Was ist eine literarische Figur I

Seit einigen Tagen sind wir dabei, uns über die Figuren dieser Geschichte zu unterhalten. Dabei machen wir – ziemlich selbstverständlich – mehrere Voraussetzungen. Zum Einen, dass es eine Geschichte gäbe. Das ist naheliegend, weil der Text auf einer wahren Begebenheit aufbauen soll. Echte Menschen haben wirklich etwas getan. (Das lässt sich natürlich auch infrage stellen, aber wir setzen hier mal ein alltagstaugliches Konzept von Realität voraus.) Zum anderen setzen wir voraus, dass die Figuren in der Geschichte uns ähnlich sind. Sie haben Namen, sie haben Familien, Freunde, sie wohnen an bestimmten Orten.

Diese Vorstellungen helfen uns vermeintlich dabei, die Ereignisse plausibel zu machen. Gleichzeitig sind wir aber mitten in einem Prozess, der zu einem gegebenen Ereignis plausible Figuren zu finden versucht.

Aber was macht eine literarische Figur (im Kontext eines irgendwie dem Realismus verpflichteten Erzählens) aus? Muss sie eine Haarfarbe haben, einen sozialen Background? Muss man ihre Nase kennen, ihr Herz? Wissen, wie oft sie sich wäscht oder ob sie Spinat mag? Ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt oder die Wiedergeburt?

Der englische Autor E. M. Forster (Wiedersehen in Howards End, Zimmer mit Aussicht) hat sich damit beschäftigt. In einer Reihe von Vorträgen, 1927 unter dem Titel Aspects of the Novel erschienen, stellt er eine Thesen über literarische Figuren auf, die er schlicht „people“ nennt. Damit ist ein wesentlicher Punkt schon impliziert: Für ihn sind literarische Figuren Menschen („human beings“), jedenfalls geben sie das vor.

Aber Forster weiß auch, dass Figuren im Grunde Wort-Anhäufungen („word-masses“) sind. Sie haben weder Fleisch noch Blut. Der Autor gibt ihnen Namen, stattet sie mit einem Geschlecht und plausiblen Gebärden aus, lässt sie in wörtlicher Rede sprechen. Sie sind immer abhängig von den eigenen Denkmöglichkeiten des Autors. Im Unterschied zu realen Menschen werden literarische Figuren laut Forster vom Leser vollständig erfasst – der Autor enthüllt ihre verborgenen Seiten sowie deren Ursprung. Sie können Einflüssen von außen unterliegen, die ihr Leben und ihre Persönlichkeit verändern. Aber sie müssten, sagt Forster, keineswegs die Komplexität und Vollständigkeit eines lebenden Menschen besitzen, zum Beispiel benötigten sie keine Drüsen.

Erzählende Literatur enthüllt das, was uns sonst an unserem Mitmenschen verborgen oder rätselhaft ist. So verstehe ich Forster, der selbst etwas nebulös schreibt, Literatur gehe über das Offenkundige am Menschen hinaus. „Und darum“, heißt es bei ihm, „können Romane uns trösten, selbst wenn sie von bösen Leuten handeln, sie behaupten eine leichter verständliche und somit leichter zu handhabende Menschheit …“ (Diese Rohübersetzung habe ich übrigens selbst vorgenommen, weil die, soweit ich sehe, einzige deutsche Ausgabe von 1949 mir nicht vorliegt.)

Praktisch unterscheidet Forster zwischen flachen und runden Charakteren. Die flachen ließen sich in einem Satz zusammenfassen, sie seien meist komisch, da sie als tragische Figuren langweilig wirkten. Der runde Charakter dagegen sei in der Lage, den Leser auf überzeugende Weise zu überraschen. Sie erweckten den Eindruck, mehr zu sein als das, was man von ihnen im Roman lesen könne.

Das Buch ist neunzig Jahre alt, und seitdem (auch damals schon) ist in der Literatur viel ausprobiert worden. Es gibt Bücher mit Figuren, die nicht konsistent sind, also etwa ihren Charakter wechseln. Es gibt Figuren, die entgegen unserem psychologischen Verständnis funktionieren, die in ihrem Verhalten unerklärlich bleiben und uns doch faszinieren. Es gibt Figuren, die nur noch A oder B heißen oder ganz namenlos und ohne festen Standpunkt bleiben.

Deshalb war ich erstaunt, wie viel Forster in dem enthalten ist, was wir bis jetzt zu den Figuren in Der gefundene Tod geschrieben haben – vor allem die Forderung nach Konsistenz und Ebenbildlichkeit ist stark. Flache Figuren scheinen dagegen etwas aus der Mode zu sein.

Aber vielleicht ist eine literarische Figur auch schnell überdeterminiert? Verliert sie ihr Geheimnis, wenn man zu viel über sie sagt (und braucht sie andererseits ein Geheimnis)? Ist es gut oder schädlich für einen Autor, mehr über die Figuren zu wissen als sich später im Text niederschlägt? Ist das überhaupt möglich?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.