der Tote als der seit 12.02.06 aus Traunreut vermisste Joachim Schulze identifiziert. Aufgrund eines in der Wohnung gefundenen Abschiedsbriefes musste von einem möglichen Suizid ausgegangen werden. Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Die Ermittlungen haben ergeben, dass der 49-jährige Mann entsprechend seiner Ankündigung nach intensivem Alkoholgenusses in der unmittelbaren Nähe des Fundortes verstorben und bewusst aus dem Leben geschieden war. Dies dürfte in zeitlicher Nähe mit seinem Verschwinden am 12.02.06 gewesen sein. Zusätzliche Abschiedsbriefe wurden bei der kriminalpolizeilichen Arbeit am Fundort aufgefunden.“

Vielleicht habe ich damals an einer anderen Stelle gelesen, dass es sich um einen Arbeitslosen gehandelt hätte. Jedenfalls hatte ich beim Gedanken an den Toten die Vorstellung von einem Mann, der aus allen Bindungen rausgefallen und alkoholkrank ist. Als ich den Bericht von Felix Speiser las, dachte ich: Wow, dieser lebendig Begrabene ist wie der Mann von Traunreut. Beide haben in ihrer Umwelt keinen anerkannten Platz mehr gefunden. Man hat sie ignoriert, wie tot behandelt. So streifen ja auch Obdachlose durch unsere Straßen, ohne dass wir sie wahrnehmen. (Dazu könnt ihr hier etwas lesen.) Sie haben keine Bedeutung für uns. So stelle ich mir diesen Mann vor. Er geistert durch die kleine Stadt und merkt, dass es keinen Unterschied macht, ob er lebt oder stirbt. Er übernimmt es selbst, sich aus dem Weg zu räumen, verbirgt sich im Wald und lässt sich erfrieren. Wochenlang bleibt er unbeerdigt liegen.

4 Gedanken zu „Wann ist einer eigentlich tot II“

  1. 1
    porlock says:

    Das erinnert mich an eine ehemalige Mitarbeiterin von mir, die damals, vor vielen Jahren, bereits ihren Tod minutiös vorgeplant hatte, damit sie niemanden zur Last fallen würde. Also von der Art des Todes (als Gläubige nicht durch klassischen Selbstmord sondern durch Verhungern) über den Ort (Badewanne, weil sich Keramik gut reinigen läßt) über einen ausgeklügelten Prozess, mit dem sie rechtzeitig, also nach dem Tod, Nachbarn benachrichtigen wollte… manchmal frage ich mich, ob ich nicht einmal von ihr in der Zeitung lesen werde…
    Letztlich ist doch die Verfügungsgewalt über den eigenen Tod, also die Art, wie wir aus der Gesellschaft verschwinden wollen, schon eine moderne menschliche Sehnsucht. Früher hat man sich vielleicht mehr „aufs Stinken verlassen“, weil man sich im sozialen Netz von Familie und Gesellschaft eingebunden fühlte – mit der Freiheit des Individuums in der modernen Anonymität geht dagegen auch mehr Verantwortung für das eigene Ende daher.

  2. 2
    L!nda says:

    Ich glaube gar nicht, dass man Menschen, die aus dem sozialen Gefüge rausgefallen sind, nicht mehr wirklich wahrnimmt. Man nimmt sie wahr, und das erfüllt einen derart mit Unbehagen, dass man sie ignoriert, um das Gefühl von sich wegzuhalten. Warum? Weil man nicht helfen kann oder will? Weil man glaubt, jemand anderes wird sich schon darum kümmern? Es gibt ja eigentlich noch „Auffangnetze“. Für denjenigen*, der* ignoriert wird, kommt es aber vermutlich aufs Gleiche raus, wirklich nicht gesehen werden oder absichtlich nicht gesehen werden.

    Vielleicht ist es eher der Gedanke der „Belastung“: Wenn man gesellschaftlich keine Funktion, beispielsweise durch Arbeit o.Ä., mehr erfüllt, könnte man das Gefühl bekommen, auch kein Recht mehr zu haben, Teil der Gesellschaft zu sein. Ähnlich wie es die Geschichte über die Inselbewohner schildert. Und der „Tote von Traunreut“ nimmt seinem Umfeld nun noch die Arbeit ab und sorgt selbst für sein Ende.

     

     

  3. 3
    kiki says:

    Wie ist das denn mit den Jugendlichen, die an der Tat beteiligt waren? Müssten sie durch diese extreme Normverletzung nicht auch irgendwie aus dem sozialen Gefüge fallen, „sozial sterben“? Oder können sie ihre Schuld irgendwie wieder gut machen und so wieder einen Platz in der Gemeinschaft finden? Resozialisierung?

    • 3.1
      Thomas says:

      In diesem Fall wurde die Identität der Jugendlichen geschützt, immerhin. Am Ort scheint man aber zu wissen, um wen es sich handelt oder gehandelt hat. Der Gedanke, dass auch die Jugendlichen sozial sterben (oder vielleicht schon sozial tot waren?) ist für die Geschichte sehr interessant. Ich hatte bereits die Fantasie, dass ein Suizid, der sich Jahre später nah dem Ort des Geschehens ereignete, mit der Leichenschädnung verknüpft ist. Die Ablehnung, die in den Foren seinerzeit spürbar wurde, hat es sicher auch im Leben der Jugendlichen gegeben. Andererseits auch Hilfsangebote. Ein Ortswechsel könnte eine Option sein.

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