X Der Fund (1)

Auf das gesperrte Bahngelände zu kommen war nicht schwer. An der Straße befand sich ein Tor mit einem festen Metallrahmen, höchstens eins siebzig hoch. Wer nicht gesehen werden wollte, konnte statt darüber zu klettern einfach ein Stück weit an dem alten, von verwitterten Betonpfählen gestützten Maschendraht entlanglaufen. Zwischen Fichten und Gestrüpp gab es mehrere Lücken, durch die sich kriechen oder klettern ließ. Auf der anderen Seite des Geländes, wo ein totes Gleis vor einem halb verfaulten Prellbock endete, stand ein weiteres Tor so weit offen, dass Elle sich mit etwas Luftanhalten einfach durchquetschen konnte.

Diesen Weg hatte sie am Nachmittag genommen, um zwei Einkaufstüten mit Knabberzeug, Cola und anderen langweiligen Sachen zum Lagerschuppen zu bringen. Wie sie es da mit ihren Freunden eine ganze Nacht lang aushalten sollten, war ihr selbst noch nicht klar. Auch wenn es niemand interessierte, was hier los war, wollte sie lieber kein Lagerfeuer machen. Hell hatte etwas von einem Feldofen gefaselt, den sein Vater noch von der Bundeswehr besaß. Aber sie glaubte nicht, dass es stimmte. Ein Feld zu heizen war schließlich vollkommen sinnlos. Außerdem würde Hell sich niemals die Mühe machen und zu Fuß einen Ofen hierher schleppen!

In dem Krieg, der im vergangenen Jahrhundert ihren Opa und die meisten anderen Bewohner nach Vierweg gebracht hatte, musste auf dem Bahngelände einiges los gewesen sein. Die Stadt gab es damals noch gar nicht, vielmehr stand da eine Munitionsfabrik, schön ab vom Schuss und im Wald versteckt. Die Leute, die hier arbeiteten, waren nicht freiwillig gekommen, es waren meistens Gefangene aus anderen Ländern, hatte man Elle erklärt. Mit der Eisenbahn wurde das Zeug an alle möglichen Fronten gebracht und dort von der Bundeswehr oder wie das hieß verschossen. Die Zwangsarbeiter überlebten nicht lange, weil die Munition giftig war und sie nur wenig zu essen bekamen. Wenn sie zu langsam arbeiteten, wurden sie erschossen. Die Nazis, die an all dem schuld waren, schienen eher ungechillt gewesen zu sein. „Diese Stadt ist auf Knochen errichtet“, hatte ihr Opa immer gesagt. Leider lebte er inzwischen in der Gruft, dem Seniorenzentrum, und litt an etwas, das nicht Alzheimer hieß, aber genauso scheiße war.

Die Knochen waren inzwischen sicher selbst verfault und seit fünfzig Jahren oder so fuhr hier auch kein Zug mehr. Höchstens einen Kilometer weiter rauschte der ICE vorbei, nur halten würde er hier in hundert Jahren noch nicht. Dementsprechend waren die Gebäude und das ganze Gelände ziemlich vermodert. Auf dem Dach wuchs Gras und auf der einen Seite sogar eine kleine Birke. Sie hatte schon Blätter. Überall sprossen Knospen, das Gras war grün und schon so hoch, dass man beim Laufen nasse Knöchel bekam. Offenbar war das nicht normal, denn von den Temperaturen her herrschte immer noch Winter. Die Geo-Lehrerin hatte behauptet, es würde am ersten Mai schneien.

Elle wurde am ersten Mai sechzehn. Das war kein schlechter Tag. Immer hatten alle frei und selten fuhren alle weg, außer er fiel auf einen Montag oder, wie in diesem Jahr, auf einen Freitag. Aber diesmal feierte sie rein, es war Donnerstag und die Leute waren daheim, und es gab keine Schule am nächsten Morgen!

Vorteil Nummer zwei: Ihre Mutter war verreist. Sie hatte diesen neuen Lover oder wollte ihn haben. „Es ist mir totaal peinlich, deinen wichtigen sechzehnten Geburtstag zu verpassen, aber es gab da diesen super günstigen Flug nach Malle, und Chris hat ihn schon gebucht, er wusste ja von nichts. Hey, aber ich ruf dich an, sobald wir im Hotel sind! Achja, und ich habe mit deinem Vater geredet. Er lässt was springen und, also, du bekommst eine Vespa! Übrigens besucht uns Alice in den Pfingstferien. Und das Helix-Piercing geht auch in Ordnung, kannst du das jetzt selbst erledigen oder muss ich mitgehen? Weißt du, ob wir noch Sonnenmilch haben, die in der Sprühflasche? Könntest du welche besorgen?“

Elle hatte ihr noch nicht gesagt, dass sie sich im Fahrunterricht gelegt hatte und erst mal nicht mehr hinging.

Jetzt war es sieben, noch voll hell. Elle saß auf einer Pappe, die sie extra mitgebracht hatte, ließ die Beine von der Laderampe baumeln und wartete weiter auf die ersten Gäste. Sie hatte nur eine Flasche Wodka mitgebracht, in dieser Angelegenheit verließ sie sich auf Dennis, den sie nicht soo gern eingeladen hatte. Aber er gehörte jetzt dazu, sogar Vale durfte kommen! Junis würde Dope organisieren.

Sie war dabei, eine Legende zu schaffen. Elles sechzehnter – von diesem Abend würde man noch reden, wenn sich schon lange niemand mehr an die Muna und den Krieg erinnerte! Sie träumte davon, dass die Leute nur so aufs Gelände strömten, diverse Spots bildeten, an denen unterschiedliche Musik lief – die einen tanzten, die anderen chillten, alle soffen und rauchten und fanden es mega geil. Ein bisschen spekulierte sie auch über die Geschenke, die sie bekommen würde. Allerdings bekam sie bald einen kalten Arsch und sprang wieder auf, um sich mit ein paar Übungen aufzuwärmen. Es sah ja keiner zu.

Doch kaum hatte sie mit dem Stretching begonnen, erhielt sie einen Stoß gegen die Schulter. Elle erschrak.

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